Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.

Nach erstem Bundesligaspiel

Sören Storks spricht vor heimischen Referees

WERNE/HERBERN Sören Storks hatte am Montag bei der Schiedsrichtersitzung das Wort. Storks ist 28 Jahre jung, doch vor so vielen Menschen zu reden, zählt zu seinen leichteren Übungen. Denn seit dieser Saison kann es vorkommen, dass der frischgebackene Bundesligaschiedsrichter auch mal von 50 000 Leuten ausgepfiffen wird.

Sören Storks spricht vor heimischen Referees

Sören Storks berichtet Schiedsrichtern des Fußballkreises Münster von seinem Bundesliga-Debüt.

Plötzlich steht Sören Storks im Mittelpunkt. Freitagabend, 25. August 2017, zweiter Spieltag der Fußball-Bundesliga: Zwischen dem 1. FC Köln und dem Hamburger SV läuft die 50. Minute. Es steht 0:2. Schiedsrichter Dr. Felix Brych spürt einen Stich im Oberschenkel, kann nicht mehr weitermachen. Es ist der Moment, als Sören Storks sich insgeheim fragt: „Wer macht denn nun weiter?“. Und ihm dann bewusst wird: „Ach ja, ich bin der 4. Offizielle, ich mache ja weiter.“

Einmal in Jahr ein Ehrengast

Kurz darauf bläst Sören Storks das erste Mal in seinem Leben in Deutschlands höchster Spielklasse in die Pfeife. 47 Sekunden später ein zweiter Pfiff – Storks zeigt Mergim Mavraj vom HSV nach einem Foul die Gelb-Rote Karte. „Und plötzlich war ich aber mal so was von in der Bundesliga angekommen“, erinnert sich Storks lachend.

Ein Mal im Jahr richten der Fußballkreis Münster und der Schiedsrichterausschuss für alle 262 Schiedsrichter im Kreis einen Lehrabend aus, rund 150 von ihnen haben sich am vergangenen Montagabend im VIP-Bereich des Preußenstadions. Storks ist der Ehrengast – und gewährt einen Einblick in das Leben eines Bundesliga-Schiedsrichters. Und das hat es in sich.

Quasi Profi-Sportler

Storks ist quasi selber Profi-Sportler, er trainiert drei bis vier Mal die Woche. Ist er für ein Spiel angesetzt, muss er sich selbst um die Anreise kümmern. Es folgt ein Videostudium, um sein eigenes Stellungsspiel auf die Taktik der beiden Teams abzustimmen.

Am Spieltag heißt es: Anschwitzen, danach folgt die Besprechung mit seinen Assistenten. „Auf welche Spieler müssen wir besonders achten? Wie gehen wir mit ihnen um? Welche Taktik verfolgen wir?“ Das sind die Fragen, die sich Sören Storks und sein Team stellen. Nach der Ankunft am Stadion zweieinhalb Stunden vor Anpfiff steht die Platzbegehung mit Test des Goal-Control-Systems und der Verbindung zum Video-Schiedsrichter im Studio in Köln an. Dann folgt die Leitung des Spiels – ein komplexer Prozess. Sechs Offizielle sind an der Entscheidungsfindung beteiligt. Storks, seine beiden Assistenten, der 4. Offizielle, dazu die Video-Kontrolleure im Kölner Studio.

Ein Wochenende voller Fußball

Nach dem Abpfiff brauchen Storks und sein Team ein paar Minuten Ruhe. Kurz darauf werden jedoch schon wieder die Schlüsselszenen der Partie reflektiert. Zwei Tage später folgt dann noch mal eine ausführliche Videoanalyse der Partie. Bis zu eineinhalb Stunden lang wird bewertet: Was war gut? Was hätte besser laufen können? Wie war das Eskalationsmanagement? Zudem werden Storks Daten aufgezeichnet. Laufleistung und -wege, Puls, Anzahl der Sprints, Höchstgeschwindigkeit, auch die Nettospielzeit wird festgehalten. So bleiben von 93 Minuten schon mal nur 52 Minuten übrig, in denen auch tatsächlich Fußball gespielt wurde.

Darüber hinaus arbeitet Storks selber auch noch als Video-Schiedsrichter. So kann es sein, dass er an einem Wochenende erst im Studio in Köln sitzt und am nächsten Tag selber irgendwo auf dem Platz steht. „Da kommt schon eine Menge Holz zusammen“, so der Unparteiische.

"Macht das Spiel gerechter"

Ob man sich nicht bevormundet vorkomme, wenn man vom Video-Schiedsrichter korrigiert werde, wird Storks von einem Kollegen aus dem Publikum gefragt. „Mir ist es lieber, wenn ich weiß: Da ist jemand am Fernseher, der auf mich aufpasst, als dass ein Spiel aufgrund einer Fehlentscheidung von mir entschieden wird“, erklärt der 28-jährige Referee und zieht das schlichte Fazit: „Es macht das Spiel gerechter.“

Der Meinung ist auch Markus Holtmann. „Durch den Videobeweis kommen wir dem sportlichen Geist ein Stück näher“, so der Schiedsrichter, der sich mit fünf weiteren Kollegen vom SV Herbern auf den Weg nach Münster gemacht hat.

"Lieber als Fan im Stadion"

Norbert Krevert, stellvertretender Vorsitzender des Fußballkreises Münster, ist voll des Lobes: „Sören ist total authentisch, hatte Bock zu reden und hat den anderen Schiedsrichtern heute gezeigt: Er ist einer von ihnen.“ Mit dem Kollegen Storks tauschen würde Markus Holtmann vom SV Herbern derweil aber nicht gerne: „Um ehrlich zu sein, gehe ich lieber als Fan ins Stadion, als vor so vielen Menschen im Mittelpunkt zu stehen.“

Ein Punkt, der durchaus zur Belastung werden kann. Jede Entscheidung wird öffentlich diskutiert. „Wir stehen medial unter einem hohen Druck“, verrät Storks, der sich nicht in den sozialen Netzwerken herumtreibt. Um den Druck zu mindern, werden die Unparteiischen auch nicht mehr nach Noten beurteilt. Stattdessen erhalten die Schiedsrichter psychologische Betreuung vom Deutschen Fußball-Bund. Vor der Saison im Trainingslager, aber auch jederzeit telefonisch.

Große Belastung

Davon können Amateurschiedsrichter nur träumen. Burkhard Knut vom Werner SC ist seit 1982 Schiedsrichter und hat mittlerweile ein dickes Fell. „Gerade für Anfänger wären solche Ansprechpartner sinnvoll“, sagt Knut in Hinblick auf die Nachwuchsförderung. Junge Kollegen könnten sonst „schnell in den Sack hauen.“

Knut und sein Kollege Holtmann sind sich einig, dass generell im Bereich der Schiedsrichterbetreuung großer Nachholbedarf bestehe. Diese tendiere in den unteren Ligen „gegen Null“, weiß Knut aus eigener Erfahrung. „Wenn du zu einem Spiel fährst, hast du Glück, wenn dir einer ‚Guten Tag‘ sagt und dir die Kabine zeigt“, weiß der Routinier zu berichten.

Auch Sören Storks ist sich der großen Belastung im Amateurbereich bewusst. „Die direkten Anfeindungen in den unteren Ligen habe ich früher als viel schlimmer empfunden, als 50.000 Leute, die dich wegen einer Entscheidung auspfeifen.“ Warum junge Leute trotzdem Schiedsrichter werden sollten? „Man übernimmt Verantwortung, fällt Entscheidungen, kommuniziert und deeskaliert – man wächst persönlich ungemein.“ Außerdem gebe es „ein nettes Taschengeld und man darf umsonst ins Stadion“, fügt Storks mit einem Grinsen an.

Einer von ihnen

An diesem Abend wird offensichtlich: Zwischen Bundes- und Bezirksliga liegen Welten. Was passieren würde, wenn er noch mal ein Bezirksligaspiel pfeifen müsste, wird Storks gefragt. „Beim Abseits wäre ich vermutlich komplett aufgeschmissen“, schmunzelt er mit Verweis auf die technischen Hilfsmittel in Liga eins. Aber: „Trotzdem würde ich mir zutrauen, es noch über die Bühne zu bekommen.“

Und was ist mit der Atmosphäre im Fußball-Oberhaus? Genießen kann Storks die nur beim Warmlaufen. „Wenn ich dann mit den Mannschaften den Platz betrete, gibt es nur noch das grüne Rechteck. Ab da setzt man dann einfach das um, was man all die Jahre gelernt hat“. Das wiederum hat er mit seinen Kollegen aus den Amateurligen im Publikum gemein. Denn er ist einer von ihnen.






Anzeige
Anzeige