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Neues Leitbild

Transparenz-Offensive um Tierversuche an der Uni Münster

Münster Tierschützer lehnen Tierversuche ab. Forscher, gerade in der Medizin, aber verweisen auf den Nutzen für kranke Menschen. Diese Zerrissenheit gibt es auch an der Uni Münster. Ein neues Leitbild soll jetzt für die Betroffenen Orientierung bieten.

Transparenz-Offensive um Tierversuche an der Uni Münster

Die Universität Münster will ihre Tierversuche künftig transparenter gestalten. Foto: dpa

Angestoßen hatte die Diskussion um Tierversuche an der Uni Münster ein Vertreter des Studenten-Parlaments. „Ich habe vor Jahren einen Fragebogen zu Tierversuchen herumgeschickt und damit wohl den Stein ins Rollen gebracht. Leider gab es kaum Rücklauf, aber einen großen Wirbel“, sagt Philipp de Vries am Freitag vor Journalisten in Münster.

Einstimmig hat der Senat der Uni nach einer über fünf Jahren dauernden Diskussion im Oktober ein neues Leitbild zum Umgang mit Tieren in der Wissenschaft verabschiedet. Es soll Mitarbeitern, darunter Tierpfleger, wissenschaftliche Mitarbeiter und Forscher, einen Orientierungsrahmen liefern - neben dem bereits sehr strengen Tierschutzgesetz.

Uni will an Verantwortung für das Tier erinnern

Die Uni in Münster hält für Tierversuche rund 35.000 Mäuse, knapp 1000 Ratten, 40.000 Fische, 40 Makaken- und 90 Marmosetten-Affen sowie knapp 900 weitere Tiere. Die Uni hat Haltungsgenehmigungen für deutlich mehr Tiere. Im Sommer 2017 waren auf dem Gelände der Uni illegale Tierbestände gefunden worden. Die Ermittlungen der Behörden sind zu diesem Fall noch nicht abgeschlossen. Die Uni weist daraufhin, dass das jetzt veröffentlichte Leitbild nicht im Zusammenhang mit dem Vorfall steht. Der Diskussionsprozess sei bereits Ende 2012 begonnen worden.

Die Uni will mit dem Leitbild Wissenschaftler an ihre persönliche Verantwortung für das Tier erinnern. Das Papier benennt das als „Nicht-Deligierbarkeit persönlicher Verantwortung“. Außerdem sollen Tierversuche auf ein Minimum beschränkt werden: „Leid der Tiere soweit wie möglich reduzieren.“ Nach dem Versuch soll Tieren eine Lebensperspektive ermöglicht werden. Die Wissenschaft soll nach Wegen suchen, Tierversuche zu ersetzen, zu reduzieren oder zu verbessern. Auch will die Uni die Öffentlichkeit offen und transparent über die eigenen Tierversuche informieren.

Tierschutzbund lobt das Leitbild als revolutionär

Stefan Schlatt, Mediziner und Vorsitzender der Kommission sowie Johann Ach, Geschäftsführer des Centrums für Bioethik an Uni Münster, wollten bei der Vorstellung des ethischen Leitbildes am Freitag nicht unter den Tisch kehren, dass in der Expertengruppe die Meinungen zu den gesetzlichen Vorgaben durchaus weit auseinander liegen. Schlatt hält Tierversuche in Deutschland für gut geregelt. Ach als Ethiker widersprach dem: „Hier sind wir durchaus unterschiedlicher Meinung.“

Tierschützer lehnen Tierversuche generell ab. Dennoch gibt es vom Deutschen Tierschutzbund Lob. „An manchen Stellen ist das Leitbild geradezu revolutionär. Dazu gehört der mehrfache Verweis auf den Eigenwert und die Empfindungsfähigkeit von Tieren oder auf die Verantwortung und Verpflichtung der Wissenschaft. Aber vor allem der Grundsatz, dass bei zu erwartendem schweren Tierleid auf einen Erkenntnisgewinn aus ethischen Gründen verzichtet werden muss, ist eine Aussage, die ich von deutschen Wissenschaftsorganisationen und -Einrichtungen so noch nie gehört habe“, sagte Roman Kolar, Leiter der Akademie für Tierschutz, des Deutschen Tierschutzbundes.

Den Worten müssen Taten folgen

Die Uni müsse jetzt aber beweisen, dass den Worten auch Taten folgen. „Sie hat hohe Ansprüche formuliert, selbst wenn diese eigentlich nur dem gestiegenen Stellenwert des Tierschutzes in der Gesellschaft entsprechen, zum Beispiel seiner Aufnahme ins Grundgesetz vor 15 Jahren“, sagt der Biologe. Er bedauert allerdings, dass die Uni keinen Vertreter der Zivilgesellschaft wie eine Tierschutzorganisationen mit eingebunden hat.

„Es gibt Prozesse, denen sich die Uni stellen muss. Sie muss das Bewusstsein für das Problem Tierversuche wecken. Dabei geht es auch um die Konfrontation zwischen dem Protest gegen Tierversuche und der Notwendigkeit der Forschung“, sagt Gilbert Schönfelder, Leiter des bundeseigenen Deutschen Zentrums zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R) in Berlin. Es sei eine Frage der Kultur an den Unis. Die einen verstecken das Thema ganz tief unten in ihren Köpfen und reden nicht einmal darüber. „Aber eine Auseinandersetzung ist wichtig. Diskussionen müssen im Kopf der Forscher etwas bewirken“, sagt Schönfelder über das Papier aus Münster.

dpa

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