Horowitz' Flügel: Des Magiers Zauberkasten in Münster
MÜNSTER Große Musiker sind oft verliebt in ihre Instrumente. Allerdings fällt diese Liebe leichter, wenn man die guten Stücke – etwa eine Stradivari-Geige – im Köfferchen mitführen kann. Vladimir Horowitz’ 50-jährige Affäre mit seinem Flügel hatte schwerwiegendere Konsequenzen. Jetzt ist das berühmte Instrument in Münsters Pianohaus Micke ausgestellt.
Klavierbauer Mattäus Ciolek vom Pianohaus Micke bringt das Horowitz-Wunder zum Klingen. (Foto: Manuel Jennen)
Er war seit seinem Carnegie-Debüt 1928 ein Star in den USA und hatte 1933 Wanda geheiratet, eine Tochter des Dirigenten Arturo Toscanini, die von Zeitgenossen als äußerst streng beschrieben wird. Mit Wanda war er nach Paris gezogen, vor den Nazis aber zurück nach Amerika geflüchtet.
Star auf allen Bühnen
1941 nun schenkte die Firma Steinway dem Pianisten einen Flügel, das klassische große „Modell D“. Der 274 Zentimeter lange Konzertflügel wird seit 1884 nach demselben Bauplan angefertigt.
Horowitz liebte seinen Steinway so sehr, dass er ihn auf sämtlichen Konzerttourneen per Schiff mitreisen ließ. In der New Yorker Met und in der Berliner Philharmonie stand der Flügel ebenso wie in der Mailänder Scala und im Moskauer Bolschoi-Theater. Nach dem Tod des Künstlers gab Wanda Horowitz das Tastenwunder an Steinway zurück, nun geht es zu Werbezwecken auf Reisen.
Was fand Horowitz an diesem Steinway? Heute kämen wohl selbst Superstars wie Lang Lang oder Martin Stadtfeld nicht auf die Idee, etwa bei einem Meisterkonzert in Münster ihre Flügel einfliegen zu lassen – sie nehmen das Instrument vor Ort. Hat der Horowitz-Steinway geheime Zauberkräfte?
Begeistert vom "nasalen Klang"
„Horowitz liebte den nasalen Klang seines Flügels“, erklärt Klavierbauer Mattäus Ciolek vom Pianohaus Micke. Wie zur Illustration seiner Worte fluten warme, weiche, leicht verschattete Klänge durch den Saal – eine junge Frau hat Platz am Steinway genommen und spielt meisterhaft.
Die Vorzüge des Instrumentes sind allerdings nicht gottgegeben – ein Steinway-Techniker reiste mit Horowitz und sorgte für die passende Klangfarbe ebenso wie für den besonders leichten Anschlag, den der Virtuose so liebte.
Fingerspitzen aus dem Jesnseits
Es ist ein seltsames Gefühl, im ruhigen Ambiente des Geschäftes an der Wolbecker Straße vor diesem magischen Relikt zu stehen. Gar die Hände auf den weißen Kunststoff der Tasten zu legen (Elfenbein gab es in der Kriegszeit in Amerika nicht) und einen Takt Mozart zu klimpern. Als würde man Vladimir Horowitz’ Fingerspitzen in einer anderen Welt berühren.
Den Klang seines Meisters wird das Instrument bei guter Pflege unbegrenzt bewahren. Doch Horowitz’ Kunst, seine unvergleichlichen Interpretationen sind auf ewig in den goldenen Saiten verschwunden, und kein neuer Tastenzauberer wird sie jemals wieder befreien können.
- Der Flügel ist am Dienstag (16.3.) im Pianohaus Micke in Münster zu sehen, Wolbecker Str. 62, 10 - 13, 14.30 - 18.30 Uhr.








