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Flüchtling in Selm

Der Figaro aus Mossul in TV-Doku zu sehen

Selm Ein vor dem Krieg in seiner Heimat geflohener Iraker und ein mit dem Grimmepreis ausgezeichneter Kriegsreporter treffen sich in Selm wieder. Die Bilder, die Reporter Ashwin Raman mitgebracht hat, sind nun auch im Fernsehen zu sehen.

Der Figaro aus Mossul in TV-Doku zu sehen

Ashwin Raman lässt sich regelmäßig von dem jungen Iraker im Salon Vision Hairstyle frisieren. Foto: Sylvia vom Hofe

Nach Mossul? Als der 24-jährige Friseur Mahmood Azad hört, wohin sein Kunde reisen will, hält er inne mit dem geschäftigen Kämmen und Schneiden. Tatsächlich Mossul, die Millionenmetropole im Norden des Irak, die drei Jahre lang das Zentrum der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) war? Die Stadt, in der IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi das „Islamische Kalifat“ ausgerufen hatte und aus der floh, wer eben konnte? Das Ziel der siegreichen, aber zerstörerischen Großoffensive irakischer Truppen und ihrer westlichen Verbündeten, die nur Trümmer zurückließ? Mahmoods Heimatstadt? Der grauhaarige Mann im schwarzen Frisiersessel nickt dem fassungslosen Figaro im Spiegel zu. Das war Anfang August.

Inzwischen ist der mit dem Grimmepreis ausgezeichnete Kriegsreporter zurück und wieder zu Gast bei „Vision Hairstyle“ an der Kreisstraße – dieses Mal aber nicht, um sich frisieren zu lassen. Raman hat Filmmaterial aus Mossul mitgebracht für eine große TV-Dokumentation Ende des Jahres im ZDF, für das Auslandsjournal am Mittwoch, 25. Oktober, ab 22.45 Uhr – und für Mahmood: Bilder, die die zerstörte Heimat zeigen, neue Hoffnung und eine Freundschaft, der Krieg und Trennung nichts anhaben können. „Lass uns die anschauen gehen“, schlägt Raman vor.

Arbeitsprobe überzeugt


Ömer Palaoglu winkt seinen Mitarbeiter fort. An diesem Freitag hatte der junge Iraker ohnehin frei. Dass er sich dennoch im Salon mit Raman getroffen hat, sieht ihm ähnlich. „Das ist hier nicht nur meine Arbeitsstelle“, sagt Mahmood mit nur noch leichtem Akzent, obwohl er nie einen Sprachkurs besucht hat. Zwischen den Spiegeln und Sesseln lerne er Deutsch, knüpfe Kontakte und fühle sich einfach wohl. Sein Chef hört lächelnd zu und gibt dann das Kompliment zurück: „Mahmood guckt nie auf die Uhr, ist immer freundlich und sehr engagiert.“ Dass er bei seiner Bewerbung keine Arbeitszeugnisse aus dem Irak vorzeigen konnte, hatte Palaoglu nicht interessiert. „Ich habe ihn vier Tage zur Probe arbeiten lassen und sah sofort, dass er sein Handwerk versteht.“

Zusammen mit Raman geht der Figaro aus Mossul die Kreisstraße hoch bis zur Redaktion der Ruhr Nachrichten, wo sich die beiden die Filme aus dem Irak anschauen wollen. Die Strecke misst nicht einmal 300 Meter, für Mahmood wird es dennoch ein beschwerlicher Weg. Denn am Ziel wartet ein Blick in die zerstörerische Vergangenheit und in eine Zukunft ohne ihn.

Alltag zwischen Krieg und Zerstörung

Der junge Mann ist vorbereitet, als Ashwin Raman den Laptop hochfährt. Zwar seien auch seine Eltern und Geschwister geflohen und lebten in der Türkei, Frankreich und Deutschland. „Aber ich bin jeden Tag zuhause“, sagt Mahmood und hebt das Smartphone in die Höhe. Bekannte schickten Fotos und Videos, vor allem Athear Mautz, sein bester Freund, der als Reporter arbeiten möchte. Er sei nach der Befreiung vom IS nach Mossul zurückgekehrt.

Ashwin Raman lächelt. „Hier ist er“, sagt er und drückt auf „Play“. Ein junger Mann in einem vollbesetzten Restaurant. Er winkt in Ramans Kamera, ruft Grüße. Während seiner Recherchereise durch Syrien und den Irak hatte Raman sich Zeit genommen, Athar zu treffen. Zwischen Krieg, Terror und Zerstörung Menschen in ihrem Alltag zeigen: Das ist seit jeher Ramans Ziel. Auch in Mossul wurde er fündig. Nicht nur im Restaurant, auch in den benachbarten Einkaufsstraßen herrsche wieder Betriebsamkeit, sagt er. „Hier“, er hebt den Arm. „Diese Rolex habe ich mir da gekauft.“ Natürlich ein Imitat, „aber egal“. Die Wirtschaft zeige ihre Selbstheilungskräfte – zumindest im Ostteil der Stadt, der im Januar zurückerobert worden war. Im Westen, der drei Monate nach der Befreiung immer noch nur mit Passierschein betreten werden darf, ist das anders.

Die fröhlichen Stimmen aus dem Lautsprecher des Laptops sind verstummt. Jetzt ist nur ein dumpfes Brummen zu hören: Der Motor des Jeeps, der Raman durch ein Geisterviertel fährt: Vorbei an Gerippen von Häusern und Schutthügeln geht es in die Altstadt westlich des Flusses Tigris. Oder das, was von ihr übrig geblieben ist.

Die letzte Brücke zwischen beiden Stadtteilen liegt in Trümmern, zerstört bei einem Luftangriff. Die heiligen Stätten in der Stadt, die Museen und Bibliotheken und mit ihnen Jahrtausende alte Kulturgüter haben dagegen die IS-Milizen ganz alleine demoliert und zerschmettert.

Bilder, die bestürzen

Ab und zu tippt Raman auf den Bildschirm und erklärt etwas. Sein Friseur neben ihm reagiert aber kaum. Stumm starrt er auf die Bilder, die er zwar erwartet hat, die ihn aber doch bestürzen. „Ich kenne alles und kenne es doch nicht mehr“ sagt er leise.

Nach Mossul? Für Mahmood Azad kommt das erst einmal nicht in Frage. „Ich bin dankbar, hier in Selm leben und arbeiten zu können“, sagt er, während Raman das Laptop wieder verpackt. Jeden Tag komme er etwas weiter. Inzwischen habe er den Führerschein gemacht. Ein altes Auto hat er sich auch schon zusammen gespart. Das nächste Ziel: eine eigene kleine Wohnung. „Vielleicht in ein paar Monaten“. Mahmood Azad baut an einer Zukunft fern von Mossul: dieser Stadt, die zwar befreit ist, wie Kriegsreporter Raman bestätigt, „aber noch lange nicht befriedet“.

Das Auslandsjournal im ZDF strahlt am Mittwoch, 25. Oktober, einen Beitrag von Ashwin Raman aus: zwischen 22.45 und 23.15 Uhr.

Im Mittelpunkt steht nicht die Befreiung Mossuls, sondern die der zweiten Hochburg des Islamischen Staates, die syrische Stadt Rakka.

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