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Ausstellung in Gelsenkirchen

Die sechs Megatrends der Stadtentwicklung

GELSENKIRCHEN In Karail Basti (Bangladesch) wohnen 120.000 Menschen auf einer Fläche von vier Fußballfeldern. Nur ein Beispiel für die globalen Probleme der Städte, die eine Schau in Gelsenkirchen beschreibt.

Die sechs Megatrends der Stadtentwicklung

Das ist die Siedlung Karail Basti mitten in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Das Wort „Basti“ bedeutet Siedlung. Das größte Armenviertel der Stadt soll zerstört werden – aber hier leben rund 120.00 Menschen. Foto Nest

Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Städte sein. So heißt es in der Ausstellung „Planetary Urbanism“ – weltweite Stadtplanung –, die das Museum für Architektur NRW im Wissenschaftspark Gelsenkirchen zeigt. Schon jetzt leben in Tokyo 37 Millionen Menschen, es ist die größte Stadt der Welt. Delhi folgt mit 24 Millionen, Schanghai mit 22 Millionen Einwohnern. Bald wird die Hälfte der Menschheit in Städten leben. Aber wie kann die Lebenswirklichkeit in solchen gewaltigen Gebilden beschrieben werden?

Die Ausstellung wagt den Versuch, auch wenn sie mit ihren vielen Schrifttafeln etwas dröge gestaltet ist. Sie zeigt die Ergebnisse eines Wettbewerbs, den die Architekturzeitschrift ARCH+ aus Aachen ausgeschrieben hat. In der Form von teils riesigen Grafiken beschreibt sie die sechs Megatrends der Stadtentwicklung und nennt hochinteressante Beispiele.

1 Globalisierung

Globale Ökonomie bestimmt die Lebenswirklichkeit in den Städten, jedoch in einem sehr asymmetrischen Verhältnis. Unsere Konsumwelt ist ohne die Produktion in den Billiglohnländern nicht denkbar. Dort entstehen umweltbelastende Industrien und katastrophale Arbeitsbedingungen. Der Export von subventionierten Agrarprodukten in die Entwicklungsländer zerstört die Grundlage des Kleingewerbes und der Bauern, das treibt sie in die Städte.

Beispiel: Palmöl. Jeder Europäer konsumiert durchschnittlich 60 Kilo Palmöl pro Jahr. Es steckt in Lebensmitteln wie Nussnougatcremes, Doppelkeksen, Schokoriegeln und Kosmetika. Der Anbau zerstört weltweit den Regenwald.

2 Die vernetzte Stadt

Immer mehr Menschen verfügen über Smartphones, haben Zugang zu Internet. Wie die zwei Seiten einer Münze gibt es dadurch die reale Stadt, aber auch die digitalen Räume – und das kann verblüffende Chancen eröffnen.

Beispiel: das subversive Teheran. In der Hauptstadt des Iran ist das öffentliche Leben durch religiöse Regeln extrem eingeschränkt. Frauen dürfen nicht vor Publikum singen, der Konsum von Alkohol ist verboten. Über das Handy erfährt man, wo dennoch Konzerte stattfinden oder Alkohol ausgeschenkt wird.

3 Selbstorganisation als Überlebensstrategie

Wir Deutschen sind daran gewöhnt, dass eine Stadtverwaltung unser Zusammenleben regelt. Doch überall auf der Welt entstehen am Rande der Megacities ungeplante, unkontrolliert wachsende Siedlungen, in denen die Menschen nur dank Selbsthilfe überleben können.

Beispiel: Karail Basti. Den Begriff „Slum“ für die gigantische Siedlung mitten in der Stadt Dhaka (Bangladesch) will Günter Nest von der Weißensee Kunsthochschule Berlin nicht hören. Er nennt das gewaltige Hüttendorf, in dem 120.000 Menschen leben, eine selbstorganisierte Siedlung. Seit 30 Jahren leben hier arme Menschen, die Stadt Dhaka will sie zugunsten eines IT-Campus vertreiben. Die Forscherin Elisa T. Bertuzzo hat mittendrin gelebt und eine Karte der Siedlung geschaffen, aus der die verblüffenden Errungenschaften sichtbar werden: Es gibt eine Wasserversorgung und Toiletten, Geschäfte und Moscheen. Das „Habitat Forum Berlin“, in dem sich Bertuzzo und Nest engagieren, fordert, die Siedlung als Kulturerbe des 21. Jahrhunderts anzuerkennen und zu unterstützen.

4 Neoliberale Stadtpolitik

Viele öffentliche Aufgaben der Städte sind privatisiert worden. In der Ausstellung heißt es: „Diese Politik, die auch in Entwicklungs- und Schwellenländern auf Druck der Weltbank betrieben wurde, hat die Lebensverhältnisse der Bevölkerung nachhaltig verschlechtert. Durch den Verkauf kommunaler Liegenschaften an private Investoren verlieren die Kommunen ein wichtiges Steuerungsinstrument.

Beispiel: der Ausverkauf Berlins. Seit 2001 trennt sich die Stadt Berlin von einem Teil ihrer öffentlichen Stadtfläche. Sechs Prozent davon stehen zum Verkauf an private Investoren. Nur das Kapital entscheidet, Nutzungskonzepte spielen keine Rolle.

5 Verhältnis zu Natur und Umwelt

Städte sind parasitär, das heißt, sie verbrauchen viele Ressourcen aus ihrer Umgebung. Deshalb muss über Modelle des selbstgenügsamen Wachstums, alternative Formen der Energiegewinnung und energiesparendes Bauen nachgedacht werden.

Beispiel Venedig: Das Ökosystem der Lagune wird seit Langem vernachlässigt. Wissenschaftler schlagen eine Reihe von Veränderungen vor – etwa schwimmende Solarkraftwerke oder die Biogasproduktion aus Abfall. In den leer stehenden Fabriken auf der Insel Murano – chinesische Importware macht den Glasbläsern dort das Leben schwer – könnten Algen-Farmen entstehen.

6 Migration

Der Weg in die Städte ist häufig nicht freiwillig. Weltweit sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Kriegen, Verfolgung oder Umweltkatastrophen.

Beispiel: Wanderarbeit in China. 2015 belief sich die Zahl der Wanderarbeiter in China auf 270 Millionen! Noch nicht einmal ein Fünftel dieser Menschen hat eine Krankenversicherung oder zahlt für die Rente ein, alle werden ausgebeutet. Ihre Behausungen sind oft illegal, überfüllt und brandgefährdet.

Wissenschaftspark Gelsenkirchen: „Planetary Urbanism“, Munscheidstraße 14, nur noch bis 16.12.2017., Mo-Fr 6-19 Uhr, Sa 7.30-17 Uhr, So geschlossen, Eintritt frei. Das empfehlenswerte Heft „Planetary Urbanism“ mit allen Grafiken ist im Buchhandel erhältlich, Arch+ Verlag Aachen, ISBN 978-3-931435-33-2, 24 Euro.

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