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Siedler haben Ärger mit der Stadt

„Zwölf Apostel“ aus Selm kämpfen für ihre alte Zufahrt

Selm Das ging nach hinten los: Gefordert hatten die Siedler ein Tempolimit, bekommen haben sie eine Sperrung. Das wollen sie nicht länger hinnehmen.

„Zwölf Apostel“ aus Selm kämpfen für ihre alte Zufahrt

Auf der Werner Straße dürfen Autos in der Höhe der Siedlung „Zwölf Apostel“ 70 Stundenkilometer schnell fahren. 300 Meter weiter beginnt die 50-Stundenkilometer-Zone. Foto: Foto: Sylvia vom Hofe

Enno ist der jüngste Apostel – gerade einmal zehn Wochen alt. Bei geöffnetem Fenster könne sie ihren Sohn tagsüber nicht schlafen lassen, sagt Constanze Bennmann und blickt in Richtung Blechlawine, die pünktlich zum Feierabend gerade stadtauswärts über die Werner Straße rollt – nur wenige Meter von den Häusern der Apostelsiedlung entfernt. Die Lautstärke des Verkehrs auf der gerade sanierten Fahrbahn ist aber nicht der einzige Anlass zum Ärger für die rund 100 Nachbarn.

Etwa 20 von ihnen haben sich an diesem Abend versammelt. Wenn nicht Urlaubszeit wäre, hätten noch mehr an dem spontan anberaumten Fototermin teilgenommen, ist Harold Orlowsky, Sprecher der Nachbarschaft, überzeugt. Er hat eine Liste in der Hand mit den Unterschriften aller Hauseigentümer. Sie haben ihre Namen unter den Bürgerantrag gesetzt, den die Apostel jetzt auf den Weg gebracht haben.

Sitzung am 23. November

Der Stadtrat soll sich in seiner nächsten Sitzung am 23. November, 17 Uhr, in Burg Botzlar mit ihren Anliegen beschäftigen und zwei Beschlüsse fassen: Die aus Selm kommend vordere Zufahrt soll wieder geöffnet werden, und außerdem seien Maßnahmen zur Lärmreduzierung zu ergreifen. „Die günstigste Lösung wäre es, das Tempo von 70 auf 50 zu reduzieren und Geschwindigkeitskontrollen durchzuführen“, sagt Orlowsky.

„Das ist doch ein Schildbürgerstreich“, ruft ein Mann aus der Menge. „Willkür“, ein anderer. Alle blicken nach oben auf das runde, rote Schild mit dem weißen Querbalken hinter ihnen: Einfahrt verboten. „60 Jahre lang gab es hier zwei Zufahrten“, sagt Harold Orlowsky, der schon die ganze Zeit dort wohnt. Im Juni hatte die Stadt Selm dem ein Ende gesetzt – mit dem Aufstellen des Verbotsschilds.

„Selbst Schuld“

Orlowsky sei selbst Schuld daran gewesen, hatte damals Bürgermeister Mario Löhr argumentiert (RN berichteten). Während eines Behördentermins vor Ort, an dem auch eine Vertreterin der Bezirksregierung, also der Aufsichtsbehörde der Stadt, teilgenommen hatte, habe sich der Nachbarschaftssprecher eingemischt und die großen Gefahren für die Anwohner heraufbeschworen. Da sei der Stadt doch nichts anderes übrig geblieben, als zumindest eine Gefahrenstelle zu entschärfen: die zweite Zufahrt.

„Unsinn, dadurch ist alles nur viel gefährlicher geworden“, sagt Reinhard Sadrowski aus der Menge der Anwohner. Er zeigt die schnurgerade Fahrbahn hinauf. 300 Meter ist jetzt die einzige Zufahrt entfernt: der Wirtschaftsweg Ondruper Straße. „Dort ist es ohnehin schon unübersichtlich“ – wegen der großen landwirtschaftlichen Fahrzeuge, die dort ein- und ausfahren und durch die Raser, die gerne Linksabbieger übersähen.

Behörden sehen die Sache leidenschaftsloser als die Bürger: „Wir haben die Sperrung nicht gefordert, haben aber auch nichts dagegen“, so Vera Howanietz, Sprecherin der Kreispolizeibehörde. „Verkehrlich spricht nichts dagegen, was die Stadt angeordnet hat“, so Frank Hoffmann, Sprecher des Landesbetriebs Straßen NRW.

Ohne Anhörung

„Für uns geschah das ohne ersichtlichen Grund“, sagt Jens Bennmann, der zweite Sprecher der Siedler. Er und seine Nachbarn vermissen sowohl eine detaillierte Begründung als auch eine Anhörung.

Ob Chancen bestehen, dass die Stadt das Schild wieder entfernt? Dazu kann sich im Amtshaus zurzeit niemand äußern. Der zuständige Sachbearbeiter sei noch bis Anfang November in Urlaub, sagt Stadtsprecher Malte Woesmann lediglich.

Das Tempo auf der Landstraße zu reduzieren, wie die Anwohner seit Jahren fordern, ist nicht Sache der Stadt, sondern des Landes. Frank Hoffmann von der Niederlassung Ruhr des Landesbetriebs Straßen sieht da aber keinen Spielraum.

Schlechte Chancen für Tempo 70

Auf der L 507 wird richtiger weise 70 gefahren. Das entspricht der Charakteristik der Straße und ihrer Aufgabe.“ Das Tempo 70-Schild 300 Meter zu verschieben, damit die Apostel-Siedler in den Genuss von Tempo 50 kämen, kann er sich nicht vorstellen. „Ich sehe keinen Anlass für eine solche Lex Zwölf Apostel“: kein Unfallhäufungspunkt und auch keine extreme Lärmbelästigung. „Andenorts in unserem Zuständigkeitsgebiet haben es Anwohner mit 20 000 bis 30 000 Fahrzeugen am Tag zu tun“, so Hoffmann. 2015, bei den jüngsten Messungen auf der L 507 in Selm, seien es 4560 Autos gewesen, weniger als zehn Jahre zuvor, als es 7800 waren.

Mehr Lautstärke

Das seien Zahlen, die heute nicht mehr stimmten, entgegnet Jens Bennmann. Inzwischen kämen viele Autos über die neue Umgehungsstraße, und das wachsende Gewerbegebiet Werner Straße ziehe zusätzlichen Verkehr an. Für den Vater von Baby Benno, das tagsüber nur bei geschlossenen Fenstern schlafen kann, steht fest, dass der Lärm seit der Sanierung der Straße im Frühjahr zugenommen hat: „Vielleicht, weil die Fahrbahn jetzt höher ist. Ganz sicher, weil sie jetzt noch mehr zum Rasen einlädt.“

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