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Vor 75 Jahren wurde Jimi Hendrix geboren

Berlin. Die meisten Ranglisten der besten Rockgitarristen führen ihn auf Platz eins. Einige wenige Jahre bis zu seinem Drogentod reichten Jimi Hendrix, um zur Legende zu werden. Ende November wäre er 75 geworden.

Er ließ seine Fender Stratocaster zärtlich singen und wild aufjaulen, brüllen und in Rückkopplungen fast explodieren.

Die elektrische Gitarre von Jimi Hendrix ahmte den infernalischen Lärm von Armeehubschraubern nach, sie zerschredderte die US-Nationalhymne - für viele Zeitzeugen ein Zeichen des Zorns über den Vietnamkrieg. Er spielte mit den Zähnen und der Zunge. Am Ende vieler Konzerte ging sein Instrument in Flammen auf, mit Hilfe von Feuerzeugbenzin, als ein Akt der kultischen Opferung des Allerliebsten.

Jimi Hendrix hat die Rockgitarre revolutioniert wie kein Zweiter - und das in nur wenigen Jahren von 1966 bis 1970, die ihm für seine im Wortsinn rauschhaft intensive Weltkarriere blieben. Ende November wäre das für Pop, Blues und Jazz gleichermaßen einflussreiche Genie, einer der wichtigsten Musiker des 20. Jahrhunderts, 75 Jahre alt geworden. Geboren am 27. November 1942 in Seattle, gestorben am 18. September 1970 in London, wo er nach Drogenmissbrauch am eigenen Erbrochenen erstickte - soweit die Eckdaten eines kurzen, intensiven, verzehrenden Lebens.

Man versucht ihn sich als Rock-Opa mit grauem Afrolook auf einem Festival neben Mick Jagger, Bob Dylan und Eric Clapton auszumalen - es funktioniert nicht. Jedenfalls nicht bei Hendrix-Biograf Professor Klaus Theweleit. Der Kulturwissenschaftler sagt im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur: „Also ich kann ihn mir schwer als Altrocker vorstellen, der nur von seinem  frühen Material zehrt. Der Horizont seines Spiels hätte sich mit Sicherheit erweitert. Und er hätte auf Teufel komm raus Neues probiert - auch als alter Mann.“

Die Frage „Was wäre, wenn...“ stellt sich bei allen Musikern, die wie Hendrix dem berühmt-berüchtigten Club 27 der mit nur 27 Jahren Gestorbenen angehören: Janis Joplin, Brian Jones von den Rolling Stones, Jim Morrison von The Doors, Kurt Cobain von Nirvana. Das unzeitgemäße Ende wurde Teil ihres Mythos. Bei Hendrix ist die Frage besonders interessant, weil er nach dem Ende seiner Zeit mit dem Trio The Jimi Hendrix Experience 1969 und dem kurzen Intermezzo mit der Band Of Gypsys auf dem Weg zu neuen Ufern war.

Er hätte wohl gern Musik in einer größeren Band gemacht, sagt Theweleit. „Außerdem hatte er eine Zusammenarbeit mit Miles Davis angefangen, der dann diese Fusion-Geschichte von Jazz und Rock durchgebracht hat. Da hätte Hendrix gut reingepasst.“ Er hatte „jede Menge musikalische Pläne im Kopf. Was dabei entstanden wäre, können wir nur vage ahnen. Aber seine Energie hätte er nicht verloren, so ein Typ hört nicht auf, der muss zwangsweise weiter erfinden.“ Gerade bei Hendrix „brannte die Kerze nicht nur an zwei Enden, sondern auch noch in der Mitte“, sagt Theweleit.

Spannend auch, sich den Afroamerikaner Hendrix als politischen Künstler vorzustellen, in einer Zeit neuer Konflikte in den USA. Wäre die antirassistische Bürgerrechtsbewegung „Black Lives Matter“ heute sein Ding? „Absolut“, sagt Theweleit. „Da hätte er sich mit Sicherheit irgendwo reingefügt.“ Hendrix selbst hat von einer versöhnenden Rolle seiner Musik zwischen (schwarzem) Blues und (weißem) Rock geträumt: „Stell Dir mal vor: Schwarz und Weiß nebeneinander, jeder mit einem Hammer in der Hand, bereit, auf den Anderen einzuschlagen - und dann kommt die Musik und hat die Macht ... sie ist jedenfalls eine universelle Sprache.“ Naiv?

Naivität wurde dem mit seinen nur fünf Alben zu Lebzeiten von Erfolg zu Erfolg eilenden Hendrix auch für manche Zitate zum Vietnamkrieg vorgeworfen. Beispielsweise im Februar 1967: „Die Amerikaner kämpfen in Vietnam für die gesamte freie Welt. (...) Natürlich ist Krieg was Furchtbares, aber im Moment ist er immer noch das einzige sichere Mittel, den Frieden zu bewahren.“ Biograf Theweleit warnt indes davor, einzelne Hendrix-Aussagen isoliert zu bewerten. „Seine Art zu spielen war politische Avantgarde, gegen rückwärtsgerichtete Politik, gegen Krieg. Er hasste diese Bombardements und diesen Krieg.“

Jenseits aller Spekulationen, bis hin zum elenden Drogentod im Apartment einer seiner vielen Geliebten: Was an Hendrix bis heute fasziniert, sind sein unfassbar virtuoses Gitarrenspiel, seine Studio-Innovationen, seine fast immer furiosen Live-Shows (irrwitzige 527 sollen es in nur knapp vier Jahren gewesen sein). „Einen Gitarristen, der heute nicht irgendwie Hendrix verarbeitet hat, kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Theweleit. Man muss sich nur Konzerte von Prince aus den 80ern oder heutige Explosiv-Soli von Wilco-Gitarrist Nels Cline anschauen, um zu wissen, was gemeint ist.

Veit Marx-Haupenthal war einer der Letzten, die Jimi Hendrix noch im Konzert erleben konnten - im September 1970, als 21-jähriger Fan unter rund 20 000 Besuchern beim Festival „Love and Peace“ auf der Ostseeinsel Fehmarn. „Darüber bin ich sehr froh“, sagt er im Gespräch mit der dpa. Daran ändere auch nichts, dass der Live-Eindruck vom Rock-Maestro im Papageienanzug eher zwiespältig war.

„Er hat natürlich hervorragend gespielt, insofern war der Gig klasse“, erinnert sich Marx-Haupenthal. Andererseits: „Es hat nicht gefunkt zwischen dem Star und seinem Publikum. Hendrix war ein bisschen giftig, weil vor der Bühne Zelte standen. Er hatte keine große Lust, und nach gut einer Stunde war das Konzert vorbei.“

Keineswegs habe man an jenem denkwürdigen Festival-Sonntag erkennen können, „dass der Mann so auf Droge war“, sagt der inzwischen 69 Jahre alte Marx-Haupenthal. Wie so viele Zeitgenossen hat ihn Hendrix' wilde, laute Musik nie wieder losgelassen: „Er war der größte aller Gitarrengötter, und das wird er auch bleiben.“ Experten sehen das genauso: In der Liste „Die 100 besten Gitarristen aller Zeiten“ platziert das Magazin „Rolling Stone“ Jimi Hendrix auf Platz eins, vor Eric Clapton, Jimmy Page, Keith Richards und Jeff Beck.

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