Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Auszug aus der Laudatio

Auszüge aus der Laudatio von Meike Feßmann, Literaturkritikerin und Mitglied der Jury des Nelly-Sachs-Preises.

von Von Katrin Pinetzki

, 09.12.2007
Auszug aus der Laudatio

Literaturkritikerin Meike Feßmann hielt die Laudatio.

(…) Rafik Schami ist ein großer Geschichtenerzähler. (…) Er ist es, den alle Buchhändler der Republik haben wollen, für ihn stehen die Leser Schlange. Denn bei ihm muss keiner Angst haben vor dem üblichen Lesedesaster: vorne sitzt einer und liest mehr recht als schlecht seinen Text herunter, ein Häufchen Aufrechter hält die Stellung und bekundet nach vollbrachter Tat, dass es immer weiter bergab gehe mit Deutschland und seinen Lesern.

Nein, bei Rafik Schami ist alles anders. Das Publikum strömt herbei. Und die Buchhändler haben höchstens das Problem, dass ihre Buchhandlung zu klein ist und auch ihre organisatorischen Fähigkeiten an ihre Grenzen stoßen. Wenn Rafik Schami seine Geschichten vorträgt, dann kann man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Der Raum atmet Erwartung. Seine Leser, egal ob alt oder jung, Mann oder Frau, wollen ihn sehen und hören. Und sie wollen sich verzaubern lassen. (…)

 Gerade mal vier deutsche Wörter kannte Rafik Schami, als er 1971 über Beirut aus seinem Heimatland Syrien nach Deutschland kam: „jawohl“ - und „ich liebe dich“. (…) Rafik Schami war vierundzwanzig, als er Syrien 1970 aus politischen Gründen verlassen musste; und auch weil er wusste, dass er den Militärdienst nicht überstehen würde. Er war mit siebzehn, noch als Schüler, in die KP eingetreten und auch als Student politisch und journalistisch aktiv. Der Geheimdienst hatte ihn längst im Visier. Mit gefälschten Papieren gelang ihm gerade noch rechtzeitig die Ausreise in den Libanon, wo er in Beirut darauf wartete, dass ihn eine ausländische Universität als Student aufnehmen würde. Er wäre lieber in ein englisch- oder französischsprachiges Land emigriert, denn beide Sprachen beherrschte er bereits, aber die Heidelberger Universität meldete sich als erste.

Auf lange Sicht war das für beide ein Glücksfall, für Deutschland, das einem Studenten das Gastrecht gewährte und einen Schriftsteller von Weltrang geschenkt bekam, und für Rafik Schami, der hier eine neue Heimat gefunden hat. (...)  Er hatte in Damaskus ein Studium der Naturwissenschaften abgeschlossen und begann in Heidelberg, Chemie zu studieren. (…) Rafik Schami, der schon als Schüler Erzählungen und Theaterstücke schrieb, hatte Syrien mit dem Vorsatz verlassen, Schriftsteller zu werden. Und er hatte auch schon den Entwurf eines Romans im Gepäck, der von den verschiedenen Formen der Liebe in Arabien handeln sollte. Doch es dauerte noch gut dreißig Jahre, bis er diesen Roman verwirklichen konnte, der 2004 unter dem Titel „Die dunkle Seite der Liebe“ erschienen ist.(…) Wie allen großen Schriftstellern war ihm der Unterschied zwischen mündlicher und schriftlicher Rede vollkommen klar. Selbst wer eine Sprache glänzend spricht und aus dem Stand die tollsten Geschichten erzählen kann, ist noch lange kein guter Autor. Deshalb begann er in der zweiten Phase seiner Sprachaneignung die deutsche Literatur so minutiös zu studieren, wie das in keinem germanistischen Seminar geschieht und auch an keiner Dichterschule. Ganze Passagen der von ihm geschätzten Werke schrieb er ab. (…)

Das Ziel seines Schreibens stand ihm von Anfang an deutlich vor Augen: Er wollte Orient und Okzident verbinden, er wollte das Beste aus beiden Welten in seiner Literatur zusammenbringen. Dass ihm das schließlich gelang, wissen wir alle. (…)

1978, ein Jahr vor seiner Promotion, erschien endlich das ersehnte erste Buch: „Andere Märchen“, ein Band mit neun, auf deutsch geschriebenen Erzählungen. (…) Die Arbeit als Pharmareferent, die er unterdessen angenommen hatte, war zwar lukrativ, ließ aber zu wenig Zeit zum Schreiben. 1982, also elf Jahre, nachdem er in die Bundesrepublik gekommen war, gab er sie auf und wählte die Existenz eines freien Schriftstellers. Dann ging es Schlag auf Schlag. Bücher über die Situation als Emigrant, Märchen, Fabeln, Kinderbücher, eins folgte aufs andere. Um nur ein paar Titel dieser Jahre zu nennen, von denen Sie viele kennen werden: „Das Schaf im Wolfspelz“, „Luki. Die Abenteuer eines kleinen Vogels“, „Das letzte Wort der Wanderratte“, „Der Fliegenmelker und andere Erzählungen aus Damaskus“, „Der erste Ritt durchs Nadelöhr“, „Bobo und Susu“, der autobiographische Jugendroman „Eine Hand voller Sterne“, „Malula. Märchen und Märchenhaftes aus meinem Dorf“. Der endgültige Durchbruch geschah – ausgerechnet, möchte man sagen, aber von der Symbolträchtigkeit des Jahres wusste man noch nichts – 1989. Da erschien „Erzähler der Nacht“, der Roman um den Kutscher Salim, den begnadeten Erzähler, der seine Gäste mit Geschichten unterhält, bis er eines Tages seine Sprache verliert. (...)  (…) Mit „Reise zwischen Nacht und Morgen“, dem zweiten Zirkusroman, gelang der große Schritt, seine endgültige Anerkennung als Schriftsteller für Erwachsene. Es war sein erstes Buch im Hanser Verlag, und der ist der angesehenste literarische Verlag in Deutschland - mit einem so feinen Gespür für geistige Trends, dass es einem manchmal schon unheimlich werden kann. Wer bei Hanser ist, der hat es geschafft. Er hat den Ritterschlag erhalten. Und ab sofort müssen auch diejenigen hinsehen, die vorher vielleicht mit kalter Arroganz gesagt haben: Rafik Schami, das ist doch ein Märchenonkel. Das war er nie. Immer gab es beide Seiten: die Fabulierlust und die nüchterne Analyse, den Wunsch zu verzaubern und das politische Engagement, das warme Herz und den kühlen Kopf. Wenn es für den Erfolg seines Schreibens ein Geheimrezept gibt, dann ist es mit Sicherheit dies: dass er die Gegensätze zu verbinden versteht, in einer unnachahmlichen Mischung. Aber natürlich hat sein Erfolg auch mit seinen Lesern zu tun. Sein Schreiben fiel auf fruchtbaren Boden. (…) Rafik Schami ist ein deutscher Autor geworden, nicht nur weil er auf deutsch schreibt, sondern auch, weil er gerade uns Deutschen etwas zu sagen hat. Denn der Verdacht gegen das Geschichtenerzählen hat sich ja nicht aus Jux und Dollerei ausgerechnet hier länger gehalten als in anderen europäischen Ländern. Entstanden ist die Idee, dass sich eine durch Industrialisierung und Beschleunigung charakterisierte Welt nicht mehr mit den Mitteln des altehrwürdigen Erzählens fassen lasse, am Anfang des 20. Jahrhunderts als Antwort auf den rasanten Modernisierungsprozess. (…) Und dann kam Rafik Schami. Er stellte sich hin und begann zu erzählen. Was ist nun so anders an diesem Erzählen? Ist es „nur“ das Orientalische? Es ist das Zutrauen in die Kraft der Sprache. Dieses Zutrauen schafft ein viel grundlegenderes Vertrauen, eine Art Weltvertrauen. „Die Wunderpille ist das Zuhören“, heißt ein Essay Rafik Schamis. Sein ganzes Werk baut auf dieser Erfahrung auf: wie heilsam es ist, wenn jemand zuhört, und wie wichtig es ist, dass man dem Zuhörer eine gute Geschichte liefert. Bei Rafik Schami ist das Erzählen kein solipsistischer Vorgang. Es ist ein Geben und Nehmen. Nicht das Individuum in seiner Einsamkeit steht hier im Zentrum, sondern der Mensch, der sich in einer Gemeinschaft geborgen fühlt und dieses Gefühl durch das Erzählen immer neu hervorbringt und bestätigt. Wer im Exil ist, der muss seine Heimat im Herzen tragen, der muss imaginäre Mittel finden, um sich zu vergegenwärtigen, was er verloren hat. Und Rafik Schami war mit einem ganzen Sack voller Imaginationen nach Deutschland gekommen. (…) Der Roman „Die dunkle Seite der Liebe“ ist zweifelsohne sein größtes Werk. Es hat nicht umsonst Jahrzehnte gedauert, bis er für den gewaltigen Stoff die richtige Form gefunden hat. Dieses Epos über die syrische Geschichte, das zugleich ein Tableau aller Spielarten der Liebe ist, sinnlich und unverblümt, hat selbst die letzten Skeptiker restlos vom Rang dieses Autors überzeugt. Es ist nicht nur das Opus magnum, das er von Anfang an schreiben wollte und in immer neuen Anläufen schließlich vollendet hat, es ist ein wahrhaft ungewöhnliches Buch. „Die dunkle Seite der Liebe“ verbindet die Farbenpracht des Orients, die zum flächigen Ausmalen geeignete Beschreibungskunst des Arabischen, mit der Tendenz der deutschen Sprache, in die Tiefe zu gehen. (…)Wer Geschichten erzählt, der macht die Welt bewohnbar. Auch und gerade in Zeiten der Globalisierung, in denen Menschen aus völlig verschiedenen Kulturkreisen so schnell und willkürlich zusammentreffen, wie es früher undenkbar war. Sie, lieber Rafik Schami, haben uns die arabische Kultur nahegebracht, mit Geduld, Mut und Ausdauer, und Sie haben der deutschen Literatur ein Werk geschenkt, das weit in die Welt ausstrahlt und in zweiundzwanzig Sprachen übersetzt ist. Ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zum Literaturpreis der Stadt Dortmund, der nach der großen Lyrikerin Nelly Sachs benannt ist, der deutschen Jüdin, die den Nationalsozialisten nur mit knapper Not ins schwedische Exil entkam.