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Gastspiel in Tongyeong

Bochumer Symphoniker helfen beim Brückenbau zwischen den beiden Koreas

TONGYEONG. 9000 Kilometer sind die Bochumer Symphoniker nach Tongyeong gereist. Dort feiern sie nicht nur musikalische Erfolge, sondern werden Teil einer Annäherung zwischen Süd- und Nordkorea.

Bochumer Symphoniker helfen beim Brückenbau zwischen den beiden Koreas

Ohne Frack und Abendkleid, gelöst und locker: Die Bochumer Symphoniker vor einer Bucht der südkoreanischen Hafenstadt Tongyeong. Foto: Kühlem

Als der letzte Ton von Mahlers 9. Sinfonie verklungen ist, tobt ein Jubel los, wie ihn die Bochumer Symphoniker (Bosy) seit der heiß ersehnten Eröffnung ihres heimischen Musikforums nicht mehr gehört haben. Aber das Orchester ist hier fast 9000 Kilometer entfernt von seiner Heimat – in Tongyeong an der Südküste Südkoreas.

90 Musiker mit 300 Instrumenten

90 Musikerinnen und Musiker mit rund 300 Instrumenten – darunter Trommeln, Celli, Kontrabässe – haben sich Ende März auf die rund 20-stündige Reise gemacht. Für die Strapazen des nächtlichen Flugs und der zwei langen Busfahrten belohnen ein wolkenloser Himmel, frühlingshafte Temperaturen und die beginnende Kirschblüte. Ihr strahlendes Weiß säumt alle Straßenränder. Eine zarte und schnell vergängliche Schönheit.

Verrückt nach Klassik

Florian Riem, der Leiter des Internationalen Musikfestivals Tongyeong, des größten Klassikfestivals Koreas, hat das Orchester eingeladen. „Unser Ansatz ist ein exklusives Programm“, sagt er. „Wir zeigen Ensembles, die man nicht überall sehen kann.“

Statt zwei Drittel seines Budgets für die Berliner Philharmoniker auszugeben, lud er deshalb die Bosy in die frühlingswarme Hafenstadt – buchte für ihre beiden Konzerte allerdings zwei Stars dazu, die die Klassik-verrückten Koreaner verehren: die 70-jährige Geigerin Kyung Wha Chung und die gerade 32-jährige Sopranistin Sumi Hwang, die durch ihren Auftritt bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele weltberühmt wurde. „Die brauchen wir, um das Haus voll zu kriegen.“

Bochumer Symphoniker helfen beim Brückenbau zwischen den beiden Koreas

Die Konzerthalle von Tongyeong ist architektonisch sehr beeindruckend und bietet im großen Saal 1300 Sitzplätze. Foto: Kühlem

Immerhin 1300 Plätze hat die 2014 gebaute Konzerthalle, die mit ihrer monumentalen Dachkonstruktion über einer malerischen Bucht von Tongyeong liegt. Dass die 140.000-Einwohner-Stadt den repräsentativen Bau mit der Konzerthalle aus edlem Holz und brillanter Akustik bekommen hat, ist ähnlich überraschend wie die Geschichte des Bochumer Musikforums. Nachdem das Tongyeong-Festival Ende der 1990er-Jahre im in die Jahre gekommenen Konzertsaal in der Innenstadt begonnen hatte, engagierte sich der kulturbeflissene Bürgermeister für einen Neubau mit landesweiter Ausstrahlung und holte Chefs von Konzernen wie dem Reifenhersteller Kuhmo ins Boot. Für weniger als 50 Millionen Euro konnte das Gebäude schließlich realisiert werden.

Musikfestival und Konzerthalle ehren das Andenken an den berühmtesten Sohn der Stadt: den Avantgarde-Komponisten Isang Yun, der 1995 im Berliner Exil starb. Seit er 1967 vom diktatorischen Regime Südkoreas gekidnappt und ins Gefängnis gesteckt wurde, hatte er seine Heimat nicht mehr besucht – wohl aber den kommunistischen Norden, wo er genauso verehrt wird.

Urne aus Berlin überführt

„Erst nach der Absetzung von Präsidentin Park Geun-hye, der Tochter des diktatorisch regierenden Park Chung-hee, ist ein öffentliches Andenken an Isang Yun möglich geworden“, sagt Festivalleiter Florian Riem. Höchstpersönlich hat er vor rund zwei Wochen Isang Yuns Urne aus Berlin überführt. Kurz vor dem Eröffnungskonzert der Bochumer Symphoniker wird sie in einem Grab nahe des Konzertsaals beigesetzt – nicht ohne Proteste rechtsnationaler Südkoreaner, die Yun für einen Landesverräter halten.

Während die Bochumer Symphoniker Isang Yuns Orchesterstück „Exemplum in Memorian Kwangju“ aufführen, das als Reaktion auf einen blutig niedergeschlagenen Volksaufstand entstanden ist, bleibt es ganz still im Saal. Das Publikum applaudiert andächtig. Sie erkennen die Symbolhaftigkeit des Augenblicks, der einen Menschen ehrt, der stets auf die Wiedervereinigung beider Koreas gehofft hat.

Bochumer Symphoniker helfen beim Brückenbau zwischen den beiden Koreas

Steven Sloane, Gesangssolistin Sumi Hwang und das Orchester genossen den donnernden Schlussapplaus.Foto: Kühlem

Zu explosionsartigem Jubel kommt es erst nach Brahms Violinkonzert in D-Dur. Die 70-jährige Solistin Kyung Wha Chung spielt hier so zupackend und frisch wie sie sich auch auf den Proben gegeben hatte: Bosy-Chef Steven Sloane hatte „unter ihr“ schnell nichts mehr zu melden.

Nach den rund 80 Minuten von Gustav Mahlers 9. Sinfonie ist am zweiten Aufführungstag der Bochumer endlich klar, dass das koreanische Publikum nicht nur die eigenen Stars feiert, sondern auch das Ruhrgebiets-Orchester ins Herz geschlossen hat: Es gibt Standing Ovations, laute Jubelrufe für die Führer der Instrumentengruppen und einen brillanten Gast am Horn.

Die Reise hat sich gelohnt

Steven Sloane schwebt danach förmlich durch die Backstage-Gänge. „Es ist eine Ehre, ein Privileg, dass wir das hier spielen durften“, sagt er. So viel ist klar: Die Reise hat sich gelohnt – und Kyung Wha Chung will sich vielleicht bald mit einem Gegenbesuch in Bochum für die Arbeit „mit einem großartigen Orchester“ revanchieren.

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