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Theater an der Ruhr

Bombenexplosion gerät in Kehlmann-Stück zur Nebensache

MÜLHEIM Als Deutschland-Premiere war Daniel Kehlmanns Stück „Heilig Abend“ im Mülheimer Theater an der Ruhr zu sehen. Ein Abend, der zum Nachdenken anregt.

Bombenexplosion gerät in Kehlmann-Stück zur Nebensache

Dagmar Geppert und Steffen Reuber in „Heilig Abend“

Nur 90 Minuten bis zur möglichen Explosion der Bombe. Die Zeit drängt. Das ist die Ausgangssituation für Daniel Kehlmanns Stück „Heilig Abend“. Regisseurin Simone Thoma schert sich im Theater an der Ruhr wenig um diesen High-Noon-Aspekt. Bei ihr steht da nur eine große Sanduhr. 

Und der Beamte, der die tatverdächtige Philosophieprofessorin verhört, hat die Ruhe weg und fragt sie lange Dinge, die er aufgrund seiner Überwachungsmethoden eh schon weiß. Ist er am Ende mehr an ihr als an der Vereitelung eines Attentats interessiert?

Auf jeden Fall entwickelt sich ein sehr intensiver Dialog, bei dem es nicht nur um Terror geht, sondern – schließlich ist das ja das Metier der Angeklagten – auch um grundsätzliche philosophische Fragen über die Gewalt: ihre Ursachen, ihre Anwendung (auch als Folter im Verhör) und ihre Rechtfertigung. Er spricht von „Dschihad-Idioten“, sie kontert: „Nicht religiöse Gewalt ist das Problem, sondern Hunger.“

Verhör in der Kirche

Simone Thoma spitzt die Sache zu, indem sie „Heilig Abend“ in einer Kirche spielen und immer wieder Cherubinis Requiem in c-Moll ertönen lässt. Ihre Lesart ist in den Namen der Protagonisten begründet: Thomas und Judith, dem zweifelnden Apostel aus dem Neuen und der kämpferischen Israelitin aus dem Alten Testament.

Die Schauspieler Steffen Reuber und Dagmar Geppert gestalten ihre Rollen vor diesem erweiterten Horizont. Er gibt einen anmaßenden Hausherrn mit Weinflasche und Zigarette, der sogar ein Bad im Taufbecken nimmt. Sie aber ist die geradlinige, moralisch Überlegene.

Zur Judith mag ihr bescheidenes, demutsvolles Auftreten nicht passen. Mit blauem Kapuzenmantel und Kinderwagen wird Dagmar Geppert denn auch zur Maria umgedeutet. Und damit wird „Heilig Abend“ doch noch zum weihnachtlichen Stück. Ein nachdenklich machender, lohnender Theaterabend.

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