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Lutfiye Güzel aus Duisburg

Untergrund-Poetin holt sich den Literaturpreis Ruhr 2017

ESSEN Eine so ungewöhnliche Gewinnerin des Literaturpreises Ruhr hat es noch nie gegeben. Die Dichterin Lütfiye Güzel (45) aus Duisburg hat keinen Verlag – und will auch keinen.

Untergrund-Poetin holt sich den Literaturpreis Ruhr 2017

Lutfiye Güzel erhält am 3. November den Literaturpreis Ruhr. Foto: privat

Der Literaturpreis Ruhr hat eine lange Tradition. Er wird zum 32. Mal verliehen und ist mit 10000 Euro dotiert. Ralf Rothmann, Frank Goosen und Fritz Eckenga haben ihn schon gewonnen. Marion Poschmann holte sich die Auszeichnung 2005 und war 2017 dann für den Deutschen Buchpreis nominiert. Selbstverständlich hatten diese Autoren allesamt einen Verlag. Doch jetzt hat die Jury mit Lütfiye Güzel einen unabhängigen Geist gekürt, der mit dem Literaturbetrieb so gar nichts am Hut hat.

Autonom und frei

„Ich will autonom sein“, sagt die 45-jährige Güzel, die als Tochter eines türkischen Stahlarbeiters in Duisburg zur Welt gekommen ist. „Ich mache alles ganz intuitiv.“ In Buchhandlungen gibt es ihre Werke nicht zu kaufen. Stattdessen hat sie einen Kleinstverlag mit Namen „Go-Güzel-Publishing“ gegründet („Verlag ist eigentlich übertrieben“) und vertreibt ihre Gedichte und Notizen wie „Herz-Terroristin“ oder „Pinky Helsinki“ über ihre Webseite. Und wenn sie Lust hat, ihre Gedichte und Texte als Zettel in eine Brötchentüte zu stopfen und dann zu verkaufen, dann macht sie das eben.

Nebenbei gibt sie Workshops und tritt bei Poetry-Slams auf. „Erschreckenderweise kann ich davon leben“, lacht sie. Eine echte Underground-Poetin also, so wie Charles Bukowski, den sie bewundert.

Mit bitterem Galgenhumor

Das Ganze funktioniert, weil Güzel richtig gut ist. Die Jury des Preises lobte sie als „Sprachspielerin, die ihre Arbeit ernst nimmt.“ Güzel reagiert mit einem bitteren, herrlich mies gelaunten Galgenhumor auf die Welt. „Man könnte sich von der Brücke werfen, aber sie sind so hässlich, die Brücken“, liest sie auf dem Videokanal Youtube vor. Im Gedicht „Nachts“ heißt es: „die guten Klamotten bewahre ich auf/ für das leben/ das nicht kommt. Ihr Gedicht „Sportlerin“ ist ganz kurz: schreibe/ weil ich keine Kondition habe/ meine abwehr ist gut/ es gibt nur nichts zu verteidigen.“ Der Alltag mal als Angstraum, mal als mentale Tristesse, mal als fieser Frust – das ist so nah dran an unser aller Lebenswirklichkeit, dass ihre Lesungen überfüllt sind. Derzeit hat sie einen neuen Roman unter dem Titel „Nix meer“ in Arbeit.

Regionalverband vergibt auch zwei Förderpreise

Neben dem Hauptpreis verleiht der Regionalverband auch zwei Förderpreise, die mit jeweils 2555 Euro dotiert sind. Gewinner sind diesmal Doris Konradi aus Köln und Sascha Pranschke aus Dortmund. Zum Wettbewerbs-Thema „Das Klopfen an der Tür“ beschreibt Pranschke in seiner Kurzgeschichte „Reparaturen“ einen freundlichen Mann, der sich immer impertinenter in das Leben des Erzählers drängt. Ein perfekter und ganz leicht unheimlicher Text – kein Wunder, denn Pranschke hat mit „Kölner Kulissen“ und „Veits Tanz“ schon zwei Krimis vorgelegt sowie den Roman „Den Regen lieben“ geschrieben. Der freie Autor und Vater von zwei Kindern hat auch schon viele Projekte mit Kinder und Jugendlichen – oft gemeinsam mit Kollegin Sarah Meyer-Dietrich – verwirklicht.

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