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Kokerei Zollverein

Das Zeitalter der Kohle

Essen Die Riesenausstellung von Ruhr-Museum Essen und dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum zeigt eindrucksvoll die Geschichte des „schwarzen Goldes“. Die Besucher der Schau gehen in der Mischanlage der Kokerei Zollverein in Essen auf jenen Wegen, die die Kohle einst nahm.

Das Zeitalter der Kohle

Ein großer Kohlewagen in der Ausstellung veranschaulicht die Verbundenheit der Menschen mit der Kohle. Er steht auch in Bezug zu den neu gegründeten Gewerkschaften. Foto: Wurzel

Auf breiten Förderbändern ratterte die reine Kohle einst hoch auf die Kopfstation der Mischanlage der Kokerei Zollverein in Essen. Über Jahrzehnte ist dort die Kohle aus den Zechen des Ruhrgebiets zusammengeführt worden.

Die Besucher der Ausstellung „Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte“ können ab Freitag denselben Weg nehmen – allerdings per Standseilbahn. Vier Bahnen sind nach Schließung der Anlage in die Bandbrücke eingebaut worden, die nun vom Wiegeturm aus den Eingang zur Schau bildet.

Per Seilbahn reisen die Besucher in der Zeit

Blickte man im Turm noch in die Porträts von kohleverschmierten Gesichtern der heutigen Bergmänner, so bedeutet die Seilbahnfahrt eine Reise von 360 Millionen Jahren zurück in die Zeit des Karbons.

Oben liegt das größte Stück Kohle, das je in die Mischanlage befördert wurde. Es stammt aus dem letzten aktiven Steinkohlen-Bergwerk Deutschlands: Prosper-Haniel in Bottrop. Mächtig thront der sieben Tonnen schwere, 1,60 Meter hohe Brocken auf dem Podest, umringt von urzeitlichen Schachtelhalmen und Farnen – das Ruhrgebiet lag damals am Äquator.

Karbon-Terrarium auf dem Dach der Mischanlage

Rot-blaues Kunstlicht schafft eine Atmosphäre wie im Terrarium. Aus Gewächsen des Karbonwaldes ist die europäische Kohle größtenteils entstanden. Es lohnt sich, durch eine Tür aufs Dach der Mischanlage zu treten. Von dort aus kann man Prosper-Haniel erahnen.

„Die Hügellandschaft des Ruhrgebiets ist eine Kohlelandschaft“, erklärt Heinrich Theodor Grütter, Direktor des Ruhr-Museums in Essen, das die Ausstellung in Kooperation mit dem Bergbau-Museum Bochum und einem dritten Ausstellungsmacher, Historiker Franz-Josef Brüggemeier, gemacht hat.

„Europäischer Gürtel“ in Reihe der größten Kohleregionen

Von der Kopfstation gelangte die Kohle auf die Verteilerebene – die Besucher nehmen die Treppe. Wie einst die Kohle der Zechen verteilt wurde, so zeigt eine Karte, den „europäischen Kohlegürtel“. Und auch die größten Kohlevorkommen außerhalb Europas, in den USA, Indien oder Australien, sind dargestellt – jeweils mit einem Stück Kohle aus der Region.

Über drei lange Förderbänder zog die Kohle durch die Ebene und fiel je nach Art, Größe und Herkunft in zwölf darunterliegende Bunker.

Verteilerebene zeigt das Leben unter Tage

Zwei Förderbänder stehen noch. Dazwischen sind Gegenstände angeordnet, mit denen die Menschen an die Kohle gelangten: Helme und alte Pickhacken, Schutzanzüge oder Lampen. „Heiß“, „zerstörend“, „trocken“, „eng“ steht eingraviert auf den Schaukästen. Fotos dokumentieren die Arbeit im Bergbau.

Die Exponate der Verteilerebene stammen hauptsächlich aus dem Bestand des Deutschen Bergbau-Museums Bochum.

1200 Exponate auf drei Ebenen

Eine lange Bandbrücke führt hinauf in die Ausstellung. Die Besucher fahren mit der Standseilbahn. Foto: Ruhr Museum
Einen rund sieben Tonnen schweren Steinkohlebrocken vom Bergwerk Prosper-Haniel können die Besucher am Eingang zur Schau begutachten. Foto: dpa
Historische Glasfläschchen mit Teerfarbstoffen stehen aufgereiht in einem wandhohen Regal. Foto: dpa
Der Gründungsvertrag der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) liegt auf der unteren Trichterebene der Schau. Foto: dpa
27 Gasstraßenleuchten (1880 - 1930) hängen von der Decke eines Ausstellungsraumes. Mit Kohlegas konnten Menschen künstliches Licht erzeugen. Foto: dpa
Historische Grubenwerkzeuge, Hacken, Schüppen und Hämmer stehen auf der Verteilerebene der Ausstellung. Foto: dpa
Der „Dark Star“, eine Kunstinstallation von Jonathan Anderson, hängt im Zentrum der Ausstellung. Die Strahlen sind mit Kohlestaub bezogen. Foto: Wurzel
Portrait eines Bergmanns des Bergwerks Prosper-Haniel aus der Serie „Oberirdisch“ 2017. Foto: Bader
Karbonzeitlicher Moorwald, Gemälde von Jiří Svoboda. Foto: Svoboda/ Westböhmisches Museum in Pilsen
„Arbeitskameraden“, Ruhrgebiet, 1937. Foto: Deutsches Bergbau-Museum Bochum, montan.dok
Teilschnittmaschine EVR 160 der Gebrüder Eickhoff Maschinenfabrik und Eisengießerei mbH, Bochum, 1975/80. Foto: Deutsches Bergbau-Museum Bochum, montan.dok
Arbeitsschuh des Hauers Fritz Wienpahl. Foto: Deutsches Bergbau-Museum Bochum, montan.dok
Ölsicherheitslampe (Bauart Davy), um 1820/25. Foto: Deutsches Bergbau-Museum Bochum, montan.dok
Werbeplakat für Gaskoks, 1924. Foto: Museum für Gestaltung Zürich/ Archiv ZHdK
Aspirin-Verpackung, um 1900: Aus Kohle wurden sogar Medikamente hergestellt. Foto: Bayer Business Service GmbH/ Corporate History & Archives
Teil der Wandtapete der Eisenbahn von St. Ètienne nach Lyon. Foto: Ruhr-Museum
Streikküche auf Zeche Arenberg in Wallers bei Valenciennes, Nordfrankreich, 1936. Foto: Centre historique minier, Lewarde (F)
Der deutsche Gewerkschaftsführer Friedrich (Fritz) Ernst Husemann, 1928. Foto: bpk / Kunstbibliothek, SMB, Phot
Gründungsvertrag der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl aus Luxemburg mit Unterschriften der Außenminister, 18. April 1951. Foto: Archives nationales, Luxembourg (L)
Bewohner der Bergarbeitersiedlung Orléans in Denain, um 1900. Foto: Centre historique minier, Lewarde (F)
Anwerbeplakat mit dramatischem Appell an die französischen Bergarbeiter, 1945. Foto: Centre historique minier, Lewarde (F)
Britisches Anwerbeplakat für Bergleute, 1951. Foto: Deutsches Plakat Museum
Plakat der neu gegründeten RAG, 1968. Foto: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn
Lackprofil vom Kamin der Zeche Victoria, 1970er Jahre. Foto: Ruhr-Museum
Tagesbruch in Essen-Altendorf, 1930. Foto: Ruhr-Museum
Schacht Zeichen-Ballons über Zeche Zollverein in Essen, 2010. Foto: Stiftung Zollverein
Eine konservierte Staublunge zeigt die Risiken des Bergbaus für die Arbeiter. Foto: Wurzel

Aber es finden sich auch Objekte aus ganz Europa dort und auf den darunterliegenden Ebenen. Die RAG-Stiftung hat die 2,5 Millionen Euro teure Schau mit 1,5 Millionen Euro gefördert.

Von der Verteilerebene fiel die Kohle in die Bunker. Einer der Räume dient als Treppenhaus.

Rundweg führt in die Tiefe

An der verrußten Wand entlang steigen die Besucher um ein Mobilé aus Schaufeln, Pickeln und einem Förderkübel, mit dem die Bergmänner in den Schacht befördert wurden, hinunter auf die nachträglich eingezogene Bunker-Ebene. Auf deren Höhe lagerte einst die vorsortierte Kohle.

Die Bunker-Ebene bildet den Kern der Ausstellung. In die dicken Wände sind Durchgänge eingelassen, die die Bunker verbinden.

Kohlenstaub funkelt durch die Wände

Der einzige Raum, der nicht betretbar ist, liegt zentral. Fenster-Öffnungen in den anderen Räumen gewähren einen Blick auf das dunkle Innere: Der „Dark Star“ schwebt frei und glitzernd im Raum.

Es ist eine für die Schau gefertigte Installation aus Fiberglas und Kohlenstaub vom walisischen Künstler Jonathan Anderson. Die Strahlen des Kohle-Sterns weisen auf die umliegenden Bunker.

Diese widmen sich Themen wie der gespeicherten Sonnenenergie in Kohle sowie der chemischen, gesellschaftlichen und politischen Dimension des Rohstoffes.

Bunker zeigen 12 Dimensionen der Kohle

In einem hell erleuchteten Bunker hängt ein buntes Fenster, das aus einer Kirche stammen könnte und dem Kohlegas huldigt.

Aus dem schwarzen Gestein wurden sogar bunte Farben gefertigt. 4000 Farbstofffläschchen im Regal des Kohlechemie-Bunkers verdeutlichen das eindrucksvoll.

Kohle steht auch für schnelle Transportmittel. Handbemalte Modell-Eisenbahnen oder eine französische Tapete, die die Strecke von St. Ètienne nach Lyon abbildet, zeigen die Faszination für die neuen Möglichkeiten.

„Die Dampfmaschine war eine Attraktion“, so Kurator Franz-Josef Brüggemeier. „Kein Land hat sich industrialisiert, ohne Kohle zu nutzen.“

Von Schlotbaronen und der Bergmanns-Solidarität

Dieser Nutzen brachte auch Macht mit sich. Die repräsentieren die Schlotbarone, die Eigentümer oder Manager der Bergwerke, die von Gemälden herabblicken, Pokale und Uniformen.

Doch die Arbeiter wehrten sich gegen das kompromisslose Unternehmertum. Streiks und bürgerkriegsähnliche Zustände waren die Folge, dargestellt in Schwarzweiß-Impressionen, die wie ein Netz von den Wänden des Klassenkämpfe-Bunkers hängen.

Den Bergleuten ist der zweite zentrale Bunker („Alltag“) gewidmet. Ein Beamer zeigt die Migrationsströme auf einer Karte. Ums Wohnraumschaffen geht es und um die Anfänge der Konsumgesellschaft. Eine konservierte Staublunge zeigt aber auch die Risiken für Bergmänner.

„Kohle und Krieg“ ist der letzte Bunker

Schließlich hat die Kohle in Kombination mit Stahl auch Kriege ermöglicht. Flugbenzin und Gummireifen wurden aus Kohle gemacht. Eine Sandstein-Statue mit Hüttenarbeiter, Soldat und Bergmann verdeutlicht das.

Von der Bunkerebene führt eine Treppe hinab aus dem Trichter des Treppenhaus-Bunkers. Die Kohle ist durch die Trichter abgelassen und im richtigen Mischverhältnis in die Kokerei gefahren worden.

Unterm Kohle-Trichter liegt der Grundstein der EU

Auf der Trichterebene geht es um die Nachkriegszeit, den Wiederaufbau und die Folgen des Kohlezeitalters. Hell wirkt der Raum nach den kahlen Bunkern.

Die Kontrolle der Nutzungsmöglichkeiten von Kohle steht im Zentrum – international über den Originalvertrag der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl und national durch die Verstaatlichung der Werke. Die Anwerbeplakate für den Wiederaufbau zeigen einen teils hohen Patriotismus. Schließlich weist eine Video-Animation noch auf die Umweltfolgen der Kohlezeit hin, die noch lange weiter bestehen werden.

Zum Abschied erinnern sich die heutigen Kohlemenschen an die Zeit der Kohle. Draußen stehen Maschinen des modernen Bergbaus. Der Mensch und die Gesellschaft aber stehen im Mittelpunkt der Schau.

Mischanlage des Unesco-Welterbe Zollverein Essen: „Das Zeitalter der Kohle“, 26.4. (Eröffnung 18 Uhr) bis 11.11., Arendahls Wiese, Mo-So 10-18 Uhr, Eintritt 10/ 7 Euro, Katalog: 24,95 Euro.

Zu „Kunst und Kohle“ gibt es von Mai bis September in 17 Museen der Region weitere große Ausstellungen.

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