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Theater Dortmund

Kay Voges dreht am Rad

Dortmund Schauspielintendant Kay Voges dreht in Dortmund das Rad der Regie-Geschichte. Er zeigt Thomas Bernhards „Theatermacher“ an einem Abend in neun Versionen – erst vom Blatt, dann immer irrer.

Kay Voges dreht am Rad

Rollenwechsel: Jetzt gibt Beck (2.v.l.) den Wirt, Rohbeck (dahinter) ist der streichholzdünne Theatermacher. Xenia Snagowski (l.) und Christian Freund spielen die Kinder, Janine Kreß die ewig hustende Frau Bruscon. Foto: Hupfeld

Das Theater von Kay Voges ist derzeit das Innovativste, das man weit und breit sehen kann – und „Der Theatermacher“ von Thomas Bernhard ist der vorläufige Höhepunkt.

Offensichtlich inspiriert von Filmen wie „Lola rennt“, „Rashomon“ oder „Täglich grüßt das Murmeltier“, in denen dieselbe Handlung immer wieder neu beginnt, erleben wir diese Komödie neunmal. Wo gibt es das sonst – neun Inszenierungen zum Preis von einer?

Kritik an Brandschutztechnik

Dabei fing alles bei der Premiere am Samstag ganz harmlos an. Nämlich als Kritik an der Brandschutztechnik. Die schlägt nach dem Umbau des Schauspielhauses Dortmund Kapriolen und produzierte erst kürzlich einen üblen Fehlalarm.

Nichts Neues am Theater: Legendär ist der Streit, den der Autor Thomas Bernhard und sein Regisseur Claus Peymann 1972 mit der Feuerwehr ausfochten. Bei den Salzburger Festspielen war ihnen das Löschen der Notausgangs-Lichter verweigert worden. Dauerwüterich Bernhard schrieb daraufhin 1985 den „Theatermacher“, in dem auch Staatsschauspieler Bruscon sein Werk „Das Rad der Geschichte“ nur aufführt, wenn am Ende Dunkelheit herrschen darf.

Höchst amüsant also, dass Daniel Roskamp die Dortmunder Bühne mit Feuerlöschern und roten Sprinkler-Leitungen zugepflastert hat. Aber selbst dieser große Gasthaus-Saal ist noch zu klein für Bruscon und sein Ego.

Version 1: traditionell vom Blatt gespielt. Als Dicker im Nadelstreifenanzug, mit Stentorstimme und gewaltigen Gesten tritt Andreas Beck als Bruscon an die Rampe. Dieses Theatertier, das so ernsthaft um seine Kunst ringt und dabei doch ein so fieser Möpp ist, trifft auf einen streichholzdünnen Uwe Rohbeck als Wirt. Ein witziges Duo – nur spannend wird es nicht.

Version 2: der Theater-Manager. Nach 70 Minuten lässt uns Theaterdonner aus dem Sitz fahren. Das Stück fängt von vorne an – und diesmal ist Bruscon ein eiskalter Typ, der sich so fix über das Örtchen Utzbach lustig macht, dass das Drama nach 20 Minuten schon vorbei ist.

Version 3: die Spaß-Variante. Warum nicht mal die Rollen tauschen? Diesmal stülpt sich Andreas Beck als Wirt eine Afro-Perücke über und Uwe Rohbeck (zugleich eine hübsche Parodie auf den ebenfalls sehr schlanken Kay Voges) tänzelt als Theatermacher auf die Bühne – ein Männlein, das mit den Armen wedelt und uns die Lachtränen in die Augen treibt.

Version 4: als Musical. Christian Freund als Bruscons Sohn mit blonder Tolle singt diesmal die Handlung, Janine Kreß und Xenia Snagowski laufen in Aerobic-Trikots (Kostüme Mona Ulrich) zu großer Form auf.

Version 5: in der Unterwelt. Bruscon gerät in eine Hölle, in der seine Frau den Theatermacher gibt.

Version 6-8 werden immer kürzer. Und das ist bei 160 Minuten Gesamtdauer ohne Pause auch gut so. Bruscon wird zur Punk-Göre. Eine Version vor Hakenkreuzen erinnert an Bernhards Auseinandersetzung mit Alt-Nazis.

Der Ritt durch die Regiestile von 1985 bis heute dürfte ein noch nie da gewesener Coup sein. Der Abend dekliniert die Möglichkeiten von Modernisierung durch – etwa, wenn in Version 9 mit den tollen Videos von Mario Simon und Tobias Hoeft die Schimpftiraden Bruscons in die große Empörung münden, die heute das Internet beherrscht. Er spiegelt aber auch die Suche des Regisseurs Voges nach einem neuen Theater voller überbordender technischer Fantasie wider.

Für den Besucher dieses theatralischen Meisterstücks bleibt vor allem der Riesenspaß, die Unterschiede der neun Varianten zu entschlüsseln. Begeisterter Applaus.

Termine: 7./31.3., 11./14./ 15.4.; Karten: Tel. (0231) 5027222. www.theaterdo.de

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