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Experte gibt Antworten

Minijobs – Brücke oder Sackgasse?

SÜDLOHN. Geringfügige Beschäftigungsverhältnisse, auch Minijobs genannt, sind umstritten. Auch unter Fachleuten. Wir haben die Zahlen vor Ort hinterfragt.

Minijobs – Brücke oder Sackgasse?

1269 Minijobber wurden 2016 in Südlohn gezählt – 500 Männer und 729 Frauen. Den größten Anteil stellt der Bereich Handel mit 325 Minijobbern (2007: 250), darunter 218 Frauen. Es folgen Gastgewerbe mit 244 Minijobbern (2007: 209), darunter 174 Frauen und verarbeitendes Gewerbe mit 209 Minijobbern (2007: 288), darunter 100 Frauen. Foto DPA Foto: picture alliance / dpa

Das Recherche-Kollektiv Correctiv hat aufgezeigt, wie es um die Entwicklung von Minijobs in Deutschland bestellt ist. Das Besondere an diesen Arbeitsverhältnissen: Sie sind begrenzt auf 450 Euro Monatsverdienst und von Abgaben weniger stark belastet. Das hat Vor-, aber auch Nachteile. Wir hinterfragten mit dem Teamleiter Arbeitsvermittlung bei der Arbeitsagentur für den Kreis Borken, Andreas Heisterkamp, einige Thesen, die für Südlohn, aber auch für den gesamten Kreis gelten.

THESE: Für viele kann ein Minijob zur Falle werden.

Laut Analyse von Correctiv geraten oft Frauen, die gern halbtags arbeiten würden, hinein, weil sie sonst keine Stelle finden. Oftmals bleiben sie dann länger als nur für eine Übergangszeit darin. Die meisten Minijobs gibt es in Handel, Einzelhandel und Gastronomie. Das ist in Südlohn nicht anders. Heisterkamp sagt: „Das kann ich bestätigen. Die Gefahr besteht, dass es zu einer Sackgasse wird. Das ist immer dann der Fall, wenn man zu lange in einer solchen, geringfügigen Beschäftigung bleibt.“ Das sei in diesen Fällen konträr zu dem Ziel, das man einst mit der gesetzlichen Schaffung dieser Möglichkeit habe erreichen wollen – nämlich sie als Brücke in den sozialversicherungspflichtigen Arbeitsmarkt zu verstehen. Minijobs müssen übrigens für den Arbeitgeber nicht unbedingt günstiger sein, sagt Heisterkamp: „Ein Festangestellter in Teilzeit kommt den Arbeitgeber am Ende sogar günstiger zu stehen als drei Minijobber.“ Ein Arbeitgeber müsse also genau überlegen, weshalb er Minijobs anbiete: Wegen der Kosten oder aber, weil er die Einsatzzeiten möglichst flexibel gestalten will.

THESE: Für viele Menschen sind Minijobs praktisch: Für Studenten und Rentner, generell für jene, für die der Minijob eine Nebentätigkeit ist.

Das sieht Andreas Heisterkamp genauso: „Minijobs muss man nicht verteufeln“, sagt er. Sie können sinnvoll sein für Menschen, die nur zeitweise etwas verdienen möchten oder auch neben dem eigentlichen Beruf das Einkommen mit einem Minijob ergänzen wollen. Auch als Wiedereinstieg oder Sprungbrett kann ein solcher sinnvoll sein. Heisterkamp sieht den Minijob auch für eine andere Gruppe als geeignet. „Wem der Einstieg oder Wiedereinstieg ins Berufsleben schwerfällt, für den kann es eine Chance sein.“ Eins ist aber dabei ganz wichtig: „Der Minijob darf nur eine Brücke sein. Unser Ziel ist immer eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.“

THESE: Die Frau erwirbt kaum eigene Rentenansprüche. Die Ehe wird zu einem Risiko im Erwerbsverlauf von Frauen.

Andreas Heisterkamp meint: „Das ist schon eine Krux. Rentenanspruch erreicht man nur durch eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.“ Ein Minijob kann nur rentenerhöhend sein, bringt aber keine Ansprüche. Das Problem ist, dass viele Frauen sich bewusst entscheiden, für die Erziehung der Kinder eine gewisse Zeit zu Hause zu bleiben. Später ergreifen sie dann – häufig zum Wiedereinstieg in das Berufsleben – Minijobs. Das geht insbesondere mit Blick auf die Altersvorsorge und die Rentenansprüche nur solange gut, wie die Familie funktioniert, und wenn beide Partner im Alter füreinander aufkommen oder ihren jeweiligen Teil zum gemeinsamen Einkommen im Rentenalter beitragen. Bei einer Trennung, so sagt der Arbeitsmarktexperte, stehe ein Partner – in der Regel die Frau – mit geringen Rentenansprüchen da.

THESE: Die Arbeitsagentur hat kein Interesse an Minijobs.

„Unser Bestreben und Auftrag ist, Menschen in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu vermitteln“, erklärt Andreas Heisterkamp. „Ein Minijob sollte nur eine Brücke sein. Er ist grundsätzlich immer nachrangig zu einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung.“ Das heißt, wenn für einen Menschen Bildungs- oder Qualifizierungsmaßnahmen geplant werden, um seine Position am Arbeitsmarkt zu verbessern, muss der Minijob hinten anstehen. Heisterkamp betont: „Wir investieren viel in Qualifizierung und Bildung – umso wichtiger ist es, dass sich die Teilnehmer von Qualifizierungsmaßnahmen im Interesse der eigenen Chancenverbesserung uneingeschränkt auf die jeweiligen Bildungsinhalte konzentrieren können.“

THESE: Man müsste Minijobs abschaffen!

„Nein!“, sagt Andreas Heisterkamp. „Sie sollten die Ausnahme bleiben. Aber für manche sind es die Chancen zu einem (Wieder-)Einstieg.“ Und auch für Arbeitgeber können Minijobs für seine individuellen Belange von Vorteil sein.

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