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Schauspiel-Abschied vom Megastore

"Adieu", singt die Motorsäge

HÖRDE Bettina Lieder bäumt sich auf, Uwe Schmieder kniet auf ihr und schreit: „Weiche!“, und am Ende wird Julia Schubert vergoldet. Zum Abschied des Schauspiels Dortmund von seiner Ausweichspielstätte hat Intendant Kay Voges am Samstag mit einer extralangen Borderline Prozession die Kunst aus dem Megastore exorziert. Wir nehmen Abschied.

"Adieu", singt die Motorsäge

Mit großen Hämmern, hier in den Händen von Ekkehard Freye, gingen die Schauspieler und Techniker dem Bühnenbild an den Kragen.

Der letzte Abend im Megastore war zugleich der letzte Abend der Borderline Prozession. Nach dem dritten Akt, dem eigentlichen Ende der Borderline Prozession, beruft Kay Voges übers Megafon eine „Ensembleversammlung“ ein, und wir verstehen: Jetzt kommt das Extraprogramm, zu Ehren der letzten Vorstellung und zum Abschied vom Megastore.

Die Schauspieler und einige als zottelige Aliens verkleidete Techniker kommen im Wohnzimmer des Bühnenbildes zusammen. Andreas Beck liest Auszüge aus theaterinternen Mails und Briefen der vergangenen Jahre, Beschwerden und Berichte über Schäden, Mängel und Defekte im Schauspielhaus und im Megastore. Beck liest lang. Ja, das Schauspiel hatte es nicht leicht.

"Die Kunst muss raus!", brüllt Voges

Dann passiert, wie auch in der regulären Borderline Prozession davor, vieles gleichzeitig oder nur kurz nacheinander. „Die Kunst muss raus!“, brüllt Voges, die Alien-Techniker und die Schauspieler kloppen mit großen Hämmern Löcher in die Wände, im Schlafzimmer des Bühnenbildes windet Bettina Lieder sich wie irre auf dem Bett, über ihr Uwe Schmieder, der brüllt: „Weiche!“, die Schauspieler reißen mit Brecheisen Abdeckungen runter, drumherum läuft Voges, versprüht Nebel und brüllt unisono mit Rio Reiser, der aus den Boxen dröhnt: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“, und die Motorsägen stechen durch die Wände und singen ihr nöliges Lied.

Das ist ein bisschen irre und ein bisschen platt, Dinge zerkloppen auf der Bühne ist schließlich ein steinalter Hut, aber vermutlich muss das sein, hier und heute, und sie denken sich, wenn wir hier schon rausgehen, dann reißen wir unsere Kunst, die wir hier so mühsam aufgebaut haben, auch selbst wieder ein, dann ist es von Anfang bis Ende unser Ding gewesen hier.

244 Vorstellungen im Megastore, 36 Borderline Prozessionen

Von Dezember 2015 bis Oktober 2017 haben 29.323 Zuschauer 244 Vorstellungen im Megastore gesehen, und die 36 Borderline-Prozessionen waren mit Sicherheit die, von denen am meisten gesprochen wurde. Es war die Inszenierung, die Voges einmal mehr international ins Gespräch gebracht hat, die zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, der viele Zuschauer und alle Kritiker (bis auf die Berliner, diese Nullchecker) verfallen sind, die viele von ihnen zehn- oder zwanzigmal besucht haben.

Eine geniale Stück-Idee, die Darstellung der Gleichzeitigkeit und Unvereinbarkeit von allem und uns allen, gestützt mit vielen weiteren raffinierten und großartigen Einfällen, die Kamera, die wie ein Mond auf ewig das Bühnenbild und damit den Planeten Erde umkreist, deren Bewohner zur Individualität verdammt sind und deren Erlösung doch nur in der Vereinigung liegt, und veredelt von den bewundernswerten Fähigkeiten und der Leidenschaft aller, die daran mitgewirkt haben.

Und deren größte Effekte trotz allem und gerade deswegen die inneren der Zuschauer waren, die Gefühle und Gedanken, die die Inszenierung auslöste. „Höchste Traurigkeit in unendlicher Schönheit“, schrieb Kritiker Honke Rambow nach der Premiere auf dem Ruhrbarone-Blog. „Nichts weniger als der Versuch eines Welt-Panoramas und Lebens-Panoptikums“, schrieb Kritiker Kai-Uwe Brinkmann in den Ruhr Nachrichten. Es ist, wenn man die vielen, vom Stück um den Verstand gebrachten, Kritiken und Kommentare (und auch den eigenen Eindruck) zusammenfassen will, etwas Schöneres und Erhabeneres, als man Menschen zugetraut hätte.

Der Megastore war jedes Mal eine Pilgerfahrt

Jetzt ist sie es nicht mehr, jetzt war sie es. Die Borderline Prozession wird es nicht mehr geben, und für viele, die sie gesehen haben, einmal oder dutzendmal, fühlt sich das an wie ein kleiner Tod. Den Theater-Megastore wird es nicht mehr geben, stattdessen wieder nur den ehemaligen BVB-Megastore, dieses leere, stumme Gehäuse da draußen in Hörde, und auch das ist ein schattiger Gedanke.

Der Megastore war jedes Mal eine Pilgerfahrt und das Gefühl, an etwas Einzigartigem teilzuhaben. Er war im Sommer lächerlich heiß, im Winter arschkalt, im Herbst dröhnte das Dach unterm Regen. Die baulichen Umstände für die Techniker und die sanitären und räumlichen Umstände für die Schauspieler waren ein Witz, oder besser, eine absurd große Herausforderung. Der Megastore sei eine Diva, hatte Voges im Frühjahr 2016 gesagt, kurz nach dem Umzug dorthin, ein Diva, die sich mit allen Kräften dagegen sträube, dass hier Theater gemacht wird.

Eine golden glitzernde Julia Schubert

Als am Samstag der Stapel zerschlagener Wandteile auf dem Boden des Wohnzimmers etwa hüfthoch gewachsen ist und den Schauspielern vom Hammergeschwinge langsam die Puste ausgeht, schreitet noch einmal die Prozession herein, angeführt von der (tatsächlich) hochschwangeren Julia Schubert in Unterwäsche (die trotz Schwangerschaft die ganze Vorstellung mitgespielt und sich auf der Bühne zwischendurch den Bauch eingeölt hat). Caroline Hanke schwenkt ein Weihrauchgefäß. Die Prozession durchschreitet das Bühnenbild.

Schließlich nimmt Schubert auf einem weiteren Bruchholzstapel auf der Rückseite Platz, umringt von den Borderline-Figuren, und die Borderline-Lolitas reiben Schuberts Bauch, Brüste, Arme und Gesicht mit einer golden glitzernden Paste ein, und die Kamera wirft ihr sphinxhaftes Lächeln auf die großen Leinwände. Dazu läuft „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ von Johann Sebastian Bach.

Ein Megamoment.

Hey, Diva, schau dir dieses golden glitzernde Lächeln an und weine, erschüttert und erlöst, ein bisschen mit uns.

Rote Augen, die nach vorne schauen

Eine halbe Stunde später stehen Besucher und Mitarbeiter auf dem schmalen Anliefersteg, der von der Megabar auf den Parkplatz führt. Viele haben rote Augen, aber nicht wegen des Zigarettenrauchs. Viele lächeln, viele lachen. „Irre Zeit“, sagt jemand, „bald wieder zu Hause“, ein anderer. „Während der Vorstellung haben mir backstage viele gesagt, sie hätten einen Kloß im Hals“, sagt ein Dramaturg. Und ein sonst sehr einsilbiger Techniker sagt: „Es ist ein verrückter Abend. Traurig und fröhlich. Es war einzigartig hier.“

Für die Schauspieler beginnt jetzt der Umzug, und das wird wieder sehr viel Arbeit. Die erste Premiere nach der Rückkehr ins Schauspielhaus, „Biedermann und die Brandstifter“, soll am 16. Dezember stattfinden. Er sei inzwischen sicher, sagt der Techniker, dass das auch klappt.

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