Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Auszug aus Rafik Schamis Dankesrede

"Von Schmugglern und durchsichtigen trojanischen Pferden" nennt Rafik Schami seine Dankesrede zum Nelly-Sachs-Preis. Hier einige Auszüge.

von Von Katrin Pinetzki

, 09.12.2007
Auszug aus Rafik Schamis Dankesrede

Rafik Schami bedankte sich mit einer langen Rede, die wir in Auszügen bringen.

 

(…) Warum schreibe ich, was ich schreibe und warum schreibe ich es so, wie ich es schreibe? Ein Satz in der Begründung der Jury hat mich gerührt und mir das Gerüst für diese Rede geschenkt. Nämlich, ich sei„ein lebenslustiger Vermittler zwischen den Welten.“

 (…) Diese Zugehörigkeit zu verschiedenen Welten verlangte von mir keine Anstrengung. Sie ist biografisch vorgegeben. Ich bin als römisch katholischer Junge zur Welt gekommen. Meine Eltern stammten aus dem aramäischen Bergdorf Malula, 60 km nördlich von Damaskus und drei Stunden Fußmarsch vom Libanon entfernt. Die Franzosen hatten in den 20er Jahren die Grenzen willkürlich gezogen, und so wurden meine Tante mütterlicherseits und mein Onkel väterlicherseits Libanesen und wir sind Syrer geblieben.

Kommen wir nun zum „Vermittler“. (…) Sicher lag und liegt mir der Jahrhundertkonflikt zwischen Juden und Arabern am Herzen und im Magen. Aber jeder Krieg, und sei er auf den Falklandinseln, macht mich traurig und wütend über den primitiven Stand der Menschheit. Und dieser Krieg zwischen Juden und Arabern mit seiner globalen Wirkung gehört zu den gefährlichsten der modernen Geschichte. Beide Völker kommen von alleine nicht mehr aus der Spirale, in die sie geraten sind. Sie brauchen Hilfe von außen. Eine Hilfe fruchtet aber nur dann, wenn sie eine Brücke der Vermittlung zwischen beiden Ufern bildet. Der Helfer selbst muss auf der Brücke bleiben. Er darf sich nicht selbst auf die eine oder andere Seite begeben und sich für die andere blind stellen, denn damit fördert er gewollt oder ungewollt den Krieg. Der Friede zwischen beiden Völkern ist nicht teilbar, sondern muss gleichermaßen für beide Seiten erreicht werden, und er wird nicht sensationell schlagartig eintreten, sondern muss zäh errungen werden. Rückfälle sind jederzeit möglich. Er ist daher so kompliziert, dass man ihn nicht allein den Amerikanern überlassen darf, deren Außenpolitik den Rest der Welt nur in Schrecken versetzt. Ich sehe hier eine große Chance für Europa. Europa ist der unmittelbare Nachbar und hat bereits Erfahrung im besonnenen Vermitteln in Osteuropa gezeigt.

 (…) Aber Kriege können nicht nur mit Waffen, sondern auch mit Warenkontingenten und Worten geführt werden. Die Chinesen werden das erste Imperium der Ware errichten. In zwanzig Jahren werden sie ein viel größeres Reich beherrschen als Engländer, Osmanen, Franzosen, Russen, Amerikaner oder Araber je zuvor. Weltweit werden Häfen und Lagerhallen mit Billigwaren bombardiert, die sich von hier aus in die letzten Winkel der einzelnen Länder verteilen. (…)  Aber die Natur wird sich rächen, und ich glaube fest daran, wenn ich das alles richtig interpretiere, dass sich die größte ökologische Katastrophe aller Zeiten in China ereignen wird.

 Mich aber beschäftigt – berufsbedingt – ein anderer Krieg, der Krieg mit Worten. (…) Die arabischen Fundamentalisten behaupten allen Ernstes, Gott verstehe nur arabisch. Das haben sie nicht erfunden, sondern abgeschrieben von Juden, die behaupteten Jahwe sei so simpel und verstehe nur Hebräisch. (…) Aber was machen unsere katholischen Fundamentalisten? Sie wollen Gott wieder auf Latein ansprechen.

(…)  Es ist auch eine Fälschung, wenn ein Papst versucht Jesus zu entführen und aus dem Gottessohn mit Geburtsort in Palästina einen braven Griechen zu machen, der nur die glorreiche katholische Kirche bestätigt. Nicht nur das. Im gleichen Atemzug beleidigte der Papst Muhammad, den wichtigsten Propheten für 1,5 Milliarden Menschen (fast ein Viertel der Menschheit). Die Entführung Jesu Christi und Muhammads Diffamierung gingen und gehen immer Hand in Hand.

Die katholische Kirche beschäftigt professionell und erfolgreich ihre Anhänger und die Welt mit solchen Spielchen in Pfützen um sie vom Ozean anstehender Aufgaben und dringender Reformen der katholischen Kirche abzulenken. Sie ignoriert die eindeutige Parteinahme Jesu Christi für alle Benachteiligten und verweigert die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Kirche. (…) Statt also dringende Aufgaben in Angriff zu nehmen, wärmte der Vatikan die alte Diskussion um den Gottesdienst auf Latein wieder auf und begibt sich damit in die Reihen der vorhin erwähnten jüdischen und muslimischen Fundamentalisten. Als ob Gott nur Latein verstünde. Die Sprachrohre des Vatikans behaupten, der Papst handle aus Sorge, den rechten Flügel seiner Herde zu verlieren. Diese merkwürdige Sanftheit zeigen die Päpste aber immer nur dem reaktionären und dafür absolute Sturheit dem emanzipatorischen Flügel gegenüber. (…)

Aber beim Papst kann ich einiges noch verstehen ohne Verständnis zu haben. Er ist ein Herrscher, muss seine Macht erhalten und möchte seine Herde disziplinieren und lenken. Ich verstehe jedoch nicht wie deutsche Gegenwartsautoren so erzreaktionär sein können, dass sie laut tönen, Gott sollte wieder auf Latein angesprochen werden. Gott versteht nicht nur über 6000 Sprachen unserer Erde, sondern auch das Brabbeln der Babys, alle Tiersprachen und das Wasserflüstern und die Windlieder. Ob Juden, Muslime oder Christen, alle ihre Fundamentalisten beleidigen Gott, wenn sie ihn zu einem Simpel machen. Und merkwürdig: Immer wenn Gott nur eine Sprache sprach und verstand, wurde er zum Krieger. Nein, nicht er, sondern die Fanatiker, die seinen Namen missbrauchten um andere zu ermorden. Dem Papst werde ich nichts empfehlen. Er oder seine Nachfolger werden vielleicht verstehen, wenn die Zahl der Katholiken noch radikaler schrumpft, aber den deutschen Autoren, die Gott für einen Lateiner halten, würde ich empfehlen sie sollten Gott in Ruhe lassen und ihre eigenen Romane und Essays auf Latein schreiben. Ich würde das begrüßen, denn dann sparen sie der von mir geliebten deutschen Sprache etwas Langeweile.   

Nun, seien Sie glücklich, dass in Deutschland Staat und Kirche getrennt sind. Eine glückliche Folge davon ist, dass solche Vorstöße für die deutsche Sprache folgenlos bleiben. Nicht so in der arabischen Welt. Dort führen Fundamentalisten und Diktatoren ständig Krieg und ihr erstes Opfer ist die Sprache.

Seit nun vier Jahren stehen die arabische Sprache und Schrift im Mittelpunkt meines Interesses, denn in meinem neuen Roman „Das Geheimnis des Kalligrafen“ geht es neben Liebe und Mord um eine schöne Sprache, die in Schrift und Substanz gefährdet ist. (…)

Auch ein Studium der Ökonomie und der Naturwissenschaft öffnete mir die Augen über große Lücken und Schwächen der arabischen Sprache. Und irgendwann wurde das mein Zentralthema und ich begann zu recherchieren. Woher kommen diese Schwächen und warum wurden die arabische Sprache und Schrift nie reformiert? Ca. 300 Millionen Menschen sprechen arabisch und durch den Islam wird die arabische Schrift von 1,5 Milliarden Menschen in Anspruch genommen.

Aber seit mehr als zwölf Jahrhunderten, seit der endgültigen Niederschrift des Korans, gab es keine Reform, weil Fundamentalisten diese Sprache als heilig erklärten und wir in allen arabischen Ländern keine Trennung zwischen Religion und Staat haben. Und solange das so ist, werden sich Reformer nur die Finger verbrennen. Die Politiker in den arabischen Ländern sind primitive Militärdiktatoren und sie haben am allerwenigsten Lust und Mut etwas zu reformieren. Ihr Interesse konzentriert sich einzig und allein auf die Festigung der Herrschaft ihrer Sippe. Ihr Reichtum erlaubt ihnen das. Dabei ist die arabische Sprache wie alle Sprachen eine Erfindung der Menschen. Auch bräuchte eine Reform den Koran nicht erfassen, sondern lediglich die Sprache des Alltags erweitern und reformieren. Die arabische Sprache zeigt große Mängel an Wortschatz der Moderne und an Buchstaben die ihr erlauben würden diese neuen Wörter aufzuschreiben. (…) .

Die seit einem halben Jahrhundert andauernde arabische Diktatur der Sippe machte nicht nur Arabien insgesamt zu einer rückständigen Gegend. Sie deformiert die Menschen und zerstört ihre Sprache. Jede vernünftige Entwicklung, jede freiheitliche Regung ist ihr verhasst. Doch schlimmer als die pure Diktatur ist ihre Paarung mit Erdöl. Das Produkt ist eine perfekte Demontage der Kultur bei gleichzeitig blendendem Glanz der Oberfläche. Das Elend trägt Handy und fährt teuerste Limousinen und hält sich zu allem Übel für zivilisiert. Ein Araber ist heute im Grunde rückständiger als seine Vorfahren im 9. oder 11. Jahrhundert.

Die Diktatur führt einen Krieg mit der Sprache gegen die eigene Bevölkerung und auch gegen die Sprache selbst. Die Unfreiheit zerstört und besetzt ganze Gebiete der Sprache, sperrt andere Gebiete ab und erklärt sie als verbotene Zone. Nicht selten ist ein Gedicht Anlass für brutale Gefängnisstrafe. Damit lähmt die Diktatur die Sprache. Es drängt sich ein Vergleich mit einem Gefangenen auf, der auf einer fernen Insel in absoluter Isolation gehalten wurde, und nun plötzlich in eine Metropole unserer Zeit kommt. (…)

Denken formiert sich aber aus Wörtern. Das arabische Denken bleibt bei dieser verheerenden Zerstörung der Sprache nicht unberührt. (…) In ganz Arabien werden jährlich 35 Bücher pro einer Million Araber gedruckt, ein guter Teil davon sind religiöse Bücher. Das ist eine kulturelle Katastrophe. Im Vergleich dazu: in der Bundesrepublik werden über 700 Bücher pro Million Einwohner gedruckt. Die Behörden verordnen Zensur und Feindseligkeit gegen das Wesen Buch und gefährden damit nicht nur die heranwachsenden Generationen, die immer mehr zu modernen Analphabeten werden, sondern auch die Stellung der arabischen Sprache als Weltsprache.

(…) Nun komme ich zum letzten Wort ihrer Definition: „Lebenslustig“. Auch das trifft zu mit seiner Doppelbödigkeit von Lust auf Leben und Sehnsucht nach Lachen. Ich habe unbändige Lust auf das Leben, seitdem der Tod mir mit zehn, elf Jahren so nah an die Haut rückte, dass ich seinen eiskalten Atem spürte.

(…) Warum liebe ich das Lachen? (…) ch habe mit fünfzehn, sechzehn Jahren als süchtiger Zuhörer und angehender Erzähler entdeckt, dass Lachen ein raffinierter Schmuggler ist. Man kann manchmal in einer kurzen Lachgeschichte mehr verstecken, als ernsthafte Autoren in dicken Bänden.

Ich habe das selbst erprobt und fand meine eigene Mischung: zwischen Heiterkeit und Trauer, Härte und Zärtlichkeit, Lüge und Wahrheit. Und auch zwischen Orient und Okzident.

Als ich in die Bundesrepublik kam, verstummte ich vor Staunen und brauchte eine Weile um meine Sprache wieder literarisch zu gebrauchen. Deutsch habe ich verhältnismäßig schnell gelernt, aber ich beherrsche die Sprache nicht. Ich liebe sie.

Während ich noch über die moderne Gesellschaft staunte, begriff ich schnell, dass in Deutschland heitere und spannende Literatur nicht ernst genommen wird. Nie gerät ein schlechtgelaunter Autor in diesem Land in den Verdacht unseriös zu sein, und das ist einer der größten Irrtümer der deutschen Literatur der Gegenwart, der auch Mitschuld trägt am Rückgang der Stellung der deutschen Literatur auf der Weltrangliste. (…)

Exil ist nicht nur bitter. Exil macht mutig, öffnet Wege und Wunden, verlangt viel Arbeit, aber beschenkt auch mit beiden Händen. Ich wäre nie zu dem Autor geworden, der ich heute bin, wäre ich nicht nach Deutschland gekommen. Hier genoss ich die Freiheit und die Demokratie, die mich bis heute fasziniert. Mit einem Schlag war ich meiner Sippe einschließlich erpresserischer Tanten, Onkel und Paten, 16 Geheimdiensten, einem Heer von Staatsschreiberlingen, diversen Gefängnissen und der materiellen Not entronnen. Da ist der Begriff „Sieben auf einem Streich“, eine typisch deutsche Untertreibung.

(…) Ich erzählte also Märchen, Geschichten, Satiren und Romane. (…)  ich entdeckte, dass Deutsche gerne zuhören, wenn man etwas erzählt. Also begann ich zu reisen und meine Geschichten zu erzählen. (…)

Wer aber in meinem Beruf etwas erreichen will, muss die Geduld eines Kamels, den Mut einer Löwin und den langen Atem eines Blauwals haben. Ich überhörte die bösartigen Kommentare, die meinen Erfolg begleiteten. Die reichten vom harmlosen „Märchenonkel“, weil ich Kinder ernst nahm, bis zu „Liebling der Frauen“, weil Männer viel zu spröde erzogen werden, dass heute 70% der Zuhörer Frauen sind. All das lag im Bereich harmlosen Stichelns.

Lebensgefährlich wird es bei „Verräter“, zumal diese Kritik meist von arabischer Seite kommt, oft von Menschen, die selbst nicht lesen und keine Kritik verstehen. Doch ehrlich gesagt, war es mir gleichgültig, was die anderen sagten oder verschwiegen. Im Nachhinein empfinde ich aber eine große Befriedigung, dass ich mit der Hilfe meines Publikums all diese Hürden nehmen konnte.

Eine langjährige Freundin von mir und meiner Literatur sagte mir einmal, sie lese meine Geschichten immer als trojanische Pferde. Ich fühlte mich ertappt. Sie hatte mich durchschaut. (…)  Mein neuer Roman, der im nächsten Herbst erscheint ist ein unpolitischer Roman. (…) Nächsten Herbst werden wir sehen, wie die literarische Welt das Buch aufnimmt. Sagt sie, es sei unpolitisch, denn bei politischen Büchern amüsiere man sich nicht, dann weiß ich ab heute, dass einige Dortmunder mit mir herzlich darüber lachen würden. Werfen mir andere vor, dieser Roman sei giftig, und doppelbödig, antworte ich, das kam daher, dass man mir in Dortmund den Nelly-Sachs-Preis verliehen hat, ansonsten war ich ja bis zum Tag der Verleihung ein unpolitischer Schmuggler.

Wie Sie sehen, Dortmund wird für immer verwickelt sein. Und dafür danke ich Ihnen.