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Die ungewisse Zukunft der Weinstein Company

New York. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff - so wirkt es, wenn man die Flucht aus dem Aufsichtsrat der Weinstein Company beobachtet. Nach Vorwürfen zu Übergriffen sind große Projekte geplatzt. Zusammen mit einem Investor hangelt sich das Studio durch die bisher größte Krise.

Die ungewisse Zukunft der Weinstein Company

Die Bildkombo zeigt die Brüder Harvey (l) und Bob Weinstein. Fotos: AP/dpa Foto: Uncredited

Sind es nur Vitamine, um den angeschlagenen Patienten aufzupäppeln? Oder liegt er schon in der Notaufnahme, um ihn mit lebensrettenden Maßnahmen vor dem Schlimmsten zu bewahren? Die Finanzspritze eines Investors für die Weinstein Company (TWC) zeigt, wie es um das Filmstudio steht.

Geplante Projekte wurden abgesagt, der Aufsichtsrat ist um mehr als die Hälfte geschrumpft. Nach den Vorwürfen wegen sexueller Übergriffe gegen Mitgründer Harvey Weinstein scheint das Unternehmen dem Absturz entgegen zu taumeln.

Wie groß die Summe ist, die in die 2005 gegründete Firma des in Ungnade gefallenen Produzenten gepumpt werden soll, verrät die Beteiligungsgesellschaft Colony Capital nicht. Doch nachdem der Streaming-Anbieter Amazon sowie Apple und Disney bei geplanten Projekten den Stecker gezogen haben, scheint TWC zusätzliche Mittel gut gebrauchen zu können. Sogar eine Übernahme aller oder wesentlicher Teile des Geschäfts durch Colony ist im Gespräch.

Bob Weinstein wirkt bemüht, sich vom älteren Bruder Harvey zu distanzieren, seinen eigenen Ruf zu retten und den einst gemeinsam gegründeten Laden allein über Wasser zu halten. Harvey sei „krank und verdorben“ und überhaupt hätten die beiden in den vergangenen fünf Jahren nur rund zehn Mal persönlich miteinander gesprochen, zitiert ihn das Magazin „Vanity Fair“. Innerhalb der Branche wird sogar gemunkelt, ob Colony im Fall einer Übernahme nicht auch Bob Weinstein zur Tür bitten und die Firma umbenennen könnte. Denn die abstoßenden Vorwürfe dürften am Namen Weinstein noch lange haften bleiben.

Zu den „Big Six“, also den sechs großen Filmstudios in Hollywood, zählt TWC nicht. Doch mit erfolgreichen Titeln wie „Django Unchained“ und „Inglourious Basterds“ von Quentin Tarantino, „The King's Speech“ mit Colin Firth oder „Silver Linings“ mischte TWC als sogenanntes „Mini-Major“ stetig mit. Mit Blick auf den Marktanteil lag TWC mit 1,5 Prozent zuletzt immerhin auf dem achten Platz hinter Giganten wie Warner Bros., Universal, Buena Vista und 20th Century Fox.

Ob das in New York ansässige Unternehmen in kommenden Wochen und Monaten dicke Aufträge aus der Film- und TV-Branche angeln kann, muss sich zeigen. „Einer der ersten hochkarätigen Dominosteine ist gefallen“, schrieb „Entertainment Weekly“, als der Streaming-Anbieter Amazon die Produktion einer mit Robert De Niro, Julianne Moore und Michael Shannon besetzten Serie absagte. Laut „Los Angeles Times“ war allein für diese zwei Staffeln von Regisseur David O. Russell ein Budget von 160 Millionen Dollar (135 Mio Euro) vorgesehen.

Auch Apple will mit dem Unternehmen nach den Vorwürfen offensichtlich keine gemeinsame Sache mehr machen - zumindest vorerst. Eine als Biopic geplante Serie über Rock'n'Roll-Gigant Elvis Presley wurde ad acta gelegt, berichtet das Portal „Deadline“ unter Berufung auf Eingeweihte. Und Disney strich Harvey Weinstein kurzum als Produzent für „Artemis Fowl“. Der Fantasy-Film nach der Romanserie des Iren Eoin Colfer soll im August 2019 erscheinen - als Produzent im Abspann dürfte nach der Causa Weinstein dann aber jemand anders stehen.

22 Prozent Anteil hält Harvey Weinstein laut „Vanity Fair“ noch an TWC. Selbst nachdem er als Vorstandschef gefeuert wurde und vom Aufsichtsrat zurücktrat, plant er offenkundig keinen leisen Abgang: Dem Magazin zufolge will er gegen seine Entlassung klagen. Nachdem fünf Mitglieder den Aufsichtsrat verließen, sitzen dort nur noch Bruder Bob, Lance Maerov und Tarak Ben Ammar. Ein bisschen fühlt man sich an die berühmten Ratten auf einem sinkenden Schiff erinnert.

Bob Weinstein hat erklärt, bereits geplante Filmprojekte trotzdem voranzutreiben. Im November soll „Paddington 2“ um den drolligen Bären mit Schlapphut ins Kino kommen; der Horrorfilm „Polaroid“ um eine mysteriöse Kamera soll im Dezember anlaufen. Die Frage ist nur: Kann ein Filmstudio nach Vorwürfen wegen sexueller Übergriffe von fast 50 Frauen, darunter Namen wie Angelina Jolie und Gwyneth Paltrow, und angesichts sich distanzierender Stars wie Meryl Streep, Ryan Gosling, Tom Hanks und Leonardo DiCaprio in der Filmbranche heutzutage überleben?

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