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Agnes Eichmann (63) und ihr Weg in das andere Leben als Witwe

mlzWohnen in Heek

Agnes Eichmann (63) wohnt neben dem Friedhof. Beunruhigt ist sie deshalb aber nicht. „Da bin ich ganz nah bei meinem Mann“, sagt sie. Mit dessen Unfalltod begann ihr neues Leben als Witwe.

Heek

, 13.03.2019 / Lesedauer: 4 min

Die Erdgeschoss-Wohnung ist noch genauso, wie Agnes sie zusammen mit ihrem Ehemann Ferdinand seit 1983, ein Jahr nach ihrer Hochzeit, an der Ludgeristraße 25 nach und nach eingerichtet hat. Den ersten Stock bewohnten bis zu ihrem Tod die Schwiegereltern, Platz für die beiden Töchter Maike (30) und Christiane (36) war dort zuerst auch.

Ein Leben mit zahlreichen Pflichten

Kein ganz einfaches Leben, das Agnes Eichmann jahrelang im Elternhaus ihres Mannes führte. Kinder, Eltern, Schwiegereltern und auch ihr älterer Bruder benötigten ihre Unterstützung. Auch ihren „Traumberuf“ als Erzieherin musste sie wegen der familiären Pflichten aufgeben. Als Ehepaar aber meisterten Agnes und Ferdinand auch die Herausforderungen des Lebens gemeinsam.

Agnes Eichmann (63) und ihr Weg in das andere Leben als Witwe

Im Garten ist Agnes Eichmann in ihrem Element und die Hunde sind auch hier ihre Begleiter. © Christiane Hildebrand-Stubbe

Vor zehn Jahren aber war dann alles anders. Innerhalb nur weniger Minuten. Nach einer Geburtstagsfeier verlor Ferdinand Eichmann plötzlich das Gleichgewicht, stürzte unglücklich auf den Hinterkopf - und starb. Eine Woche vor seinem 50. Geburtstag. Ein Ereignis, das sie noch immer jeden Tag begleitet: „Das geschah vor meinen Augen, und ich mache mir noch heute Vorwürfe, dass ich ihn zu der Feier in der Nachbarschaft überredet habe.“ Die Frage „warum?“ beschäftigt sie immer wieder. „Es waren doch nur wenige Stufen.“

Im Haus hat sie nichts verändert

Im Haus hat sie seitdem alles so gelassen, wie sie es mal war, als ihr Mann noch lebte. Die 100 Quadratmeter bewohnt sie jetzt als Single. Das Mobiliar ist solide-rustikal. Im Esszimmer stehen schwere Eichenstühle um den großen Tisch, bedeckt von einer gestickten Decke, auf der in einer Schale mit Blumendekor eine blühende Amaryllis im Topf noch an die vergangene Weihnachtszeit erinnert. Über dem Wandregal zeigen Fotos einen stolzen Ferdinand Eichmann, der ein Prachtexemplar von Fisch am Haken präsentiert. Pokale auf einem Einbauschrank zeugen von dessen Leidenschaft. „Er war begeisterter Angler“, erzählt Agnes Eichmann. Und: „Viele der Möbel hat mein Mann selbst gebaut.“

Agnes Eichmann (63) und ihr Weg in das andere Leben als Witwe

Agnes Eichmann in ihrem Esszimmer. © Christiane Hildebrand-Stubbe

Ferdinand Eichmann war Schreiner, arbeitete unter anderem auch bei Hülsta. Das Esszimmer, aber auch die anderen Zimmer, sind voller Erinnerungsstücke aus Agnes Eichmanns altem Leben. Spielzeug auf dem Boden ist der deutliche Hinweis, dass hier mitunter auch ganz junge Besucher anzutreffen sind. „Das stammt von meinen Enkeln Kevin (9) und Arjen (6)“, erzählt Oma Agnes von den Söhnen ihrer ältesten Tochter Christina.

In der Ecke überwintert eine riesige Calla, auf den Fensterbänken stehen etliche Topfblumen. Die Bewohnerin hat ein Faible für Pflanzen, wofür sich noch weitere Belege finden.

Drei Hunde als neue Hausgenossen

Das Wohnzimmer wird dominiert von einem großen Eichenschrank mit Butzenscheiben und einer großen Couchlandschaft, die mit einer großen Decke geschützt wird. Aus gutem Grund. Zur Hausgemeinschaft gehört nämlich seit dem Tod des Ehemannes auch Lilli, eine Australian-Sheperd-Hündin, die es sich neben Frauchen auch auf dem Sofa gemütlich machen darf. Und nicht nur Lilli. Zwei weitere Hunde gleicher Rasse, die eigentlich Tochter Maike und Schwiegersohn Stefan Holtkötter gehören, komplettieren die WG im Parterre.

Agnes Eichmann (63) und ihr Weg in das andere Leben als Witwe

Den Schrank hat Ferdinand Eichmann selbst gebaut. Oben drauf stehen seine Angel-Pokale. © Christiane Hildebrand-Stubbe

Das junge Ehepaar hat inzwischen die Wohnung im ersten Stock bezogen, wo auch Agnes‘ Bruder Heinz ein Zimmer bewohnt. Nach dem Tod der Schwiegereltern und längerer Zeit des Leerstands hatte sich diese Wohnform geradezu angeboten. Und als Witwe ist sie froh, dass sie im Haus nicht alleine ist, auch wenn sie nicht verschweigt, dass es mitunter auch Konflikte zwischen den Generationen gibt.

Die Hundegänge teilt man sich auf, und zum gemeinsamen Abendessen trifft man sich bei Agnes, die das Kochen übernimmt. Manchmal sogar zweimal am Tag, wenn noch das Mittagessen mit ihrem Bruder dazukommt.

Viel Arbeit in Haus, Hof und Garten

Der hilft ihr bei den Arbeiten in Haus, Hof und Garten. Und das ist nicht gerade wenig. Zum Gebäude gehören auch ein alter Stallanbau, Gartenhaus und vor allem ein Garten - 1700 Quadratmeter groß. Einer, in den seine Besitzerin nicht penibel eingreift. So darf der abgestorbene Kirschbaum auch als Stamm weiter leben. „Für die Bienen“, sagt Agnes Eichmann.

Agnes Eichmann (63) und ihr Weg in das andere Leben als Witwe

Die beiden Höckergänse fühlen sich im Eichmann-Garten pudelwohl. © Christiane Hildebrand-Stubbe

Im Garten wachsen nicht nur zahlreiche Pflanzen und Beerensträucher sondern auch fünf Apfel-, drei Kirsch- und zwei Pflaumenbäume, im Sommer wird Gemüse angebaut. Die Ernte, ein Großteil wird zu Marmelade verarbeitet oder eingefroren, dient dem eigenen Bedarf oder wird mit der Frauengemeinschaft „geteilt“.

Platz ist im Garten aber nicht nur für die Flora sondern auch für die Fauna, eine ganz besondere dazu. Im hinteren Bereich des großen Areals leben Fritz und Erna, zwei Höcker-Gänse, 27 Jahre alt. In guter Gemeinschaft mit etlichen Hühnern.

Agnes Eichmann (63) und ihr Weg in das andere Leben als Witwe

Die Fotos auf dem Regal erinnern an die Angelerfolge des verstorbenen Hausherrn. © Christiane Hildebrand-Stubbe

Angesichts dieses großen Aufgabenbereichs versteht man, dass Agnes Eichmann oft sagt „dafür habe ich keine Zeit“. Schließlich hat sie auch morgens mehrmals noch ihren 450-Euro-Job als Putzhilfe im benachbarten Seniorenheim. Für den Schlüsseldienst der Andachtskapelle auf dem Friedhof ist sie ebenfalls zuständig. „Ich arbeite gerne, man muss nur aufpassen, dass man nicht zu viel macht, dass die Witwenrente nicht gekürzt wird.“

Ablenkung hilft gegen dunkle Gedanken

Und auch die Hunde wollen beschäftigt, gefüttert, ausgeführt werden. „Eigentlich hatte ich immer Katzen“, erzählt Agnes Eichmann und zeigt auf ein Foto ihrer Lieblings-Katze, die uralt geworden ist. Jetzt aber sind eben Hunde ihre Begleiter.

Agnes Eichmann (63) und ihr Weg in das andere Leben als Witwe

Agnes Eichmann hält die Erbstücke der Familie in Ehren. © Christiane Hildebrand-Stubbe

Das alles lenkt sie ab, hilft gegen dunkle Gedanken, wie auch ihr Engagement in KFD, KAB und Gartenbauverein. Anfangs, sagt sie, habe sie es nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes im Haus nicht ausgehalten, sei sie ständig unterwegs gewesen.

Trotz des schweren Schicksalsschlages und ihres Lebens als Witwe ist die 63-Jährige ein Mensch, der Fröhlichkeit verbreitet. Vielleicht ist es sogar der vertraute Lebensraum, der ihr dafür die Kraft gibt.

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