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Genial geht die Welt zugrunde

BOCHUM Die Achselhöhle ist nun mal eine Problemzone. Auch für Künstlerinnen. Probeweise hebt die "Königin der Nacht" in der Garderobe die Arme. Da zerreißt ihr Prunkgewand erst unter der einen, dann unter der anderen Achsel. Und wieder einmal muss das Faktotum Frau Vargo (Karin Moog), angefeuert vom Vater der Künstlerin und vom Doktor, mit Nadel und Faden das Kleid und damit die Theater-Welt retten.

von Von Bettina Jäger

, 02.03.2008
Genial geht die Welt zugrunde

Marc Oliver Schulze (l.) als Doktor, Christine Schönfeld als Sängerin und Otto Sander als Vater.

Ein großer Moment grotesker Komik. Leider nur einer von wenigen in Thomas Bernhards Künstlerdrama "Der Ignorant und der Wahnsinnige" von 1972, das am Samstag in den Bochumer Kammerspielen Premiere hatte. Noch draußen im Foyer hatte die Atmosphäre an die Vergangenheit denken lassen. Wegen Thomas Bernhard, dessen Stücke Claus Peymann in Bochum so gern uraufführte. Und wegen der Schlangen an der Kasse. Der Grund dürfte Otto Sander gewesen sein, der in dieser Inszenierung den Vater gibt.

Es ist schon ein seltsames Duo, das da in einer Theatergarderobe kurz vor Beginn von Mozarts "Zauberflöte" zusammenhockt. Der Vater der Künstlerin, ein halbblinder Trinker, unruhig auf die Tochter wartend. Nur scheinbar stillsitzend. Die Finger tippen, die Füße wippen, die Hände streichen über die Oberschenkel. Otto Sander als Meister des Minimalismus. Gegenüber sitzt der "Doktor", anscheinend akut an Sprechdurchfall erkrankt. Grandios, mit welch sorgsamer Eiseskälte Marc Oliver Schulze eine Obduktion beschreibt. Als die Sängerin eintrifft - Christine Schönfeld bricht ab und zu in Koloraturen aus wie ein waidwundes Reh -, erleben wir eine Frau, die künstlerisch auf dem Gipfel und menschlich am Abgrund steht. Zum Schluss, wenn Bühne und Zuschauerraum in totaler Finsternis versinken (1972 in Salzburg war das aus Sicherheitsgründen verboten worden), wird sie zusammenbrechen.

Schauspielerisch phänomenal

Schauspielerisch ein Trio phänomenale. Feinfühlig geführt von Regisseur Burghart Klaußner, der die Aufführung seiner kürzlich verstobenen Kollegin Veronika Bayer gewidmet hat. Aber das Stück? Dass geniale Künstler zu Fachidioten mutieren, dass die Perfektion ihre Menschlichkeit gefährdet, mag noch aktuell sein, bewegend ist es nicht. Vielleicht auch, weil auf der edlen Bühne von Jens Kilian und in den eleganten Kostümen von Dagmar Morell alle ein bisschen zu sehr die Contenance wahren, alle ein wenig zu würdevoll zugrunde gehen. Trotzdem: Riesen-Applaus.

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