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Kleine Leute ganz groß

BERLIN Seine Motive sind als Bierdeckel oder auf Souvenir-Tassen verschlissen worden. Gern nannten sich Kneipen auch "Zille-Stube". Dann haben wir ihn vergessen. Und das hat Heinrich Zille, der vor 150 Jahren am 10. Januar 1858 geboren wurde, nicht verdient.

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Das missverstandene Konzertplakat" zeichnete Zille 1927.

Der Rauschebart war "Papa Zilles" Markenzeichen, wenn er durch Berlin ging.

Zugegeben, er hat sie ja gezeichnet (und zwar gern und für gutes Geld): die süßen "Zillegören" mit heruntergerutschten Strümpfen. Oder die Mütter mit ihren dicken Popos. Oder die Männer, die morgens der Arbeit und abends der Kneipe zustreben, wo dann einer zum anderen sagt: "Wat brauchen wir?n Alkohol, wenn wir Schnaps hab?n!"

Doch wer genau hinschaut, dem vergeht das Lachen. Zilles Brachialhumor lässt uns nur leichter ertragen, wie der Zeichner das Elend des Proletariates ausbreitet, das Leben der Verarmten und Verkommenen protokolliert, immer unterwegs mit Skizzenblock oder Fotoapparat. "Es ist ein nicht gerade heiteres, von wenig Sonne erhelltes Feld, das ich mir wählte", hat Zille selbst gesagt, "der fünfte Stand, die Vergessenen!"

Kampf gegen Wanzen

Wer arm ist, haust im Berlin der Jahrhundertwende in feuchten Kellern oder in Mansarden, kämpft gegen Schwindsucht und Wanzen. Dennoch: Der Mutterwitz geht diesen "kleinen Leuten" nicht aus, ihre Vitalität, ihre Tatkraft und ihre Wut rühren uns an.

Zille kannte die dreckigen Hinterhöfe besser, als einem Menschen lieb sein kann. Die Familie war, als er noch Kind war, selbst ins Elend geraten. Der Vater saß in Schuldhaft, kam 1867 frei und flüchtete vor den Gläubigern aus Radeburg bei Dresden nach Berlin. Doch Zille gelingt der soziale Aufstieg: Lithographenlehre, Abendschüler an der Königlichen Kunstschule. Ab 1877 arbeitet der Vater von drei Kindern für die "Photographische Gesellschaft", bis er mit 50 Jahren plötzlich entlassen wird.

Das Publikum liebte ihn

Doch inzwischen hat sich der Naturalismus durchgesetzt. Gerhard Hauptmann hat den "Biberpelz", Arno Holz und Johannes Schlaf haben die "Familie Selicke" geschrieben. Und auch wenn die akademischen Künstler Zille als "Abort- und Schwangerschaftszeichner" schmähen", so kauft das Publikum doch seine Bildbände "Kinder der Straße" (1908) und "Mein Milljöh" (1913) und liebt den volkstümlichen Ton. "Es tut weh, wenn man den Ernst als Witz verkaufen muss", meinte Zille selbst, der 1924 Mitglied der Akademie wird und 1929 stirbt.

"Es ist Zeit, den sozialen Kern seiner Arbeit und die Empathie des Künstlers für die Verlierer der Industriegesellschaft wieder freizulegen", heißt es in der Ausstellung "Kinder der Straße", die ab morgen in der Berliner Akademie der Künste sowie im Ephraim-Palais zu sehen ist. Und tatsächlich: Heute greift es einem ans Herz, sehen wir das Bild einer Schwangeren, die ein Kind im Arm trägt und sich fragt: "Ob?s noch lebt bis det andre kommt?" Ernst Barlach jedenfalls hat über Zille gesagt: "Wenn sein zeitbedingter Witz Kulturgeschichte geworden ist, dann wird man erst beginnen, Zilles Künstlerschaft zu sehen." 

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Das missverstandene Konzertplakat" zeichnete Zille 1927.

Der Rauschebart war "Papa Zilles" Markenzeichen, wenn er durch Berlin ging.

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