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Zynisch oder sinnvoll? Das Spar-Experiment einer Dortmunder Mutter sorgt für Kontroversen

mlzGeld für Lebensmittel

Die Dortmunderin Sigrun Kauertz hat eine Woche versucht, mit 4 Euro für Essen am Tag auszukommen. Der Selbstversuch hat kontroverse Reaktionen ausgelöst. Wir ordnen Kritik und Anregungen.

Dortmund

, 11.02.2019 / Lesedauer: 4 min

Die 54-Jährige hatte nach einer Diskussion mit ihrer Tochter (20) einen Selbstversuch gestartet. Eine Woche lang gab sie nicht mehr als 4 Euro für Essen und Trinken aus, um ihrer Tochter zu zeigen, dass dies möglich ist. Die Studentin benötige monatlich 300 Euro für Lebensmittel.

Der zeitlich begrenzte Verzicht ist möglich, lautete das Fazit der Mutter im Gespräch mit dieser Redaktion. Die Berichterstattung über diese „Challenge“ am 6. Februar hat viele Reaktionen hervorgerufen. Einige Kommentatoren berichten von eigenen Erfahrungen mit geringem Einkommen und diskutieren, wie man Konsum reduzieren kann.

Der Artikel führt aber auch in die Diskussion über Hartz IV und die Frage, wie viel Geld für Lebensmittel angemessen ist. Die Kritik: Für Menschen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, sei das, was hier als Selbstversuch inszeniert wird, tägliche Realität.

Kritik: Der Begriff „Challenge“ ist zynisch

Darüber unter dem Begriff „Challenge“ zu berichten, sei zynisch, schreibt die Dortmunderin Anke Wünsche. „Von 400 Euro pro Person und Monat müssen nicht nur Lebensmittel, sondern auch Kleidung, Fahrkarten, Putzmittel, Kosmetikartikel gekauft und alle anderen Ausgaben (Strom, Versicherungen...) bestritten werden“, schreibt sie in einer Mail an die Redaktion.

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Bei Hartz IV-Beziehern, Alleinerziehenden und Geringverdienern sei es am Monatsende wichtiger, überhaupt noch etwas Sättigendes auf den Tisch zu stellen, als dass das Essen noch den Empfehlungen einer Ernährungsberaterin entsprechen solle.

Vor dem Hintergrund der fast zeitgleichen Debatte über die Probleme der Kana-Suppenküche werde „die soziale Kluft zwischen Mallinckrodtstraße und Sölderholz“ deutlich.

Für viele Dortmunder ist der tägliche Verzicht Realität

Tatsächlich gehört Dortmund zu den deutschen Städten mit dem höchsten Anteil an Hartz-IV-Empfängern, die Armutsgefährdung ist hier so hoch wie fast nirgendwo sonst. Rund 103.000 Dortmunder sind auf Grundsicherung angewiesen. Der tägliche Betrag für Verpflegung liegt bei Hartz IV runtergerechnet bei 4,85 Euro.

Mit dieser Realität ist Martin Pense regelmäßig konfrontiert. Der evangelische Pfarrer aus Hörde und Koordinator des Projekts „Miteinander Essen“, das bedürftigen Kindern eine warme Mahlzeit finanziert, trifft Menschen, die nicht wissen, wie sie mit ihrem Geld über die Runden kommen sollen.

In der Sozialberatung seiner Gemeinde in Hörde sitzen Familien, Alleinstehende, Rentner und junge Leute. „Die Tendenz ist steigend“, sagt Martin Pense. „Miteinander Essen“ ist im zwölften Jahr seines Bestehens wichtiger als je zuvor.

In vielen Familien reicht das Geld trotz mehrerer Jobs nicht

Das spendenfinanzierte Projekt richtet sich in erster Linie an Familien, die nicht im Arbeitslosengeld-II-Bezug sind. „Viele Familien leben in der Grauzone. Die Eltern haben teilweise mehrere Jobs und leben trotzdem am Minimum“, sagt Pense.

Wenn der Kühlschrank mitten im Monat leer sein sollten, verteilt die evangelische Kirchengemeinde in Ausnahmefällen Lebensmittelgutscheine. In Hörde hat die Dortmunder Tafel im vergangenen Jahr einen dritten Ausgabetag eingeführt.

Es gibt viele soziale Initiativen auf Dortmunder Stadtgebiet, die das Thema Ernährung in den Mittelpunkt stellen. Die Arbeit in Hörde steht da nur stellvertretend.

Sich über gesunde oder nachhaltige Ernährung Gedanken zu machen, könnten sich viele Menschen schlicht nicht leisten. „Als alleinstehender Erwachsener kann man so etwas vielleicht noch beschließen. Aber mit Kindern funktioniert es nicht“. Schon allein, weil schon die Verpflegungskosten in Kindergärten und Schulen über den 4 Euro liegen“, sagt Martin Pense.

Es gibt gleichzeitig einen Trend zu bewusstem Verzicht trotz Wohlstands

Was allerdings genauso zur Realität in dieser Stadt zählt: Menschen machen sich trotz objektiven Wohlstands Gedanken über Verzicht und eine bewussteren Konsum. Das merkt Ernährungsberaterin Jola Jaromin-Bowe an der hohen Nachfrage nach ihrer Arbeit.

Wer bei ihr eine Beratung bucht, mit dem spricht Jola Jaromin-Bowe den Wocheneinkauf und den Ernährungsplan durch, rät zu viel Obst und Gemüse, Fisch und bewusstem Fleisch-Konsum.

Es gebe unter ihren Kunden auch Menschen, die zur Tafel gehen oder ausschließlich in preisgünstigen Discountern einkaufen. „Es ist auch da möglich, auf die Ernährung zu achten. Es muss nicht alles Super-Bio sein. Man kann sich über das Sortiment aufklären lassen.“

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