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Interview mit Tatort-Staatsanwältin

Mechthild Großmann: "Ich muss auf jung spielen"

BOCHUM Populär wurde Mechthild Großmann als rauchende Staatsanwältin im Münster-Tatort. Jetzt spielt sie am Schauspielhaus Bochum die Titelrolle in Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“. Im Gespräch mit Ronny von Wangenheim erinnert sie sich an einen Riesenskandal auf der Bochumer Theaterbühne, an die Anfänge bei Pina Bausch und spricht über ihre kleine Fernseh- und die große Theaterrolle.

Mechthild Großmann: "Ich muss auf jung spielen"

Die Schauspielerin Mechthild Großmann ist jetzt im Bochumer Schauspielhaus zu sehen.

Wenn  einem die Rolle der „alten Dame“ angeboten bekommt, schluckt man dann erst einmal?

Weil die alt ist? Nein, ich bin älter, als die Dame in dem Stück ist. Ich muss auf jung spielen (lacht).

 

Die Vorstellung als reiche Frau...

...die reichste Frau der Welt...

 

...eine Stadt und ihre Menschen kaufen zu können, um einen lang gehegten Wunsch nach Rache zu erfüllen, ist das eine Vorstellung, die Sie auch persönlich reizen könnte?

Ganz sicher nicht. Ich neige nicht dazu. Es gibt so ein paar Sachen. Das ist Rache und das ist Hass, das gehört sicher zum Menschen dazu. Aber das ist nicht zu befriedigen.

 

Das gilt auch für die alte Dame?

Befriedigen tut sie das nicht. Da streiten wir auf Proben immer. Weil ich sage, die ist gar nicht so böse. Weil ich immer alle Figuren verteidige, die ich spiele. Da ist ja ein Mensch und ein Leben zerstört worden. Die will abrechnen. Die will, dass wieder was in die Ordnung kommt. Es gibt einen ganz tollen Satz. Sie sagt: „Aber dieser Traum von Leben, von Lieben, von Vertrauen, dieser einst wirkliche Traum, den habe ich nie vergessen.“ Aber den hat sie auch nie bekommen.

 

Um was geht es Dürrenmatt?

Ich persönlich denke, das ist ein Stück über Macht, nicht nur über die Macht der alten Frau, sondern überhaupt über Macht. Wie ist man mit ihr umgegangen, nicht nur der Mann, sondern die ganze Stadt, die Meineide geschworen hat. Sie hatte mit ihren 16,17 Jahren niemanden, der sie schützte. Im Gegenteil, man hat drauf gehauen.  Es geht um Macht, um Korrumpierbarkeit – und um unendliche Verletztheit.

 

Die alte Dame ist also eine traurige Figur?

Ja, aber dass das Ganze eine Komödie ist, finde ich sehr schön. Das nimmt der Traurigkeit nichts, finde ich, aber es muss ja nicht noch traurig gespielt werden.

 

Sie haben viel Theater gespielt. Ist es ausgerechnet die Fernsehrolle der Staatsanwältin Wilhelmine Klemm, die ihr Leben verändert hat?

(lacht) Ja, jetzt wissen meine Nachbarn, was ich von Beruf bin. Das wussten sie vorher sicher nicht.

 

Also gerade für eine Rolle, die sicher nicht Ihre größte künstlerische Herausforderung ist.

Weiß gott nicht. Dennoch muss man auch kleine Sachen, sehr kleine Sachen, und gerade die besonders versuchen gut zu machen, schön zu machen.

 

Was macht gerade den Tatort aus Münster seit immerhin schon zwölf Jahren so erfolgreich?

Vielleicht, weil es ein Familienvergnügen ist. Da können alle mitgucken. Es hat damit zu tun, dass man den Axel Prahl und den bekloppten Pathologen sehen will und den Vater, der wieder kiffend im Taxi sitzt und man diese politisch nicht korrekten Sprüche hören will. Und es ist nicht so, dass man einfach eine Leiche findet. Es sind keine anonymen Morde. Irgendwer kennt immer jemanden.

 

Mögen Sie ihre Staatsanwältin. Hat sie viel von Ihnen?

Die hat auf jeden Fall meine Haare, meine Beine, meine Hände, meine Stimme. Ich glaube nicht, dass ich mit der so viel Ähnlichkeit habe privat. Aja sicher, so dieses rau aber herzlich, das war immer, was  ich gespielt habe, oder die Bösen. Es sind ja nie die lieben, bescheidenen, netten Damen, die ich gespielt habe. Das zieht sich schon durch so ein Schauspielerleben. Wenn man sich in solchen  Rollen abreagieren kann, ist man vielleicht im Privatleben viel lieber (lacht). Man kann das anders ausleben.

 

Liegt das an ihrer dunklen, rauen Stimme, die nach durchzechten Nächten klingt?

Ich habe als junger Mensch viele Rollen nicht gespielt deswegen. Es hat mich manchmal sehr geärgert. Aber ich würde es nicht auf die Stimme reduzieren. Ich war sehr dünn, hatte etwas androgynes.

 

Ihre künstlerische Heimat ist ganz woanders.

Das ist Pina Bausch, ja.

 

Eine 40 Jahre dauernde Geschichte.

Nicht immer fest engagiert, aber es gab kein Jahr, in dem ich da nicht gespielt habe.

 

Wie kam es dazu?

Pina hatte mich auf der Bühne gesehen und fragte mich, ob ich in einem Stück bei ihr mitmachen wollte, wo sie Schauspieler brauchte. Ich habe das erst gar nicht kapiert, ich habe das für Unfug gehalten. Ich hatte ihren Namen noch nie gehört, es war 1975, sie kannte kein Mensch. Da saß dann so eine Person, die schon anders aussah als andere Personen, das meine ich nicht nur äußerlich. Ich wusste nicht, dass ich da dann mein Leben verbringen werde. Ich fühlte mich sehr geliebt und ich habe die Lady auch sehr geliebt. Mit geliebt meine ich, man war auch gemeint. Die hat sich an mir  gefreut und ich bin immer mutiger geworden.

 

Aber Sie sind keine Tänzerin?

Ich habe nicht getanzt, ich habe Bewegungsabläufe mitgemacht. Und alle würden beschwören, dass ich mitgetanzt hätte. Die Pina war sehr gut in solchen Sachen. Die meisten haben mich für eine Tänzerin gehalten. Einfach, weil Pina mich so integriert hat. Das heißt aber nicht, dass ich getanzt habe (lacht).  Ich bin absolut keine Tänzerin.

 

1977 ging es dann zu Zadek ans Schauspielhaus Bochum.

Ich war hier für knapp zwei Jahre fest engagiert. Und dann hat die Pina hier ein Stück gemacht, eine Koproduktion Wuppertal-Bochum. Das hieß „Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloss, die anderen folgen“. Ein Shakespeare-Thema. Sie hat nicht Macbeth gemacht, sondern sie hat sich mit dem Thema beschäftigt. Mit Angst, sich solange die Hände waschen, bis die Haut abfällt. Immer Angst, immer wach sein müssen, schlechtes Gewissen haben. Aber sie hatte nie den Anspruch Macbeth zu machen.

 

Und war es ein Erfolg?

Es war ein Riesenskandal, wir mussten aufhören zu spielen, die Zuschauer haben mit Gegenständen geworfen. Eine der schönen Premieren, wo man das Haus halbleer gespielt hat (lacht laut). Das fanden wir damals nicht so witzig.

 

1978 wechselten sie dann nach Wuppertal.

Da bin ich fest ins Pina Bausch-Ensemble gegangen für viele Jahre. Ich weiß noch, wie ich in Wuppertal ankam in der Oper. Da war Post für mich, da stand „Mechthild Großmann, Ballett“. Ich fand das wahnsinnig komisch. Da war ich schon ein Stück über 30. Und da dachte ich, irgendwie ist das der falsche Anfang, (lacht) da hören viele doch schon auf.

 

Das war sicher keine leichte Entscheidung.

Kein Mensch wusste damals, dass das eine weltberühmte Company werden würde. Viele Kollegen haben mir gesagt, du hast einen Knall. Du bist weg vom Fenster. Ich habe nicht gewusst, dass ich Jahrzehnte bleibe. Jahrzehnte unglaublich schöner, aber auch sehr harter Arbeit.

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