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Neu im Kino

Hanekes "Happy End" erzählt von den Untoten von Calais

Michael Haneke ist der große Pessimist des europäischen Kinos, der in „Happy End“ eine Familie seziert. Kalt, nüchtern, mit mehr Zynismus als Hoffnung.

Hanekes "Happy End" erzählt von den Untoten von Calais

Nur noch Rituale halten sie zusammen: Familie Laurent im neuen Film „Happy End“ von Michael Haneke

Auf der Baustelle stürzt die Wand einer Grube ein und reißt ein Dixie-Klo samt Arbeiter in die Tiefe. Das ist das erste, sichtbare Unglück für die Familie Laurent, die es als Bauunternehmer in Calais zu Wohlstand brachten. Der Witwe des Arbeiters werden die Laurents ein lächerliches Schmerzensgeld anbieten, doch hinter der Fassade ihrer Villa wird nach und nach ein anderes Unglück erkennbar, das mit Moneten nicht zu richten ist.

Jeder ist beschädigt

„Happy End“ erzählt von einem Großbürgertum, das bemüht ist, den schönen Schein zu wahren, obwohl die Fundamente des Familienkonstruktes so brüchig sind wie die Absicherung der Baugrube. Die Heuchelei der Bourgeoisie war das Lebensthema von Regisseur Claude Chabrol. Ein bisschen zielt auch Michael Haneke in diese Richtung, der aber nicht kriminelle Energie hinter den Masken seiner Figuren findet, sondern Lebensmüdigkeit, Depression, Unwohlsein. Bei den Laurents ist jeder auf seine Weise beschädigt.

Opa Georges (Jean-Louis Trintignant) schnappt sich den Wagen und fährt absichtlich gegen einen Baum. Er überlebt und will den Friseur überreden, ihm eine Pistole zu verschaffen. Sein Alter und das Leben damit sieht der 85-Jährige als Fluch. Ein Thema, das Haneke schon in „Liebe“ verhandelt hat.

Gefühlsvereiste Familie

Isabelle Huppert spielt Georges‘ Tochter Anne, die das Familienunternehmen leitet. Sie hat die Hosen an, sie funktioniert und geht in der Firma auf, wo sie ihren Sohn Pierre (Franz Rogowski) beschäftigt. Pierre ist ihr Sorgenkind, er hält sich für einen Taugenichts, trinkt und steht mit der Familie auf Kriegsfuß.

Mathieu Kassovitz ist als Annes Bruder zu sehen: ein Arzt, zum zweiten Mal verheiratet, Vater der zwölfjährigen Eve (Fantine Harduin), seiner Tochter aus erster Ehe. Er betrügt seine Frau, Eve weiß davon. „Du liebst niemanden“, sagt Eve, erstaunlich klug für ihr Alter. Ihre Mutter liegt nach einem Suizidversuch im Krankenhaus, deshalb zieht Eve ins Haus der Laurents.

Die Familie wirkt gelähmt und gefühlsvereist, wie eine Sippe Untoter, die nur durch Rituale wie das gemeinsame Essen am Leben teilzuhaben scheint. Hanekes Panorama der Trostlosigkeit macht es dem Kinogänger nicht leicht. Es bietet konsequente Nicht-Unterhaltung, ist betont spröde erzählt, verweigert alle Momente der Entlastung.

Seelenkino

Dass der Film eine schwarzhumorige Groteske sei, bleibt mehr Behauptung als Fakt. „Happy End“ (purer Sarkasmus) bietet gut gespieltes Seelenkino aus der Warte eines galligen Moralisten, der womöglich zum Zyniker geworden ist. Man muss den Film nicht mögen und Hanekes Weltschmerz nicht teilen. Doch Hut ab vor seiner Kompromisslosigkeit. Er will deprimieren und das schafft er.

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