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Ägyptens stiller Krieg: Mit Kampfjets gegen Islamisten

Kairo. Beim schlimmsten Anschlag der jüngeren ägyptischen Geschichte sterben auf der Sinai-Halbinsel mehr als 300 Menschen. Seit Jahren geht die ägyptische Armee schon gegen Islamisten im Norden des Sinai vor. Doch Ruhe hat das bisher nicht gebracht. Im Gegenteil.

Ägyptens stiller Krieg: Mit Kampfjets gegen Islamisten

Menschen kommen aus dem Krankenhaus der Suezkanal-Universität. Bei einem der schwersten Anschläge der vergangenen Jahre in Ägypten sind mehr als 300 Menschen getötet worden. Foto: Amr Nabil

Kaum hat Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi in einer Fernsehansprache eine „harte Antwort“ auf den Anschlag auf eine Moschee im Norden der Sinai-Halbinsel und „Vergeltung für unsere Märtyrer“ angekündigt, da sind die Kampfflugzeuge der ägyptischen Armee schon in der Luft.

Noch in der Nacht verkündet der Sprecher der Streitkräfte, dass zahlreiche Verdächtige und Verstecke von Islamisten ausgeschaltet worden seien. Dazu verbreitet er Schwarz-Weiß-Bilder, die diverse Raketeneinschläge unter anderem auf kleine Häuser mitten in der Wüste zeigen.

Ob es sich um aktuelle Bilder handelt, lässt sich nicht überprüfen. Denn der Norden des Sinai ist größtenteils militärisches Sperrgebiet, die Informationslage ist dünn. Die ägyptischen Streitkräfte führen hier schon seit Jahren mit Panzern und Kampfjets einen Krieg gegen mutmaßliche Islamisten. Doch statt damit die Lage unter Kontrolle zu bringen, eskaliert die Gewalt immer mehr.

Mindestens 305 Menschen starben bei dem schlimmsten Anschlag, den Ägypten in den vergangenen Jahren erlebt hat. Die Angreifer kamen mit Pickup-Trucks zur Al-Rawdah-Moschee in die kleinen Ortschaft Bir al-Abed rund 40 Kilometer westlich der Provinzhauptstadt Al-Arisch. Es sei ein leichtes Ziel gewesen, heißt es aus Sicherheitskreisen, weit entfernt der großen Städte. Als die Gläubigen nach ersten Explosionen aus der Moschee flüchten wollen, nehmen zwischen 25 und 30 Angreifer die Menschen unter Beschuss.

Die politische Analystin Sahar Aziz führt die Sicherheitskrise auf dem Sinai auf eine Mischung aus übereifrigem und rücksichtslosem Vorgehen der Sicherheitskräfte sowie Armut und politische Vernachlässigung der Region durch die Regierung in Kairo zurück. Seit 2011, nach Ausbruch des sogenannten Arabischen Frühlings, seien Hunderte, wenn nicht Tausende Soldaten, Zivilisten und Islamisten in dem Konflikt zwischen Sicherheitskräften und Terrorgruppen getötet worden, schreibt Aziz in einer Analyse für die amerikanische Denkfabrik Brookings. „Der Aufstand 2011 hat ein politisches Vakuum im ganzen Land geschaffen, das die Situation auf dem Sinai weiter destabilisiert hat.“ Denn der raue und wüste Sinai ist schon seit Jahrzehnten immer Unruheregion.

Abseits der großen Städte boten sich auf dem Sinai gute Verstecke für Schmuggler und Terroristen. Die Wurzeln sieht die Analystin aber weniger in islamistischer Ideologie als in lokalen Missständen. „Die Zentralregierung in Kairo hat wenig für die Entwicklung des Sinai getan, für Schulen, Infrastruktur und Wirtschaft der lokalen Bevölkerung.“ Neben dem Schmuggel machten sich dann seit Anfang der 2000er auch verstärkt islamistische Gruppen im Norden der Halbinsel, zwischen Suezkanal und Gaza-Streifen, breit.

„Die Anti-Terror-Kampagne der Regierung ist von schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen gegen unschuldige Zivilisten gekennzeichnet“, sagte der Journalist und Buchautor Mohannad Sabri vor einiger Zeit in einem Gespräch mit dem Carnegie Middle East Center. Eine der größeren Terrorgruppen auf dem Sinai, Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“), schwor 2014 der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Treue. In der Folge stiegen die Angriffe vor allem auf Sicherheitskräfte auf dem Sinai rasant, wie aus Daten des Armed Conflict Location and Event Data Project (ACLED) hervorgeht.

Obwohl sich zunächst keine Gruppe zu dem Anschlag auf die Moschee bekannt hat, rückt der IS-Ableger in den Fokus. Die Angreifer hätten Fahnen der Terrormiliz bei sich getragen, erklärte die ägyptische Staatsanwaltschaft. Die Terrorgruppe auf dem Sinai reklamierte in der Vergangenheit immer wieder Anschläge für sich. Zuletzt gerieten aber nicht nur Sicherheitskräfte ins Visier der Attacken.

Der Gruppe sei es gelungen, auch in der früher mondänen Mittelmeermetropole Al-Arisch, der Provinzhauptstadt des Nordsinai, immer mehr Anschläge zu verüben, sagte Sabri. Einige hätten sich nur wenige Meter entfernt vom Hauptquartier des Militärkommandos, des Geheimdienstes und des Sicherheitsdirektor ereignet. „Die Reihe von Angriffen auf Christen zeigt auch die Freiheit und die Möglichkeiten, mit der der IS agieren kann“, so Sabri. In den letzten Jahren habe die Gruppe es angesichts der harten militärischen Hand und guter Propaganda geschafft, auch Anhänger zu sich zu holen, die eigentlich aus weit entfernten Regionen in Ägypten stammen.

Seit langem warnen Experten angesichts des Vorgehens der ägyptischen Armee: Statt massiver militärischer Aktionen müssten die Bevölkerung besser unterstützt und die wirtschaftliche Lage im Nordsinai verbessert werden. In seiner Rede nach dem Anschlag hat Staatspräsident Al-Sisi dazu jedoch kein Wort gesagt.

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