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Enthemmt im Kaufhaus

DORTMUND Wo gehört man denn hin, wenn man zu niemandem gehört? Was bleibt von einem übrig? Wird es mehr sein als Sperrmüll auf der Straße, wie er im Programmheft abgedruckt ist? Im Dortmunder Studio hatte "Josef und Maria" Premiere.

von Von Katrim Pinetzki

, 07.12.2007
Enthemmt im Kaufhaus

"Die Situation ist dermaßen, dass ein Du angebracht wäre": Claus Dieter Clausnitzer und Helga Uthmann als Josef und Maria.

Das Stück von Peter Turrini, uraufgeführt 1980 und überarbeitet nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung, stellt diese bangen Alters-Fragen. Die Antwort, die die Inszenierung des jungen Regisseurs Mathias Frank gibt, lautet: Mit ein wenig Mut zur Anarchie kann man sich es doch noch recht nett machen. So muss man es wohl nennen, wenn eine Putzfrau und ein Mann vom Wachdienst am Heiligen Abend im Kaufhaus nach Ladenschluss im Personalraum Tango tanzen, Hochprozentiges trinken und am Ende gar ein Bett aus dem Verkaufsraum ausleihen.

Eingespieltes Team

Die beiden einsamen Herzen machen es sich nett, doch so einfach ist das gar nicht: Zunächst müssen sich die beiden wieder an das Zuhören, das Wahrgenommen- und Angefasstwerden gewöhnen: Kommunist und Laienschauspieler Josef, der sich für sein Leben eigentlich eine heroischere Rolle erhofft hatte, und Maria, die sich an ihren einzigen Sohn klammert, weil ihr nach einer früh beendeten Karriere als Varietétänzerin sonst nichts blieb.

Bis Februar so gut wie ausverkauft

Helga Uthmann und Claus Dieter Clausnitzer sind Maria und Josef, ein seit Jahren eingespieltes Team und zwei so große Publikumslieblinge, dass schon vor der Premiere die Vorstellungen bis in den Februar so gut wie ausverkauft sind. Das Stück, aus dem Frank ein Kammerspiel macht - die Kaufhauskulisse taucht nur im Überwachungsmonitor auf, andere Nebenrollen sind gestrichen - hat komisch-skurrile Momente, die die Regie weidlich auskostet: Lacher gibt es, wenn Maria dem Josef den Tango beibringt und beide bald enthemmt durchs Kaufhaus tanzen. Oder wenn sie in alter Varieté-Manier verführerisch die Beine übereinander schlägt und er vor lauter Verlegenheit die "Internationale" singt.

  In Dortmund eine Komödie

 Und so nennt Dortmund das Stück mit seinem Happy End unter der Bettdecke auch eine Komödie, was Turrini nicht so sah. Tatsächlich kann man "Josef und Maria" auch ganz anders lesen, bissiger, als Geschichte zweier Menschen, die ihr Leben lang unter ihren Möglichkeiten blieben - Josef, weil er von den Nazis verfolgt wurde und wegen seiner Gesinnung auch später kein Bein auf den Boden bekam; Maria, weil sie immer nur wartete und reagierte, statt ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Mathias Frank erzählt die Geschichte zweier Käuze, was auch funktioniert. Und doch, so ahnt man, wäre mit diesen vortrefflichen Darstellern noch mehr herauszuholen gewesen. Langer Applaus.

 Termine: 16.1., nächste Termine im Februar, Tel. (0231) 50-27222.