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Landwirt Martin Kortbuß (31) verzichtet - Dürrebeihilfen sind keine Lösung für Landwirte

mlzNach Extremsommer

Die Dürre im Sommer 2018 bedroht die Existenz viele Landwirte. Der Graeser Martin Kortbuß verzichtet jedoch ganz bewusst darauf, sich von Bund und Ländern finanzielle Hilfe zu holen.

Ahaus

, 10.01.2019 / Lesedauer: 5 min

Der Jahrhundertsommer 2018 hat Rekorde gebrochen und vielen Landwirten auch beinahe das Genick. Der Schaden, den die Trockenperiode auf Feldern und Wiesen angerichtet hat, beschäftigt noch immer die Graeser Bauern, die auf ihrer Winterversammlung über Dürrebeihilfen diskutierten. Bislang haben in Gesamt-Ahaus jedoch erst 15 Landwirte einen Antrag auf einen finanziellen Ausgleich gestellt.

Landwirt Martin Kortbuß (31) verzichtet - Dürrebeihilfen sind keine Lösung für Landwirte

Der Graeser Landwirt Martin Kortbuß in seinem Kuhstall © Foto Malena Stöhler

Das Futter, das die Milchkühe auf dem Hof von Martin Kortbuß (31) fressen, stammt in diesem Jahr nicht gänzlich aus eigenem Anbau. Den trockenen, extrem heißen Sommer hat der Familienbetrieb zu spüren bekommen. Trotzdem behält der staatlich geprüfte Agrarbetriebswirt seinen Optimismus. Er hat bewusst darauf verzichtet, bei der Landwirtschaftskammer NRW einen Antrag auf Dürrebeihilfen zu stellen.

Eintragseinbußen bei Mais und Grünland

Auf 150 Hektar baut Familie Kortbuß das Futter für ihre rund 200 Kühe und deren Nachzucht selber an. Neben Milchkuhhaltung, der Bullen- und Schweinemast zieht der Betrieb auch eigene Kälber auf.

Nach der Dürreperiode im Sommer erlebte Kortbuß bei der Ernte eine böse Überraschung: „Wir hatten 38 Prozent Ertragseinbußen beim Mais und 40 Prozent beim Grünland“, erinnert er sich. Auch, dass die EU im vergangenen August die ökologischen Vorrangflächen für den Futteranbau freigegeben habe, sei für ihn nur ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen. „Da wächst in so einem heißen Sommer auch nichts“, sagt der Landwirt.

Im Herbst noch Mais dazugekauft

Die Mais- und Grassilage, die er im vergangenen Jahr von seinen Feldern geholt hat, ist nicht nur weniger als in früheren Jahren, sie hat auch eine schlechtere Nährstoffqualität, die durch Körnermais ausgeglichen werden muss. „Wir brauchen alles, was wir haben und haben dann im Herbst noch Mais dazugekauft“, erklärt er, wie die Bauern sich gegenseitig durch den Engpass geholfen haben.

Auch seine Familie ist ihm eine große Stütze: „Vater und Mutter arbeiten noch voll mit und ich bin jetzt seit zehn Jahren voll im Betrieb.“

Kein leichterer Weg

Dass er nicht den scheinbar leichteren Weg gewählt und bei den zuständigen Behörden um Beihilfen gebeten hat, hat mehrere Gründe. Einmal ist da der riesige Wust an Papier, den er hätte ausfüllen müssen, um einen Bruchteil seines Schadens ersetzt zu bekommen. Stolze 27 Seiten Papier füllt der Antrag, plus 38 Seiten Beimaterial. Eine klobige Ausgeburt der Bürokratie, an die sich viele Bauern gar nicht erst herantrauen. „Ich glaube, nur ein oder zwei Landwirte hier in Graes haben einen Antrag gestellt, aber genau weiß ich das natürlich auch nicht“, vermutet Kortbuß. Außerdem: „Ich hätte Buchungsabschlüsse von drei Wirtschaftsjahren abgeben müssen. Die Unterlagen werden dann nach Düsseldorf zum Ministerium geschickt. Da weiß man auch nicht, was da mit meinen Daten passiert“, sagt er.

Schadensersatz nur zu 50 Prozent

Zudem wären dem Graeser nur 50 Prozent seines wirtschaftlichen Gesamtschadens ersetzt worden. „Man muss sozusagen zu 100 Prozent die Hose runterlassen, aber bekommt sie nur zur Hälfte wieder angezogen“, fasst Martin Kortbuß mit einem Lächeln zusammen.

15 Anträge aus Ahaus

103 Anträge zur Dürrebeihilfe kommen aus dem Kreis Borken, 673 sind des in ganz NRW. 15 Landwirte aus Ahaus haben einen Antrag gestellt Bagatellgrenze für Dürrebeihilfen ist 2500 Euro, der Zuwendungshöchstbetrag liegt bei maximal 500.000 Euro pro Unternehmen. 50 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in NRW sind kleiner als 1,7 Hektar, im Mittel 2,5 Hektar. Insgesamt gibt es etwa 33.000 Landwirte in NRW.

Der Graeser Landwirt glaubt außerdem, dass der vorschnelle Hilferuf des Bauernverbandes nach Unterstützung dem Image der Bauern alles andere als gutgetan hat. „Wir sind nicht glücklich damit, was der Bauernverband da vorgeschlagen hat“, drückt er das aus, was auch viele seiner Kollegen denken.

Versicherung statt Beihilfen

„Wir wollen einfach nur frei produzieren können, ohne immer um Hilfen fragen zu müssen“, betont Martin Kortbuß. Statt finanziellen Hilfen schlägt er eine Mehrfachgefahrenversicherung vor, über die sich jeder Landwirt selbst absichert. „Das hätte die Regierung vorschlagen sollen, anstatt sich da einzumischen. Die Politiker hätten sich lieber in der Zeit, in die sie um die Dürrebeihilfen gestritten haben, um andere Dinge wie das Kupierverbot bei Schweinen kümmern sollen“, findet er.

Kortbuß hat sich vorgenommen, es auch weiterhin aus eigener Kraft zu schaffen. „Man hat immer bessere und schlechtere Jahre. Das ist das unternehmerische Risiko, das jeder Landwirt tragen muss“, sagt der junge Familienvater. Für das kommende Jahr hofft er auf einen ganz normalen, ausgewogenen Sommer.

Bauern werkeln an einem besseren öffentlichen Image
Winterversammlung der Landwirte in Graes

Die Auswirkungen von vertrockneten Feldern waren auch Thema bei der Winterversammlung des Landwirtschaftlichen Ortsverbandes Graes. Auch für Heinrich Blommel, den Vorsitzenden des Ortsverbandes, war die Sache klar: „Die Anforderungen, die man erfüllen müsste, um die Gelder zu kriegen, sind so hoch, dass es sich gar nicht gelohnt hätte, sie anzufordern. Wir wollten die Dürrebeihilfen auch gar nicht haben, deswegen waren wir etwas verstimmt wegen des Vorschlags vom Bauernverband, gerade weil wir diejenigen sind, die jetzt so dastehen, als würden wir immer nur Beihilfen kassieren. Das war gar nicht in unserem Sinne“, versichert er.

Über 200 Kinder auf dem Betrieb von Martin Kortbuß

Blommel hatte aber auch Positives zu berichten: „Wir haben über 200 Kinder von der Ahauser Realschule auf dem Betrieb von Ludger und Martin Kortbuß gehabt. Das war zwar viel Arbeit, hat sich aber auch gelohnt“, erklärte der Ortsverbandsvorsitzende. An ihrem Image polieren die Landwirte, nicht nur in Graes, schon seit einigen Jahren mit Hochdruck. Unter anderem soll eine neue Werbekampagne, in der sich die Landwirte selbst repräsentieren, auf die Beine gestellt werden. Maria Leveling-Hoppe von der Kreisgeschäftsstelle Borken stellte die neue Imagekampagne „Landwirt schafft Leben“ vor. Auch Graeser Landwirte sind aufgerufen, sich zu engagieren. Die Sonnenblumenaktion 2018, organisiert von Christian und Hubert Gesing, hat 224 Euro in die Kasse gespült.

Bürgermeisterin berichtet über Breitbandausbau

Bürgermeisterin Karola Voß überbrachte Neuigkeiten zum Breitbandausbau: „Es ist gerade ganz aktuell, dass noch ein paar Höfe im Brink dazukommen, deren Anschlüsse gefördert werden können, berichtete sie.

Dr. Ulrike Janßen-Tapken von der Kreisstelle gab Einblick in die Nitratbelastung an drei Grundwassermessstellen im Ort. Mit den Werten können die Graeser zufrieden sein: Nur fünf Milligramm Nitrat pro Liter Wasser weist die Messpunkte in Graes-Last auf. Unterboten wird dieser Wert durch den Messpunkt Lasterfeld, an dem nur 1,5 Milligramm Nitrat pro Liter gemessen wurden. Lediglich der Nitratwert der Messstelle Graes liegt mit 16 Milligramm höher.

Handballnationaltorwartin Clara Woltering eingeladen

Als prominenten Ehrengast hatten die Landwirte Handballnationaltorwartin Clara Woltering eingeladen. Die Coesfelderin bewirtschaftet einen Hof in Lette und berichtete von ihren Erfahrungen im Sport und wie diese ihr in ihrem Beruf als Landwirtin heute helfen. „Ein bisschen Stallgeruch haben wir alle, und damit meine ich die Leidenschaft für unseren Beruf“, sagte die Profihandballerin.

Übrigens: Der Graeser landwirtschaftliche Ortsverein hat 95 Mitglieder, 30 davon sind reine Landwirte, der Rest Verpächter oder Nebenerwerbslandwirte.

Dürrebeihilfen

  • Bund und Länder haben insgesamt 340 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, die je zur Hälfte vom Bund und zur Hälfte vom Bundesland getragen werden.
  • Mehr als 8500 Anträge auf Dürrebeihilfen wurden bundesweit bei den Ländern gestellt.
  • Darin wurden Hilfen von insgesamt 288,7 Millionen Euro beantragt.
  • Bis zum Stichtag am 7. Dezember wurden 799 Anträge mit einem Volumen von 39,9 Millionen Euro bewilligt.
  • In Bayern, Hessen und NRW konnten die Landwirte noch bis zum 20. Dezember einen Antrag stellen.
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