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Fünf Thesen - eine Expertenmeinung

Sind Minijobs in Castrop-Rauxel Brücke oder Sackgasse?

CASTROP-RAUXEL Geringfügige Beschäftigungsverhältnisse, auch Minijobs genannt, sind umstritten. Auch unter Fachleuten. Wie viele Menschen in Castrop-Rauxel arbeiten eigentlich so? Welche Entwicklung man da sieht, zeigen Zahlen einer Recherche von Correctiv. Wir haben uns mit fünf Thesen zu den Zahlen auseinandergesetzt.

Sind Minijobs in Castrop-Rauxel Brücke oder Sackgasse?

Stefan Bunse, Leiter der Geschäftsstelle der Bundesagentur für Arbeit in Castrop-Rauxel, sagt, dass er auf Minijobs nicht verzichten würde: „Denn es bedeutet in gewisser Weise Freiheit, wenn es eine bewusste Entscheidung ist.“ Foto: Foto: Tobias Weckenbrock

Das Recherche-Kollektiv Correctiv hatte aufgezeigt, wie es um die Entwicklung von Minijob-Arbeitsverhältnissen in Deutschland bestellt ist. Das besondere an ihnen: Sie sind begrenzt auf 450 Euro Monatsverdienst und weitgehend von Abgaben befreit. Das hat Vorteile, aber auch Nachteile. Wir hinterfragten mit dem Leiter der Arbeitsagentur in Castrop-Rauxel, Stefan Bunse, einige Thesen.

THESE: Für Viele kann ein Minijob zur Falle werden.

Laut Analyse von Correctiv geraten oft Frauen, die gern halbtags arbeiten würden, hinein, weil sie sonst keine Stelle finden. Oftmals bleiben sie dann länger als nur für eine Übergangszeit. Stefan Bunse sagt: „Die Erfahrung können wir teilen. Ob Sackgasse der richtige Begriff ist, ist offen. Aber auffällig ist, dass viele Menschen sehr lange in einer geringfügigen Beschäftigung verbleiben.“ Das sei konträr zu dem Ziel, das man einst mit der gesetzlichen Schaffung dieser Möglichkeit habe erreichen wollen – nämlich sie als Brücke in den sozialversicherungspflichtigen Arbeitsmarkt zu verstehen. Bunse: „Das meine ich bewusst sowohl von der Seite derer, die in diesen Jobs arbeiten, als auch derer, die die Jobs anbieten.“ Das Problem beginne auf beiden Seiten: Es sei nicht einmal unbedingt zutreffend, dass mehrere Minijobs Arbeitgebern günstiger kommen als ein sozialversicherungspflichtiger Job: „Ein Festangestellter in Teilzeit kommt den Arbeitgeber am Ende sogar günstiger als drei Minijobber“, so Bunse.

THESE: Für viele Menschen sind Minijobs praktisch: Für Studenten und Rentner, generell für jene, für die der Minijob eine Nebentätigkeit ist.

Das sieht Stefan Bunse genauso: „Minijobs sind grundsätzlich nicht zu verdammen“, sagt er: „Als Wiedereinstieg oder Sprungbrett kann ein solcher sinnvoll sein. Wenn anfangs Aufträge fehlen, sich das Geschäft aber entwickelt, kann ein Unternehmer mit Minijobs anfangen. Dann muss aber die Kommunikation mit den Mitarbeitern ehrlich sein: Da muss von vornherein klar sein, ob der Job ein Sprungbrett sein kann zu einer richtigen Anstellung oder ob die Stelle dauerhaft als Minijob eingeplant ist.“

THESE: Die Frau erwirbt kaum eigene Rentenansprüche. Die Ehe wird zu einem Risiko im Erwerbsverlauf von Frauen.

Stefan Bunse meint: „Das ist wirklich fatal und es ist uns darum ein großes Anliegen, die Menschen aufzuklären. Wenn eine Absicherung über die Familie oder das Vermögen da ist, kann alles gut gehen. Die Menschen denken da oft sehr kurzfristig.“ Auch das Ehegattensplitting sei ein Fehlanreiz: Teilzeitjobs verlangen mehr Arbeit, bringen aber kaum mehr Netto-Gehalt, so Bunse. Bei gleichzeitiger Kindererziehung sei das kaum lukrativ, wenn man deswegen mehr zahlen muss für einen Kita-Platz oder eine Tagesmutter. „Die Keule kommt, wenn irgendwann die Rente vor der Tür steht oder gar die Familie zerbricht“ – dann stehe die Frau mit geringen Rentenansprüchen da. „Brüche sind ein Problem: Ich kriege die Rentenproblematik nicht mehr aufgeholt, wenn einmal eine Lücke drin ist.“

THESE: Die Arbeitsagentur hat kein Interesse an Minijobs.

„Unser Bestreben und Auftrag ist, Menschen in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu vermitteln“, erklärt Stefan Bunse. Wenn Bildungs- oder Qualifizierungsmaßnahmen geplant werden, um die Position eines Arbeitnehmers am Arbeitsmarkt zu verbessern, könne es zu zeitlichen Kollisionen kommen. Die (Arbeitsbeschaffungs-)Maßnahmen haben aber Vorrang vor den Minijob-Verpflichtungen. „Die Menschen haben Hoffnungen, wenn der Arbeitgeber ihnen bei der Einstellung in den Minijob Chancen suggeriert, dass sie später fest übernommen werden. Da sind wir mit unseren Beratern immer in einem Zwiespalt: Wie realistisch ist dieses Versprechen?“ Es gebe jedenfalls gewisse verdächtige Branchen, in denen mehr mit Minijobs gearbeitet wird als in anderen.

THESE: Man müsste Minijobs abschaffen!

„Nein!“, sagt Stefan Bunse. „Denn es bedeutet in gewisser Weise Freiheit, wenn es eine bewusste Entscheidung ist.“

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Unsere Redaktion ist auf der Suche nach Menschen, die von ihrer Arbeit in einem Minijob erzählen, die vielleicht mehreren Minijobs gleichzeitig nachgehen oder mit einem Minijob ihr Gehalt aus einer Festanstellung aufbessern - vielleicht, weil es sonst zum Leben nicht reicht. Schreiben Sie uns: lokalredaktion.castrop@mdhl.de, Betreff: Minijobs.

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