Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Interview mit Jac van Steen

DORTMUND In den Niederlanden galt er als Experte für zeitgenössische Musik. In Dortmund will der designierte Generalmusikdirektor Tradition und Moderne verbinden - und das Publikum mitnehmen. Mit Jac van Steen sprach Katrin Pinetzki, Redakteurin unserer Zeitung.

von Von Katrin Pinetzki

, 30.08.2007
Interview mit Jac van Steen

„Wie in den Flitterwochen“ fühlt sich Jac van Steen in Dortmund. Der designierte Generalmusikdirektor probt seit gestern mit den Philharmonikern.

Seit gestern proben Sie mit den Dortmunder Philharmonikern. Wie sind Sie aufgenommen worden?

Van Steen: Es ist wie in den Flitterwochen. Alle sind eine Viertelstunde zu früh da, sind hoch konzentriert, und als ich gestern eine Minute zu spät gekommen bin, weil ich den Weg nicht gleich gefunden habe, hatten sie schon mit der Probe begonnen. So sollte es immer sein, aber natürlich streitet man sich auch einmal in einer guten Ehe.

Die Besucherzahlen der Konzerte gehen immer weiter zurück ...

Van Steen: Das ist kein Dortmunder Problem, sondern eines in ganz Europa. Wo ich auch hinkomme, das Publikum wird nicht jünger. Natürlich ist es ein Hauptthema, das Publikum zu motivieren, und zwar gezielt das Dortmunder Publikum. Wir müssen den Konzertbetrieb so lebendig machen, dass die Leute neugierig werden.

Und wie funktioniert das?

Van Steen: In der Spielzeit 2008/2009, wenn ich richtig anfange, wird es ein Konzept mit einigen Schwerpunkten geben, aus denen heraus sich das Programm entwickelt. Auf jeden Fall werden die Top-Werke der Orchesterliteratur angeboten. Vielleicht ehren wir einen oder zwei Komponisten und stellen sie in den Vordergrund. Ich denke auch über Literaturkonzerte nach: Wir könnten einen großen Dichter nehmen, oder ein Werk der Weltliteratur, und einmal schauen, welche Musiker sich davon haben inspirieren lassen.

Natürlich werden auch Werke wie Beethovens Fünfte auf dem Programm stehen - aber dann nicht mit einem Klavierkonzert von Mozart davor, sondern vielleicht mit Sofia Gubaidulinas "Sieben letzte Worte Jesu Christi am Kreuz". Das gibt Beethoven eine neue Perspektive, und diese Kombination erlebt man nur live. Ich will, dass man bei uns nach der Arbeit abtauchen kann - aber bei anderen Konzerten hellwach sein muss. Es wird nicht nur Entertainment geben.

Wo wollen Sie mit dem Orchester hin?

Van Steen: Ich möchte das Orchester dahin bringen, dass es eine starke Repertoire-Breite anbietet, dass es wichtige Werke auf höchstem Niveau, also aufnahmereif, spielt. Ich möchte auf Tournee gehen, nach Rotterdam - das ist eine ähnliche Stadt wie Dortmund - und in die Partnerstadt Leeds. Das Orchester soll auch mal raus aus dem eigenen Haus, eine andere Welt kennen lernen.

Auch in Dortmund würde ich gerne neue Spielstätten erproben, zum Beispiel die Zeche Zollern. Für solche Projekte werden wir in Zukunft Sponsoren brauchen, auch, um gute Solisten zu engagieren. Mit Top-Leuten zu arbeiten, zieht ein Orchester mit.

Sie haben angekündigt, auch mit Ballett und Schauspiel zusammenzuarbeiten?

Van Steen: Bei den Balletten wollen wir so oft dabei sein, wie es geht - das ist dreihundertmal lebendiger als Musik vom Tonband. Und wenn wir für ein Konzert mal einen Sprecher brauchen, werden wir zuerst im Schauspiel, im eigenen Haus, suchen. Am schönsten wäre ein Totaltheater, mit Konzert, Schauspiel, Ballett, Oper.

Um die Besetzung Ihrer Stelle gab es einige Diskussionen: Ihr Kollege Pedro Halffter war ursprünglich die erste Wahl, der sagte jedoch ab. Belastet Sie das noch?

Van Steen: Nein, das ist total uninteressant. Das ist vorbei. Wir waren beide in der letzten Runde, und ich fand es schade, dass die Wahl auf Pedro fiel. Aber ich war nicht empört, nur traurig.

Am Montag geben Sie Ihren Einstand mit Beethoven, Rautavaara und Nielsen. Haben Sie Lampenfieber?

Van Steen: Nein, überhaupt nicht! Ich scharre mit den Füßen, ich würde am liebsten schon heute Abend spielen. Aber wir brauchen noch ein paar Tage.