Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.

Kindermode und Spielzeug folgen oft Klischees

Köln. Blau für Jungs, pink für Mädchen: Wer seine Kinder neutral kleiden möchte, wird nur schwer fündig. Ein britisches Unternehmen hat einen Vorstoß gewagt, der in Deutschland zurzeit noch kaum möglich scheint, wie Experten meinen.

Kindermode und Spielzeug folgen oft Klischees

Muss Kinderkleidung zwingend rosa oder hellblau sein? Foto: Oliver Berg

Pink und rosa auf der einen Seite, blau und grün auf der anderen: Die Welt in Kindermode-Abteilungen ist meist streng zweigeteilt. Glitzer und Rüschen zieren Mädchenkleider und verwandeln die Trägerinnen in kleine Prinzessinnen - die Jungenpullover sind mit Autos oder Dinosauriern bedruckt.

Und auch im Spielwaren- und Lebensmittelhandel finden sich Geschlechterklischees: Es gibt lila Lego-Minnie-Mäuse, pinkfarbene Playmobil-Modeboutiquen und rosa Mädchen-Überraschungseier.

In England sorgte kürzlich die Kaufhauskette John Lewis für Aufsehen, weil sie bei Kinderkleidung die Kategorien „Mädchen“ und „Jungen“ weitgehend abgeschafft hat. Die Etiketten der Eigenmarke tragen nun die Aufschrift „Girls & Boys“ oder „Boys & Girls“, und auch entsprechende Schilder in den Läden wurden abgehängt. „Wir wollen nicht länger Geschlechtsstereotypen befeuern“, zitieren britische Medien die Kindermode-Chefin Caroline Bettis. Der Stil der Kleidung hat sich kaum geändert, und online können die Kunden nach wie vor nach Jungen- oder Mädchensachen suchen. Aber Kinder und Eltern sollten selbst entscheiden können, was der Nachwuchs am liebsten anziehen möchte, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit.

Hierzulande scheint ein ähnlicher Vorstoß weit entfernt. „Die Geschlechtertrennung hat in den letzten Jahren sogar deutlich zugenommen, sowohl bei Kleidungsstücken als auch bei Spielwaren“, sagt Prof. Stefan Hirschauer vom Arbeitsbereich Soziologische Theorie und Gender Studies an der Uni Mainz. Er beobachtet bei diesem Thema ein „Re-Gendering“ - ein erneutes Vergeschlechtlichen von Dingen, die ihr Geschlecht eigentlich schon verloren hatten.

Dies sei gegenläufig zu dem allgemeinen Trend, wonach die klassische Rollenverteilung in der Gesellschaft sich seit Jahrzehnten immer mehr auflöse - etwa im Beruf und bei der Kindererziehung. Diese Entwicklung rufe bei vielen Menschen allerdings auch Unsicherheit und nostalgische Bedürfnisse hervor, sagt Hirschauer. „Kinder sind für Erwachsene die Projektionsflächen einer heilen Gender-Welt. An ihnen wird etwas ausgelebt, was die Eltern sich mühsam abzutrainieren versuchen.“

Aus wirtschaftlicher Sicht sei eine Unterscheidung der Produkte nach Geschlechtern auf jeden Fall sinnvoll. „Wenn Eltern zwei Kinder haben - einen Jungen und ein Mädchen - müssen sie für das zweite Kind andere Sachen kaufen“, erläutert der Soziologe.

„Es gab noch nie ein so starkes Gender-Marketing wie zurzeit“, sagt Stevie Schmiedel, Gründerin der Initiative Pinkstinks, die gegen Sexismus in Medien und Werbung kämpft. Gleichzeitig gebe es gerade in Bezug auf Kinder einen großen gesellschaftlichen Widerstand, klassische Geschlechterrollen zu hinterfragen. Für einzelne Eltern sei es nahezu unmöglich, sich dagegen zu stellen.

Handel und Industrie betonen vor allem, dass letztlich die Nachfrage den Markt bestimme. Kindersachen würden oft auch von Tanten, Onkels oder Großeltern gekauft - „die denken da vielleicht eher traditionell“, meint zum Beispiel Jürgen Dax, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Textil.

„Die Hersteller gestalten ihre Spielzeuge und deren Verpackungen vor allem zielgruppenoptimiert“, sagt Willy Fischel, Geschäftsführer des Bundesverbands des Spielwaren-Einzelhandels. „Eine Dampflok in rosa wäre vielleicht kreativ, wirtschaftlich aber nicht darstellbar, wenn sie keiner kauft.“

Anzeige
Anzeige