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Fethullah Sevinc (22) unterwegs

Wie ein Ickerner Entwicklungshilfe in der Sahara leistet

Ickern Fethullah Sevinc hat ein klares Ziel: In einem der ältesten Flüchtlingslager der Welt, in der Sahara in Algerien, will er ein Projekt umsetzen. „Fluchtursachen vor Ort bekämpfen“, würden Politiker heute sagen. Jetzt reist er für vier Tage dorthin. Wir sprachen mit dem Studenten, einem Sohn türkischer Eltern, über die Hintergründe und wie wahrscheinlich es ist, dass seine Wünsche wahr werden. Ein Interview zum Nachlesen oder Anhören.

Wie ein Ickerner Entwicklungshilfe in der Sahara leistet

Möchte man so leben? Das ist das algerische Flüchtlingslager in der Sahara, das es schon seit Jahrzehnten gibt und in das Fethullah Sevinc aus Ickern jetzt wieder gereist ist. Foto: Fethullah Sevinc

Das Projekt heißt Jugendumweltzentrum El Aaiún: Fethullah Sevinc aus Ickern ist in diesen Tagen in Algerien, um bei einem Jugendkongress ein 65.000-Euro-Hilfsprojekt der Auslandsgesellschaft zu bewerben, Mitstreiter zu suchen und es dann in den nächsten Jahren in einem der ältesten Flüchtlingslager der Welt umzusetzen. Was steckt dahinter? Wir sprachen mit dem Sohn türkischer Eltern, der 2016 die Balkan-Flüchtlingsroute „rückwärts“ ging .

Sie gehen auf eine ungewöhnliche Reise heute. Wohin geht es?

Es geht nach Algerien für mich. Besser gesagt in den südwestlichen Teil nach Tindouf zu einem Flüchtlingslager, das dort 1975 / 1976 aufgebaut wurde. Ich reise dorthin im Auftrag der Auslandsgesellschaft in Dortmund, wo ich Projektbeauftragter bin. Außerdem studiere ich Politik und Islamwissenschaft.

Wie kommt es zu dieser Reise?

Gute Frage. Wir wollen dort ein Jugendumweltzentrum mit der Auslandsgesellschaft aufbauen. Ich war im Februar schon dort und habe eine Sprachreise im Rahmen meines Studiums gemacht.

Was erwartet Sie vor Ort? Wen treffen Sie da?

Ich bin dort im Rahmen eines Jugendkongresses im Hinblick auf den EU-Afrika-Gipfel. Das ist von großer Bedeutung für die Jugendlichen vor Ort, für die kaum Perspektiven vorhanden sind. Geschweige denn außerschulische Aktivitäten in der Freizeit. Sie müssen sich das so vorstellen: Es ist großes Lager in einer Steinwüste in Algerien. Die Schüler gehen vormittags zur Schule, nachmittags haben sie praktisch nichts zu tun. Sie leben so vor sich hin, haben größtenteils Langeweile. Es leben dort 160.000 bis 200.000 Menschen in besonderen Zuständen.

Welche sind das?

Es gibt kein fließendes Wasser, nur zum Teil gibt es ein Stromnetz. Wo ich im Februar untergebracht war, gab es keinen Strom. Stellen Sie sich das so vor: Wenn Sie abends essen wollen und dazu Licht brauchen, haben Sie eine Autobatterie, die tagsüber mit einem Solarpanel verbunden ist und die Batterie auflädt. Ein Draht an Minus- und Pluspol der Batterie führt zu einer Glühlampe. Dann haben sie für ein paar Stunden Licht.

Tindouf ist hier nicht bekannt. Warum ist dort ein Flüchtlingscamp? Woher kommen die Menschen, wovor sind sie geflüchtet?

Der Westsahara-Konflikt nach der spanischen Kolonialherrschaft hat dafür gesorgt. Marokko und Mauretanien haben die Gebiete der Westsahara in den 70er-Jahren besetzt. Mauretanien konnte aber nicht länger standhalten, weil bestimmte Infrastrukturmaßnahmen durch das Militär sehr schnell erfolgreich bombardiert wurden. Marokko besetzt zurzeit die Westsahara. Im Zuge dessen sind die Menschen nach Algerien in die Lager geflüchtet, wo gerade der Großteil der sahaurischen Bevölkerung tatsächlich lebt. Westsahara ist zweigeteilt: In der Mitte ist eine 2700 Kilometer lange Mauer.

Mitten in der Sandwüste?

Richtig, Sand- und Steinwüste. Um diese Mauer herum liegen nach Schätzungen und aufgrund der Expertisen eine Million Tretminen. Es gibt spezielle Karten, wo sie kartiert sind. Es ist kein typisches Mauerwerk, sondern oft auch nur Wälle aus Sand und Stein. 1975 gab es den Konflikt und die Flucht nach Tindouf. Seit 1991 gibt es ein Waffenstillstandsabkommen zwischen Marokko und der Frente Polisario, in dem die Vereinten Nationen ein Referendum in Aussicht gestellt hat. (Darin geht es um die von der Frente Polisario beabsichtigte Unabhängigkeit des Staates Demokratische Arabische Republik Sahara. Die Westsahara wird nur von etwa 70 bis 80 Nationen weltweit als Staat anerkannt. d.Red.) Das war kein großes Thema im Rahmen des EU-Afrika-Gipfels. Aber was da besprochen wurde, war ja ohnehin recht unspektakulär.

Wie ein Ickerner Entwicklungshilfe in der Sahara leistet

Ein Schrottplatz direkt neben der „Siedlung“: Diese alten Autos sind ausgeschlachtet, aber die Karossen bleiben liegen. Foto: Fethullah Sevinc

Wie geht es denn den Menschen im Camp? Sind sie dort richtig heimisch?

Es ist eines der ältesten Flüchtlingscamps in ganz Afrika. Viele Menschen leben dort nun schon seit 42 Jahren. Es ist das einzige Flüchtlingslager der Welt, das ohne Hilfe der UN aufgebaut wurde. Viele versuchen, sich durch Gelegenheitsjobs oder kleine Geschäfte eine Existenz aufzubauen. Es gibt auch saharauische Studenten, die im Ausland studiert haben, dann in die Camps zurückkehren und sie nach vorne bringen wollen. Das klappt momentan nicht so ganz.

Warum?

Weil es an Möglichkeiten, materiellen Grundlagen fehlt. Dass sie ihr Wissen ausbauen können. Wir arbeiten mit den Studenten und Jugendlichen daran, das Jugendumweltzentrum dort aufzubauen.

Wie steht die Regierung dazu? Es ist ja algerisches Staatsgebiet.

Die Frente Polisario hat 1975 die Demokratische Arabische Republik Sahara ausgerufen. Sie wird aber von wenigen Ländern anerkannt, vor allem aus Lateinamerika, aus einigen Teilen Afrikas. Die Menschen nennt man Saharauis.

Sie haben Migrationshintergrund...

Ja, meine Eltern kommen aus der Türkei. Dadurch spreche ich Türkisch, aber auch Arabisch.

Ein Umweltprojekt - ist es das, was man dort am meisten braucht?

Es ist ein Jugendumweltzentrum. Gerade angesichts der Perspektivlosigkeit vor Ort wollen wir den Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich außerschulisch zu betätigen. Wir wollen ein Zentrum bauen mit Interneträumen, Seminarräumen, Bibliotheken und vieles weitere mehr.

Wie viel Geld ist da im Einsatz?

65.000 Euro. Wir sind gerade noch in der Akquise. Wir suchen nach Investoren und werden später auch bei der EU Fördergelder beantragen.

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Die Kinder und Jugendlichen suchen Beschäftigung. Das geht gut mit Fußball, einem auch hier sehr beliebten Spiel. Foto: Fethullah Sevinc

Es ist also noch nichts zu sehen?

Es gibt die Pläne und ein altes Jugendzentrum, das aber durch ein Unwetter im Jahr 2015 aufgrund starken Regens total unbrauchbar geworden und nicht mehr nutzbar ist. Es geht nicht nur um Umwelt, sondern um Arbeitsmöglichkeiten, die wir schaffen wollen. 25 Menschen werden im Projekt selbst Arbeit finden - nicht in der Bauphase, sondern wenn der Betrieb läuft. Sechs davon machen dort eine Ausbildung. 70 Menschen werden wir dort direkt fördern können. Und später soll sich das Zentrum selbst tragen: Durch eine Bäckerei, den Kopierraum, den Internetraum. Wir wollen nicht Geld für zwei Jahre und dann nach zwei Jahren da stehen und nicht wissen, wie es weiter geht. Darauf legen wir großen Wert.

Was machen Sie nun bei dem Kongress konkret?

Dort stelle ich das Projekt der Jugendorganisation vor Ort, der UJSARIO, vor. Es werden auch andere Vertreter anderer Organisationen kommen. Wir wollen Ideen erarbeiten, wie wir eine Perspektive für Jugendliche schaffen können. Wie wir gegen die Langeweile ankämpfen können. Denn gerade die führt zu blödsinnigen Ideen - Drogenkonsum, Radikalisierung und so etwas.

Gibt es auch Menschen, die von dort weiter nach Europa fliehen?

Zum Teil. Es gibt von Kenia aus einen Fluchtkorridor über die Sahara, aber der verläuft nicht über Tindouf. Für die Flüchtlinge im Lager ist es schwieriger, weil die finanziellen Mittel fehlen, um Schleuser zu bezahlen. Die saharauische Bevölkerung hat allerdings den geringsten Anteil an Analphabeten in Afrika, das Bildungsniveau ist sehr hoch. Deshalb gibt es Austauschprojekte einer Universität in den befreiten Gebieten der Westsahara weltweit. Wenn man gut ist, dann kann man auf legalem Wege ins Ausland gehen. Das ist aber nur eine Handvoll Personen.

Wie ein Ickerner Entwicklungshilfe in der Sahara leistet

In diesem kärglichen Gehege werden die Kamele gehalten, die auch als Fortbewegungsmittel dienen. Foto: Fethullah Sevinc

Sie gehen nun aus Castrop-Rauxel dorthin und wollen den Menschen vor Ort Hoffnung machen. Ein Projekt aufbauen, das langen Atem hat. Wie hoch muss der Anteil der Mitstreiter vor Ort sein - die sagen, dass der Deutsche mit dem türkischen Namen ein geiles Projekt hat, das er da umsetzen will...?

Es ist sehr, sehr schwierig, zumal vor uns schon Organisationen da waren, die vor Ort große Versprechen gemacht haben, aber letztendlich dann die Förderung nicht geklappt hat und die Leute dann im Stich gelassen wurden. Sie sind dann doppelt frustriert, wenn NGOs schon große Töne gespuckt haben: „Wir tun alles für euch“ - und letztlich wurde nur ein geringer Teil davon umgesetzt. So sind wir nicht. Wir haben eine klare Projekterarbeitung, stellen das Projekt auf über 50 Seiten detailliert vor, haben ausgearbeitet, wer wann was mit wem machen muss. Das ist ein ordentliches Dossier. Aber es ist trotzdem schwierig, mit so einem Projekt die Jugendlichen zu motivieren. Aber es bleibt ja nichts anderes übrig.

Für Sie eigentlich schon. Sie machen das aus Leidenschaft - oder warum?

Weil die Jugendlichen mich mit ihrer Lebenseinstellung im Februar beeindruckt haben. Trotz dieser frustrierenden Situation haben sie einen positiven Lebensblick. Ich möchte ihnen etwas zurück geben.

Wie lange sind Sie dort?

Ich bin nun für vier Tage da, nur im Rahmen des Jugendkongresses. Dann komme ich zurück - hoffentlich mit positiven Resultaten. Dann müssen wir nächstes Jahr durchstarten, um die Finanzierung hinzubekommen.

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Wege durch die Wüste: Die Menschen in der Sahara haben es nicht leicht. Foto: Fethullah Sevinc

Ist der zeitliche Horizont klar definiert? Würden Sie das Projekt vor Ort auch an den Start bringen?

Ja. Es sind noch verschiedene weitere Organisationen beteiligt. Ich habe mich verpflichtet, das Projekt bis zur Errichtung und darüber hinaus umzusetzen. Ein Jugendaustauschprogramm wird es geben, wenn es so weit ist. Wir gründen ein Netzwerk mit den Studenten, die vor Ort waren oder sind, um weitere Projekte zu entwickeln. Wir wollen den Fokus in Deutschland stärker darauf richten. Unser ehemaliger Bundespräsident Horst Köhler ist seit einigen Monaten UN-Sonderbeauftragter für den Westsahara-Konflikt.

Hat das positive Auswirkungen für deutsche Projekte?

Absolut!

Sie fahren jetzt dorthin. Kommen nächste Woche wieder - gibt es dann schon ein konkretes Ergebnis?

Nein, so schnell geht es dann doch nicht. Wir müssen das Projekt erst bei Finanzgebern und Projektträgern anmelden.

Wie viele solcher Projekte hat die Auslandsgesellschaft?

Wir fangen damit gerade erst an, so etwas zu etablieren. Dafür bin ich zuständig. Wir haben auch noch andere Projekte in Planung, die auch mit der Interkulturellen Brücke Castrop-Rauxel, deren Vereinsvorsitzender ich bin. Darüber kann man aber erst nächstes Jahr sprechen kann.

Wie ein Ickerner Entwicklungshilfe in der Sahara leistet

Fethullah Sevinc aus Ickern fliegt in eines der ältesten Flüchtlingscamps der Welt. Er will ein Projekt für die Auslandsgesellschaft lancieren. Foto: Tobias Weckenbrock

Viele Kritiker multikultureller Zusammenarbeit sagen: „Wir haben die großen Baustellen doch gerade in Deutschland durch die Flüchtlingssituation von 2015/16. Jetzt engagieren Sie sich doch hier und nicht in Algerien!“ Was sagen Sie denen?

Die Bevölkerung in Afrika wird sich in den nächsten 30 Jahren verdoppeln. Es wird viele Menschen geben, die die tödlichste Fluchtroute der Welt, das Mittelmeer, in Kauf nehmen, um nach Europa zu gelangen. Es ist in vielen Städten Afrikas aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen und zum Beispiel des Klimas in der Sahara nicht mehr auszuhalten für sie. Es ist da in Tindouf im Sommer über 50 Grad. Ich finde, dass es uns etwas angeht, dass wir den Menschen dort Bleibeperspektiven schaffen müssen. Politiker nennen das „Fluchtursachen bekämpfen“. Dabei keinen Zaun rund um Europa zu bauen, sondern mit Experten gemeinsam nach effizienten und nachhaltigen Lösungsstrategien für den Kontinent Afrika und Afghanistan zu suchen. Wenn wir dort keine Bleibeperspektive schaffen, nehmen die Menschen dort das Risiko des Todes auf der Flucht in Kauf.

Viele Kinder leben im Camp. Was ist deren Zukunft? Liegt sie wirklich hier in ihrer Heimat? Dann brauchen sie Perspektiven.

Fethullah Sevinc aus Ickern fliegt in eines der ältesten Flüchtlingscamps der Welt. Er will ein Projekt für die Auslandsgesellschaft lancieren.

Wege durch die Wüste: Die Menschen in der Sahara haben es nicht leicht.

Die Kinder und Jugendlichen suchen Beschäftigung. Das geht gut mit Fußball, einem auch hier sehr beliebten Spiel.

Dieser Kartenausschnitt zeigt, wo Tindouf liegt: An der Westgrenze Algeriens zu Marokko und einem Land, das Westsahara heißt, aber als Staat nur von 70 bis 80 Nationen weltweit anerkannt wird.

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