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Mülheimer Stücke

„Beben“ ist eine Collage aus Realitätsfetzen

Mülheim Bei den Mülheimer „Stücken“ spielte das Theater Heidelberg „Beben“ von Maria Milisavljevic – als großes Netzgeplapper mit wenig Erkenntnisgewinn. Die Inszenierung soll für Humor sorgen, wirkt allerdings bemüht.

„Beben“ ist eine Collage aus Realitätsfetzen

Sie bespielen eine Treppe, manchmal greifen die Darsteller der Heidelberger Inszenierung zum Megafon. Foto: Taake

In der Luft liegt ein Dröhnen, die Quelle ist unbekannt. Später wackelt der Boden, die Erde bebt, und die Namenlosen beraten, ob man vorsichtshalber Matratzen zum Schutz an die Wand stellt. Die Nachbarin, die sie am Fenster sahen, liegt derweil tot auf der Straße.

Ihr Körper verrottet, das Dröhnen hält an, die Menschen lassen es geschehen. Sie schwanken zwischen Passivität, Ratlosigkeit und Schockstarre, die sie aber nicht am Posten und Tweeten hindern: Ekelhaft, diese Leiche in Auflösung dort auf der Straße! Ist ja wie im Splatterfilm!

Die Erde bebt, wir twittern weiter

Das „Beben“ in Maria Milisavljevics gleichnamigem Anderthalbstünder (Sonntag bei den Mülheimer „Stücken“ gesehen) ist das Begleit-Grollen kommender und gegenwärtiger Katastrophen, die den Homo twitterensis beunruhigen, aber nicht wirklich aus der Bahn werfen. „Risse in der Wand? Ich googel mal, was das bedeutet.“

Er surft weiter im Strom der Bilder, Nachrichten, Angebote. Spielt seine Videospiele, fegt den Highscore, nimmt die Toten im Mittelmeer zur Kenntnis wie das Erdbeben in Nepal oder die allerneuesten Katzenvideos. „Will jemand ein Maoam? Oder vielleicht eine Schokozigarette?“

Mit ironischem Kontrast inszeniert

Das Stück ist eine Collage aus Realitätsfetzen, Social Media-Kommentaren, Musikeinspielern, kleinen Live-Reportagen, mal dialogisch, mal im Chor oder als assoziatives Wechselspiel gesprochen. Wobei harte Schnitte und ironischer Kontrast in Erich Sidlers Inszenierung vom Theater Heidelberg für Humor sorgen sollen. Der allerdings sehr bemüht wirkt.

Im Kern bleibt „Beben“ ein großer Wortschwall für sechs Darsteller, die eine Sitztreppe bespielen, auf der sie zucken, tanzen, sich zu Tableaus aufstellen. In besseren Momenten kreieren sie ein Hörspiel, meist aber hecheln sie durch einen sprunghaft irrlichternden Text, den erst das Publikum zu einer Agenda zusammensetzen muss.

Wir erleben keine atmenden Charaktere, bloß Sprechpuppen, Handlung macht sich rar im Wirrwarr des Netzgeplappers. Virtuelles essen Seele auf und Empathie: Mehr an Erkenntnis gibt es nicht, und das ist mager.

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