Kinaesthetics: Den Körper entdecken
LEGDEN Norbert Feldmann hockt auf dem Boden und ballt die Faust. „Kommt“, sagt er und schaut die Männer und Frauen um sich herum herausfordernd an, „macht es genauso“. Nicht zum Kampf lädt der drahtige Trainer aus Fulda die Teilnehmer des ersten Wohlfühl-Kinaesthetics-Kurses in der Region ein, sondern zur Selbsterfahrung.
Einmal auf die Seite drehen: Für den nach einem Verkehrsunfall schwerst mehrfachbehinderten Kai Fürst (37), der in Heek lebt, war das ohne Hilfe bislang kaum möglich. Annette Zumdick sucht mit ihm nach einem Weg, wie es ohne große Anstrengung für ihn und seine pflegenden Angehörigen ganz leicht geht. (Foto Sylvia Lüttich-Gür)
„Wir vermitteln keine Techniken, sondern laden ein, Erfahrungen zu machen“, stellt der Experte fest, der sich allen nur als „der Norbert“ vorstellt. Er hat die Kursteilnehmer aus dem Kreis Borken, aus Münster und sogar aus Bremen gerade aufgefordert, eine kurze Pause zu machen: Wasser trinken, miteinander sprechen, lachen, Mandy streicheln. Der flauschige Therapiehund von Anke Verweyen spielt mit den Kursteilnehmern mit Behinderung, wenn ihre Familienmitglieder Theorie über Bewegungsabläufe lernen und das Wissen an sich ausprobieren.
Alltag analysieren
„Wenn wir unsere eigenen alltäglichen Bewegungsabläufe analysieren und verstehen, warum manches angenehm ist, anderes aber nicht, können wir die so erworbenen Erkenntnisse auch auf andere übertragen“, sagt Annette Zumdick. Die Legdenerin, die inzwischen ebenfalls ausgebildete Kinaesthetics-Trainerin ist, hat die mehrtägige Veranstaltung organisiert und führt sie zusammen mit ihrem Kollegen aus Fulda durch.
„Den Anstoß dazu hatte mir Familie Fürst gegeben“, sagt sie. Die Angehörigen des nach einem Verkehrsunfall schwerstbehinderten Kai Fürst (37) war in der Vergangenheit mehrfach in die Steiermark gefahren, um an Wohlfühl-Kinaesthetics-Kursen mit Norbert Feldmann teilzunehmen: Veranstaltungen, die nicht nur neue Fähigkeiten vermitteln, sondern auch schöne Gemeinschaftserfahrungen – etwa beim Schwimmbadbesuch oder beim Sitzen draußen auf dem grünen Rasen: für Rollstuhlfahrer seltene und ungemein beglückende Erlebnisse. „Die Fürsts fragten mich, ob wir so etwas nicht auch mal hier anbieten könnten“, erinnert sich Zumdick. Sie konnte.
Wiederholung 2012
Die Premiere ist gelungen. Alle Teilnehmer haben sich bereits für das nächste Jahr wieder angemeldet: Das Unfallopfer Kai Fürst und seine Angehörigen genauso wie der junge Ehemann, der nach einem Zeckenbiss schwer erkrankte, und die vier weiteren Teams, die andere Schicksalsschläge erlitten haben. Eines verbindet alle: Sie versuchen nicht mehr das Hauptaugenmerk darauf zu richten, was alles nicht mehr geht, sondern was doch noch möglich ist. „Und das ist mehr als man denkt“, wissen Annette Zumdick und Norbert Feldmann. Beide stehen auf: Die Pause ist beendet. Die Entdeckungsreise nach den eigenen Ressourcen geht weiter.














