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Prozess am Landgericht

Betrügerischer Arzt voll geständig

STADTLOHN/MÜNSTER. Der Mediziner, der im Stadtlohner Krankenhaus ohne Zulassung Krebspatienten behandelte, kann auf eine Bewährungsstrafe hoffen.

Betrügerischer Arzt voll geständig

Ohne Zulassung hatte ein Vertretungsarzt Patienten behandelt. Jetzt war er vor dem Landgericht geständig.

Die Zeugen konnten am Dienstag das Landgericht in Münster ungehört wieder verlassen. Ihre Aussage war nicht mehr notwendig. Der Angeklagte, der Anfang 2016 ohne Zulassung im Stadtlohner Krankenhaus Krebspatienten behandelt hatte, zeigte sich reumütig und geständig: „Es tut mir leid. Ich habe das Krankenhaus nicht richtig über die fehlende Approbation informiert.“ Nach dieser Einlassung kann der heute 55 Jahre alte Mediziner auf eine Bewährungsstrafe hoffen – wenn er dem Krankenhaus in den nächsten Tagen 33 840 Euro zurück überweist, die er unter Vorspiegelung falscher Tatsachen als Arzthonorar kassiert hatte. Und das ist die Vorgeschichte: Anfang 2016 suchte das Stadtlohner Krankenhaus Maria-Hilf für die Onkologie einen Vertretungsarzt. Eine Agentur vermittelte den damals 53-jährigen Mediziner nach Stadtlohn. Am 18. Januar trat er erstmals seinen Dienst an – und hinterließ bei seinen Kollegen und der Krankenhausverwaltung in Stadtlohn einen hervorragenden fachlichen Eindruck. Ihm wurde sogar schon nach wenigen Wochen ein Chefarztposten in Aussicht gestellt. Eines hatte der Chefarzt in spe allerdings verschwiegen: Der Mediziner führte zwar zu Recht den Doktortitel und lehrte sogar als Professor an der Universität in München. Er durfte aber in Deutschland gar nicht mehr als Arzt praktizieren. Die ärztliche Approbation war ihm 2012 nach einer Verurteilung wegen eines millionenschweren gewerbsmäßigen Kreditbetrugs und betrügerischen Bankrotts entzogen worden. Damals wurde der Angeklagte zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren und zwei Monaten verurteilt. Von dieser Verurteilung wusste der Verwaltungschef des Stadtlohner Krankenhauses, Michael Saffé, nicht aber vom andauernden Entzug der Approbation. Er wollte dem versierten Mediziner eine neue berufliche Chance geben.

Von der Kripo abgeführt

Doch dann wuchs das Misstrauen, weil der angehende Chefarzt unter stets neuen Vorwänden die Vorlage seiner Approbation im Original immer weiter hinauszögerte. Der Schwindel flog auf. Am 7. April 2016 wurde der Mediziner von Kripo-Beamten aus einer ärztlichen Besprechung heraus zum Verhör abgeführt. Im September 2016 folgte der Prozess vor dem Amtsgericht in Ahaus. Das Urteil: ein Jahr und acht Monate Haftstrafe. Der Richter in Ahaus setzte damals die Strafe nicht zur Bewährung aus, weil sich der Angeklagte in einem furiosen Auftritt im Gerichtssaal uneinsichtig gezeigt hatte (Münsterland Zeitung berichtete). Damals behauptete der Angeklagte, er habe von Beginn an offen gesagt, dass er keine Approbation in Deutschland besitze, sondern nur eine in seiner Wahlheimat Großbritannien. In Stadtlohn, so behauptete er, sei er nicht als Arzt, sondern nur beratend tätig gewesen.

Zufriedenheit am Stadtlohner Krankenhaus

Nach der Verhandlung am Dienstag zeigten sich Prozessbeobachter des Krankenhauses Maria-Hilf zufrieden mit dem Verlauf des Prozesses. Der Anwalt Dr. Nikolaos Gazeas, dessen Kanzlei die Interessen des Krankenhauses im Prozess vertritt, erklärte am Dienstag: „Es ist gut, zu sehen, dass der Angeklagte nun voll umfänglich gesteht und die richtige Konsequenz der Schadenswiedergutmachung zu ziehen beabsichtigt.“ Der finanzielle Schaden sei aber größer als das Honorar, das der Angeklagte bis nächste Woche zurückzahlen möchte. Die Krankenkassen hätten Leistungsabrechnungen wegen der fehlenden Zulassung nicht erstattet. Dieser Schaden bewege sich im fünfstelligen Bereich. Gazeas: „Wir hoffen auch hier auf eine rasche und gütliche Einigung mit dem Angeklagten.“

Einsicht, Geständnis, Bedauern und Wiedergutmachung

Gegen das Urteil des Amtsgerichts legte der Mediziner, der heute in Cambridge lebt und arbeitet, Berufung ein. Mit einem neuen Verteidiger verfolgte er am Dienstag eine andere Strategie als beim Prozess in Ahaus: Einsicht, Geständnis, Bedauern und Wiedergutmachung. Daraufhin signalisierten am Dienstag am Landgericht auch Richter und Staatsanwalt Entgegenkommen. Eine Einstellung des Verfahrens käme zwar nicht in Frage, wohl aber eine Aussetzung der Haftstrafe zur Bewährung – wenn der Angeklagte bis zum nächsten Verhandlungstermin am kommenden Dienstag als Schadenswiedergutmachung sein Honorar an das Krankenhaus zurücküberweist. Zusätzlich nahm das Gericht die Zahlung einer Geldauflage in Höhe von 10 000 Euro an die Kinderkrebshilfe in den Blick.

Patienten gut behandelt

Richter und Staatsanwalt begründeten ihr Entgegenkommen auch damit, dass den Patienten kein Schaden entstanden sei. Im Gegenteil, dem Angeklagten sei von allen Seiten hervorragende medizinische Arbeit attestiert worden. Das Krankenhaus treffe im Übrigen eine Mitverantwortung dafür, dass der Mediziner ohne Approbation tätig werden konnte. „Ich könnte hier nicht als Staatsanwalt arbeiten, ohne mein zweites Staatsexamen vorgelegt zu haben“, so der Vertreter der Anklage. Und der Richter erklärte: „Die Vorstrafen waren dem Krankenhaus bekannt. Da hätte man früher fragen müssen: Und was ist mit der Approbation?“

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