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Konzept an der Sekundarschule

Auffällige Schüler kriegen mit dem „Ankerplatz“ die Kurve

Werne Für sogenannte „Problemkinder“ hat sich ein Lehrer für Sonderpädagogik an der Marga-Spiegel-Schule den „Ankerplatz“ ausgedacht. Auch Dominik war mit 12 Jahren dem Rausschmiss näher als dem Schulabschluss, heute ist der 16-Jährige sogar Mentor für schwierige Schüler. Eine Erfolgsgeschichte.

Auffällige Schüler kriegen mit dem „Ankerplatz“ die Kurve

Nicht nur für Dominik (l.) ein sicherer Hafen: der Ankerplatz-Raum der Marga-Spiegel-Schule, der aus einem Konzept des Sonderpädagogen Werner Eckert entstanden ist. Foto: Daniel Claeßen

Vor einer Gruppe unbekannter Menschen aufzustehen und frei zu sprechen, ist für manchen Erwachsenen eine Herausforderung. Wie muss das erst für einen 16-Jährigen sein? Vor allem dann, wenn der eigene Schulleiter der Gruppe freimütig verkündet, dass er „in der fünften und sechsten Klasse keinen Pfifferling“ mehr auf ihn gesetzt habe?

„Ich hatte schon Herzklopfen“, gibt Dominik zu. Angemerkt hat man ihm das nicht, als er vor dem Schulausschuss „die Hosen runterlässt“, wie Hubertus Steiner sagt. Der Leiter der Marga-Spiegel-Sekundarschule ist stolz auf seinen Schützling – und vielleicht auch ein bisschen auf seine Einrichtung, die den 16-Jährigen zu dem gemacht hat, was er heute ist: ein Vorbild.

„Ich kam mit der Klasse nicht klar“

Das war vor vier, fünf Jahren nicht unbedingt zu erwarten. „Angefangen hat es ja eigentlich schon in der Grundschule“, erzählt Dominik. „Ich war wütend. Sehr wütend.“ Worauf genau, kann der junge Mann heute gar nicht mal sagen. „Ich kam mit der Klasse nicht klar“, erinnert er sich an die ersten Tage auf der damals neu gegründeten Marga-Spiegel-Schule. „Ich war aggressiv und habe irgendwann angefangen, um mich zu schlagen. Dabei habe ich auch meinen Sitznachbarn getroffen.“

So weit, so normal, möchte man fast sagen. Schließlich bildet die Marga-Spiegel-Schule laut Hubertus Steiner „einen Querschnitt der Werner Bevölkerung“ ab – vom Schüler mit Gymnasialempfehlung bis hin zum Förderbedarf in emotionaler Entwicklung ist alles dabei. Gelegentliche Ausraster gehören da zu den täglichen Herausforderungen.

Ausschluss vom Unterricht

So war das auch bei Dominik. „Der Ausraster war an einem Montag, aber ich hatte noch ein Messer vom Wochenende in der Tasche.“ Das benutzte Dominik zwar nicht – der Klassenlehrer hielt es trotzdem für geboten, eine Teilkonferenz einzuberufen. Das Ergebnis: Ausschluss vom Unterricht. Keine einfache Zeit für den Schüler: „Ich war eigentlich noch wütender. Gleichzeitig habe ich eingesehen, dass ich Mist gebaut hatte und am liebsten die Zeit zurückdrehen wollte.“

Das war der Moment, in dem Dominik Werner Eckert kennenlernte. Er ist Lehrer für Sonderpädagogik an der Marga-Spiegel-Schule und hat sich den „Ankerplatz“ ausgedacht. „Wir haben hier eine heterogene Schülerschaft, wo unterschiedliche Schüler auch eine unterschiedliche Ansprache brauchen. Und man kann die Sorgen und Nöte nicht pauschal beantworten.“ Daraus entwickelte er sein Konzept, dessen Kern die ständige Erreichbarkeit ist: „Wir bieten den Schülern von der nullten bis zur letzten Stunde einen Hafen, in dem sie ankern können.“

Ampel hilft, Wut zu kanalisieren

Einen Hafen, den Dominik sehr gut kennt: „Ohne den Ankerplatz wäre ich nicht mehr auf dieser Schule“, ist er überzeugt. Es fing an in einem Raum, „in dem sonst noch Bücher gelagert wurden“. In seinen ersten „Trainingsstunden“ lernte der Schüler mithilfe einer Ampel, seine Wut anzusprechen und zu kanalisieren. Stellte er die Ampel auf rot, war er sehr wütend. Bei gelb wurde es besser, bei grün war alles in Ordnung. „Wenn ich nun wütend werde, kann ich reagieren“, sagt der 16-Jährige heute. „Ich überlege, ob es überhaupt wert ist, sich aufzuregen.“ Und wenn es mal gar nicht mehr geht, kann er jederzeit in „seinen“ Hafen zurückkehren.

Der befindet sich mittlerweile im ersten Stock der Marga-Spiegel-Schule und ist deutlich gewachsen. Wer hier rein will, braucht eine „Clubkarte“. Rund 80 davon sind derzeit an der Schule im Umlauf – bei rund 1000 Schülern. „Durch die Clubkarte erkennen die Schüler die Regeln des Ankerplatzes an.“ Denn ohne Regeln geht es auch hier nicht. Doch auch wenn der Raum zunächst wie ein normales Klassenzimmer aussieht, entsteht hier nicht der Druck, mit 25 anderen Schülern mithalten zu müssen.

Schnellstmögliche Rückführung in den Schulalltag

„Wer hier hinkommt, wird behutsam auf den Unterricht vorbereitet“, so Eckert. Die schnellstmögliche Rückführung in den Schulalltag ist das oberste Ziel des Ankerplatzes. Wobei Pädagogen und Schulsozialarbeiter auf die Brechstange verzichten: „Alle Kinder, die wir hier auffangen, können selbst entscheiden: Schaffe ich schon einen ganzen Schultag? Wie lange bleibe ich im normalen Unterricht?“ Auf ihrem Stundenplan können die Schüler markieren, welche Stunden sie sich zutrauen – und wo sie mit Problemen rechnen.

Bei Dominik dauerte es drei Monate, bis er in die Klasse zurückkehren konnte. Dort sahen ihn die Mitschüler erst mal skeptisch an. „Natürlich hatten die Angst, aber das verstehe ich auch. Ich würde ja auch nicht neben jemandem sitzen wollen, der plötzlich um sich schlägt.“ Doch Dominik hatte sich geändert – das merkten auch seine Mitschüler. Mittlerweile ist er in die Klassengemeinschaft integriert, hat Freunde – und spricht im Schulausschuss.

Unterstützung im Kollegium

Die Umsetzung des Konzepts wäre kaum möglich gewesen, wenn Eckert nicht die Unterstützung im Kollegium erhalten würde. „Eine gewisse sonderpädagogische Erfahrung ist von Vorteil, aber wichtig ist das Team.“ Dazu gehören auch Schulsozialarbeiter wie Andreas Burczyk. „Wir treffen Absprachen und schließen Verträge mit Lehrern, Schülern und Eltern“, berichtet er von seiner Arbeit, die nicht automatisch von allen Schülern als Bestrafung empfunden wird: „Wir haben 1000 Schüler. So eine Menge verursacht bei so manchem Stress, gerade in den Pausen.“ Deshalb nutzen Schüler den Ankerplatz in solchen Momenten auch ganz bewusst als Rückzugsort, wobei Burczyk betont: „Der Ankerplatz ist kein Freizeittreff.“

In der Schule die Kurve kriegen anstatt nach Hause geschickt zu werden – vielleicht genießt der Raum gerade deshalb eine große Akzeptanz bei den Schülern. Und nicht nur dort: „Auch andere Schulen im Regierungsbezirk Arnsberg sind an dem Konzept interessiert“, sagt Hubertus Steiner. Der Wert des Ankerplatzes lässt sich vielleicht noch besser am Statement von Johannes Heinemann, langjähriger Leiter der Barbara- und jetzt Rektor der Mark-Twain-Schule in Hamm, ablesen: „Wir haben 66 Schüler und schicken jede Woche jemanden nach Hause. Und ein nach Hause geschickter Schüler bedeutet auch immer eine hilflose Schule.“

Die Probleme in den Griff bekommen

Dominik ist seit der sechsten Klasse nicht mehr nach Hause geschickt worden. Im Unterricht hat er vielleicht etwas über Mathe und Deutsch gelernt. „Aber der Ankerplatz hat mir gezeigt, wie ich mit stressigen Situationen völlig neu umgehen kann.“ Mittlerweile fungiert er sogar als Mentor: „Ich zeige anderen Schülern, dass der Ankerplatz eine Chance ist, die Probleme in den Griff zu bekommen.“

Eine Garantie für einen Schulabschluss oder ein entspanntes Leben ist der Ankerplatz freilich nicht. Aber er gibt vielen Schülern die Möglichkeit, am Schulalltag teilzunehmen – eine Möglichkeit, die sie sonst nicht hätten. „Wir warten nicht, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist“, sagt Werner Eckert. Ein Ansatz, der Schule machen könnte.

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