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Brechts „Der Kaukasische Kreidekreis“ ist in Recklinghausen blutig, derb und drastisch

Regiestar Michael Thalheimer inszeniert bei den Ruhrfestspielen

Wem gehört das Kind? Der Adoptivmama oder der leiblichen Mutter? Der Magd, die es aufzog oder der Hochwohlgeborenen, die ohne Sohn floh, als die Revoluzzer kamen? In Brechts „Der Kaukasische Kreidekreis“ lässt ein Richter lässt die Damen kräftig an dem Jungen zerren ...

Recklinghausen

von Kai-Uwe Brinkmann

, 07.06.2018
Brechts „Der Kaukasische Kreidekreis“ ist in Recklinghausen blutig, derb und drastisch

Stefanie Reinsperger spielt Grusche, die Magd. © Matthias Horn

Der salomonische Richterspruch von Bertolt Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“ blieb natürlich erhalten in der Inszenierung von Regiestar Michael Thalheimer, mit der das Berliner Ensemble bei den Ruhrfestspielen zu Gast ist. An Brechts alter Hausbühne weiß man aber, dass seine Werke Streichungen vertragen, ja benötigen, und so hat Thalheimer den „Kreidekreis“ deutlich verschlankt: Spieldauer unter zwei Stunden, neun Darsteller.

Der Mann an der E-Gitarre

Dazu ein Mann an der E-Gitarre, der fast das ganze Stück mit Klang unterlegt, die Melodie von Leonard Cohens „Hallelujah“ intoniert und manchmal nach singender Säge klingt. Ist der Musiker auf offener Bühne eine Verfremdung im Brechtschen Sinne oder ein modernistischer Regie-Einfall? Das fragt man sich auch beim „Sänger“, der nie singt, sondern als Conférencier durch die Handlung führt.

Die Magd opfert sich

Thalheimer wirft den Zwist zweier Kolchosen über Bord, auch Brechts vordergründig politische Töne. Ein Mob stürmt den Palast des Gouverneurs. Seine Frau sucht das Weite, lässt aber ihr Kind zurück, das von der Magd Grusche (prima: Stefanie Reinsperger) aufgezogen wird. Sie heiratet, damit der Junge einen Vater hat, sie opfert sich auf für das Kind.

Bühne nur durch einen Spot erhellt

Thalheimer lässt auf kahler, dunkler Bühne spielen, oft nur durch einen Spot erhellt. Das Ensemble spricht nicht dialogisch, sondern von der Rampe in den Saal. Es geht drastisch derbe zu, Thalheimer spart nicht am Kunstblut. Tilo Nest als tätowierter Richter mit Afroperücke (Verfremdung per Kostüm) läuft zu prächtig grotesker Komik auf, nicht eben typisch Brecht. – Kräftiger Applaus für die Darsteller, der aber nicht vergessen macht, dass die Moral überschaubar bleibt: Die kleinen Leute sind die Guten, und nicht die Potentaten.