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Hermann A. Kremer - Retter aus Leidenschaft

Engagierter Halterner

HALTERN Verrückt sei er nicht, versichert er mit einem Lächeln. Als guter Mensch möchte er nicht bezeichnet werden, und auch der Ehrentitel "Mister Alexandrowka" behagt ihm nicht. Aber die Tatsache bleibt: Hermann A. Kremer, Frauenarzt aus Haltern am See, rettet in Potsdam ein Baudenkmal nach dem anderen. Darunter gleich zwei Häuser der berühmten Siedlung Alexandrowka, Weltkulturerbe der UNESCO.

von Von Bettina Jäger

, 23.09.2009

Eigentlich ist Hermann A. Kremer (67) Gynäkologe. 30 Mitarbeiter beschäftigt der gebürtige Bottroper in seiner Halterner Praxis und dem angeschlossenen großen Einsende-Labor. Seine Leidenschaft für alte Gemäuer entdeckte er, als er 1995 ein Wochenendhäuschen suchte - in der Nähe von Potsdam, wo seine Frau Elke geboren wurde. Am Beetzsee in Brandenburg wurden sie fündig. Eine der Touren in die Umgebung führte den promovierten Arzt damals in die Potsdamer Alexandrowka - eine verblüffende Sehenswürdigkeit unweit von Berlin.

König Friedrich Wilhelm III. hatte die Siedlung 1826/27 für den verstorbenen russischen Zaren Alexander I. errichtet. Ein kleines Stückchen Russland mit Holzhäuschen und Obstgärten, die Lenné entworfen hatte. Der Preuße und der Zar waren Freunde gewesen - und im Gedenken daran entstanden auf dem Grundriss eines Andreas-Kreuzes 14 Gebäude, die eigentlich Fachwerkhäuser waren, aber mit dicken Bohlen verkleidet wurden.

Ein herrlich romantischer Anblick. Nur schade, dass keines der Gebäude zu besichtigen war. Allerdings stand am Haus Nr. 8 ein Schild "Zu verkaufen". Kremer griff zu und beschloss: "Das mache ich zugänglich." Doch es erwies sich als zu klein. Also restaurierte es der Arzt - inzwischen hat sich der Potsdamer Oberbürgermeister dort eingemietet - und kaufte dann anno 2000 das Haus Nr. 2. Es bot genug Platz für Kremers Traum: ein Museum, das die Geschichte der Siedlung erzählt. Allerdings kroch damals Feuchtigkeit die Wände hoch, zu DDR-Zeiten war nur behelfsmäßig renoviert worden, die Entrümpelung dauerte endlos, das Stallgebäude stand vor dem Zusammenbruch.

Ein Alptraum? Nein, denn das Mitleid mit dem Gebäude hatte Kremer längst gepackt. "Woher ich die Nerven nehme? Das frage ich mich manchmal auch", seufzt er. "Aber das Delegieren an gute Leute ist das Entscheidende." Die Kosten schraubten sich in siebenstellige Höhen.

Seit der Eröffnung im Jahr 2005 fährt Hermann Kremer einmal im Monat nach Potsdam und schaut nach dem privaten Museum, das auf 10 000 Besucher pro Jahr stolz sein kann, aber trotzdem defizitär arbeitet. "Ich muss immer wieder nachstiften", berichtet Kremer. 2001 hatte er mit seiner inzwischen verstorbenen Frau die Potsdam Stiftung Kremer gegründet. Inzwischen engagieren sich die beiden erwachsenen Kinder des Ehepaares im Vorstand.

Doch mit der Alexandrowka endet diese erstaunliche Geschichte nicht. Ein Bürger machte ihn mit den Worten "Sie sind doch so´n Verrückter, der sich für alte Häuser interessiert" auf das Haus

(Foto) in Potsdam aufmerksam, erbaut 1760 durch Carl von Gontard. Der Zustand des Barockbaus war traurig. "Wenn ich so ein Gebäude sehe, kann ich mir sofort vorstellen, aus der Kröte eine Prinzessin zu machen", erzählt Kremer.

Seither hat er nicht nur Nr. 3 restauriert, sondern auch das Haus Nr. 10 am Bassinplatz gekauft, in dem Mozart 1789 für drei Wochen wohnte. Und eine weitere Rettungsaktion hat begonnen: Die verfallene Ziegelei von 1850 in Päwesin am Beetzsee will er unbedingt erhalten.

Hermann A. Kremer hat für sein uneigennütziges Engagement den Deutschen Denkmalpreis erhalten, öffentliche Gelder dagegen noch nie. "Da bin ich aber auch ohne jede Erwartung", sagt er. "Das ist mein Ding, da kann mich hinterher nicht beklagen."

Museum Alexandrowka, Russische Kolonie 2, Potsdam, Di-So 10-18 Uhr.