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Bundesfreiwilligendienst

Wie fünf Castrop-Rauxeler Bufdis fürs Leben lernen

Castrop-Rauxel Dass ein Bundesfreiwilligendienst verschenkte Lebenszeit sein könnte, war unsere bewusst steile Arbeitshypothese. Kaum Verdienst, keine Perspektive. Dann sprachen wir mit fünf „Bufdis“ – und alle behaupten, dass dieses Jahr sie sehr bereichert. Über die Gründe und den Bundesfreiwilligendienst bei der Stadt.

Wie fünf Castrop-Rauxeler Bufdis fürs Leben lernen

Muhammed Kirac (21), Joana Königsbüscher (19), Julia Koziol (19), Maria Wefringhaus (18) und Elena Schwarz (20, v.l.): Sie sind fünf der rund 20 jungen Menschen, die bei der Stadt Castrop-Rauxel zurzeit Bundesfreiwilligendienst leisten. Jennifer Podraza (r.) betreut die Freiwilligen als Angestellte der Stadtverwaltung. Foto: Tobias Weckenbrock

Eigentlich lernten die Freiwilligen, die im Moment Dienst in Ganztagsschulen, Kitas und Jugendtreffs der Stadt leisten, am Montag selbst etwas: über Öffentlichkeitsarbeit. Darum war unser Redaktionsleiter als Referent eingeladen. Dann aber drehten wir den Spieß um und sprachen mit fünf Bufdis. Sie gaben erstaunliche Antworten auf unsere Fragen. Alle empfinden die Zeit als bereichernd. Sie hat ihre Berufswahl beeinflusst – und das nicht nur zu einem sozialen Beruf hin, sondern interessanterweise auch weg davon.

Das waren unsere Fragen in der Gesprächsrunde:

  • Warum hast du dich zu einem Bundesfreiwilligendienst entschieden?
  • Würdest du die Entscheidung wieder so treffen?
  • Welche Erfahrungen machst du?
  • Was hast du aus deiner Zeit in der Einrichtung über deinen weiteren Berufsweg gelernt?

Muhammed Kirac, 21 Jahre, tätig seit dem Herbst als BufDi im BoGis:

Wie fünf Castrop-Rauxeler Bufdis fürs Leben lernen
Ich wollte eigentlich ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ, d. Red.) machen, um zu schauen, wie die Arbeit im Bereich Erziehung oder Soziales ist. Mein Problem war, dass ich keinen deutschen Pass habe und das nur mit einem deutschen Pass geht. Dann habe ich recherchiert und den Bundesfreiwilligendienst gefunden, den man auch mit einem anderen Pass machen kann. Ich war als Schüler schon früher hier, darum wollte ich den BufDi hier machen.

Man hat mit den Kindern im Café zu tun, aber auch Casterix und das KiJuPa. Darum hab ich mich dazu entschieden. Ich kenne die Mitarbeiter seit meiner Kindheit, bin heute bei jedem Teamgespräch dabei, darf mich mit Ideen und meiner Stimme bei Entscheidungen einbringen. Ein BufDi kann sehr viel ausmachen, denn die anderen Mitarbeiter können dann in der Zeit Organisatorisches regeln, während ich auf die Kinder aufpasse. Ich fühle mich da als richtiges Teammitglied.

Ich will in diesem Jahr erfahren, ob mir das Soziale liegt - das hat man mir nämlich immer nachgesagt. Ich weiß inzwischen, dass es mir wirklich liegt, und würde es gern weiter machen. Vielleicht studiere ich Sozialpädagogik, obwohl ich im Abi Physik und Mathe hatte, weil ich vor hatte, Bauingenieurwesen zu studieren. Jetzt möchte ich lieber was im Sozialen machen.

Joana Königsbüscher, 19 Jahre, tätig in der Kita Lummerland in Ickern:

Wie fünf Castrop-Rauxeler Bufdis fürs Leben lernen
Ich habe dieses Jahr Abitur gemacht, hatte Pädagogik-Leistungskurs und Psychologie, also Dinge aus dem sozialen Bereich. Ich habe meine Praktika in Kindergärten und Grundschulen gemacht. Dadurch war mir klar, dass ich die Erzieherinnen-Ausbildung machen möchte. Aber dafür braucht man 900 praktische Stunden. Ich habe mich mit meinen Lehrer beraten, der mir berichtet hat, dass das im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes geht. Den bekommt man anders als ein Praktikum auch bezahlt.

Ich hab dann recherchiert, bin aufs Lummerland gestoßen, habe mich dort mal vorgestellt, habe angefragt. Ich sollte mich dann an die Stadt wenden und mich dort bewerben. Danach könnte ich dann die Erzieherinnenausbildung machen - das möchte ich nun aber nicht mehr. Ich möchte das Jahr nicht abbrechen, trainiere auch bei der DLRG und in einem Fußballverein Kinder in einer Minikicker-Mannschaft. Aber der Beruf des Erziehers ist in unserer Gesellschaft zu wenig anerkannt. Das sieht man auch beim Gehalt. Es wird aus meiner Sicht nicht genug honoriert. Der Beruf ist anstregend und geht richtig auf die Knochen.

Ich habe überlegt, Logopädie zu studieren. Das muss man aber an einer privaten Hochschule machen und die muss man bezahlen. Veranstaltungskauffrau, Büromanagement - das sind andere Dinge, die ich mir vorstellen kann. Dabei war ich fest davon überzeugt, dass ich nach dem Abitur eine Erzieherinnenausbildung machen möchte. Nun bin ich dankbar, dass ich den Dienst leiste und diese Erfahrung machen durfte.

Julia Koziol, 19 Jahre, Offene Ganztagsschule an der Waldschule:

Wie fünf Castrop-Rauxeler Bufdis fürs Leben lernen
Ich wollte die Berufserfahrungen haben, bevor anfange zu studieren. Das war der eigentliche Grund. Ich bin mir noch nicht sicher, was ich danach machen will. Ob ich im sozialen Bereich bleibe oder nicht, ist noch offen. Ich könnte mir Grundschullehramt vorstellen, aber auch was ganz anderes: Innenarchitektur. Das hatte ich schon seit der 7. Klasse im Kopf. Aber ich bin auch bei der Freiwilligen Feuerwehr tätig und will darum auch gern was mit anderen Menschen machen - also zum Beispiel Kindern. Ich glaube, am Ende wird sich das dadurch entscheiden, welchen Studienplatz ich bekomme. Ich bin mir immer noch nicht sicher. Ich helfe den Lehrern im Unterricht, bin bei Bücherei-Gängen oder anderen Ausflügen dabei, bin beim Mittagessen in der OGS und mit den Gruppen danach unterwegs. Ich behaupte, dass einiges nicht so gut laufen würde, wenn ich nicht da wäre.

Maria Wefringhaus, 18 Jahre, tätig in der Kita Swabedoo in Obercastrop:

Wie fünf Castrop-Rauxeler Bufdis fürs Leben lernen
Ich habe dieses Jahr Abitur gemacht und war unschlüssig darüber, was ich beruflich machen wollte. Um Bedenkzeit zu haben, habe ich den BufDi angefangen. Das ist eine tolle Erfahrung; mein Freund hatte mit dazu geraten. Er hat selbst auch Bundesfreiwilligendienst geleistet, allerdings in einer Grundschule, und hat gesagt, man würde sehr viele Erfahrungen sammeln und sei hinterher menschlich sehr viel weiter. Ich weiß, dass ich später keinen sozialen Beruf mit Kindern machen möchte - eher etwas Kreatives, zum Beispiel Goldschmiedin. Es ist ein Jahr, in dem ich eine andere Ausbildung hätte machen können, in dem ich schon hätte Geld verdienen können, klar. Aber dieses Jahr bekomme ich ja auch etwas Geld. Die Erfahrung mit den Kindern gibt mir aber sehr viel. Ich hatte eine Woche Urlaub, und als ich Montag wieder in die Kita kam, haben sich die Kinder alle total gefreut. Das ist ein total schönes Gefühl.

Elena Schwarz, 20 Jahre, an der OGS der Grundschule Alter Garten in Henrichenburg:

Wie fünf Castrop-Rauxeler Bufdis fürs Leben lernen
Ich wohne seit Mai in Castrop-Rauxel, hätte dieses Jahr Abitur gemacht, bin aber krank geworden und dann über ein halbes Jahr ausgefallen. Dadurch ist das nichts geworden. Meinen theoretischen Teil des Fachabis habe ich aber mit dem Schwerpunkt Soziales aber gut geschafft. Dafür brauche ich nun ein Praktikumsjahr. Da ich mit meinem Freund zusammen wohne, brauche ich auch Geld. Ich habe einige Dinge ausprobiert, mich darin aber unwohl gefühlt. Im Bundesfreiwilligendienst arbeitet man ein Jahr lang Vollzeit und weiß so ganz genau, was später auf einen zukommt.

Meine Mutter ist Krankenschwester: Sie hat erzählt, als die Zivildienstleistenden in den Krankenhäusern alle weg waren nach Abschaffung der Wehrpflicht, war das richtig schlimm für die Kliniken - dabei sprachen damals alle immer nur über die Bundeswehr, die große Veränderungen hat. Auch darum dachte ich, dass das eine gute Sache ist.

Ich habe dann im Internet geschaut, mit Jenny Podraza gesprochen und mich für eine OGS entschieden. Jetzt bin ich mir sicher, dass ich in diesem Bereich arbeiten möchte: Ich fühle mich richtig wohl. Wahrscheinlich möchte ich mit Kindern arbeiten, die speziellen Förderbedarf haben. Ich bin jetzt ein halbes Jahr da - wenn ich daran denke, dass ich in einem halben Jahr wieder weg muss, könnte ich schon heulen. Ich bin Teil des Teams. Wenn ich Seminar habe, so wie heute, dann sagen die Kolleginnen: Und wie machen wir das ohne dich?

Den Austauch unter den BufDis finde ich mega-cool, denn ich kannte ja außer meinem Freund niemanden in Castrop. Wir sehen uns zwei- bis dreimal im Monat, sind aber inzwischen auch privat in Kontakt. Wir machen viele verschiedene Dinge in den Seminar-Treffen, die wir haben. Die Berufsberatung hilft mir auch sehr weiter. Nach meiner Erkrankung wusste ich gar nicht mehr, was ich machen wollte. Bei einem Praktikum beim Optiker, wo man immer was anderes anziehen und immer freundlich lächeln musste, habe ich mich sehr unwohl gefühlt und abends zu Hause sogar geweint. Jetzt ist das so schön, mit den Lehrerinnen und Kindern zusammen zu sein. Ich gehe da einfach gerne hin - und sehe das so: lieber weniger verdienen als jeden Tag irgendwo hin gehen, wo es mir keinen Spaß macht.

Jennifer Podraza, bei der Stadtverwaltung tätig und für die Bundesfreiwilligendienstler zuständig:

Wie fünf Castrop-Rauxeler Bufdis fürs Leben lernen
Diese fünf BufDis und ihre Erfahrungen sind ein guter Querschnitt: Zum einen ist es Berufsorientierung, die der Dienst leistet. Mal hereinzuschnuppern in die Berufe Erzieher und Grundschullehrer. Zum anderen wissen viele noch gar nicht, wohin es geht - ein Jahr, um sich zu orientieren und zu überlegen, was man später machen möchte. Wir haben aber auch viele dabei, die eine Ausbildung machen wollten, aber keinen Ausbildungs- oder Studienplatz bekommen haben. Der Dienst ist eine gute Möglichkeit, so ein Jahr sinnvoll zu gestalten. Denn man bringt sich für die Gesellschaft ein, wie in einem Ehrenamt. Dieses kleine Taschengeld (das variiert von Träger zu Träger, bei der Stadt sind es 250 Euro im Monat, d. Red.) ist ja nur eine Aufwandsentschädigung - es steht nicht in Relation zu dem, was die BufDis jeden Tag machen.

Viele fühlen sich bestätigt und sagen, sie möchten auch danach im sozialen Bereich bleiben. Andere, die zu Beginn fest davon überzeugt waren, sagen im Nachhinein, dass sie alles machen, aber definitiv nichts mit Kindern. Das ist auch in Ordnung. Wir haben den Auftrag als Stadt, Kinder und Jugendliche zu fördern. Dazu gehört auch die Berufsbildung. Dieses Jahr kann dazu beitragen, den richtigen Beruf zu finden. Es geht im BufDi darum, Teamfähigkeit und andere Softskills auszubauen und zu sich auf den Weg zu machen, einen Beruf zu finden. Wir fördern mit regelmäßigen Schulungen die Persönlichkeitsentwicklung. Dazu gehört aber auch Bewerbungstraining und Berufsorientierung. So hoffen wir, dass wir einen Großteil der Freiwilligen in Ausbildung oder Studium vermitteln können.

Als wir 2012/13 angefangen haben, hatten wir zwei, drei Leute. Seither steigt das, vor allem in dem Jahr, in dem wir den Abitur-Doppeljahrgang hatten. Wir freuen uns immer wieder über Bewerbungen und haben auch noch Vakanz, könnten also immer auch noch Leute aufnehmen. Die Bundesfreiwilligendienstleistenden sind aber additiv zu sehen: Es ist in den Einrichtungen zusätzliches Personal. Sie können sich mit den Kindern in Ruhe hinsetzen, mit einzelnen Kindern spielen - Dinge, wofür Erzieherinnen oder Lehrerinnen nicht die Zeit haben.

Verschiedene AGs oder Hausaufgabenhilfe: Da ist Unterstützung durch einen Freiwilligen unheimlich wertvoll. Es gibt auch Menschen aus Zuwandererfamilien und Rentner, die den Freiwilligendienst machen. Bei der Stadt Castrop-Rauxel ist das allerdings bei der Jugendförderung angedockt - wir wollen Jugendlichen eine Chance geben.

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