Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Kunst ist ein blutiges Geschäft

BOCHUM Neid ist eine der Todsünden und das treibende Moment in Mark Ravenhills Stück "Pool (Kein Wasser)". Hans Dreher inszenierte das Stück des schockierendsten britischen Dramatikers seit Edward Bond und Sarah Kane und wurde dafür gefeiert.

von Von Hanns Küster

, 17.12.2007
Kunst ist ein blutiges Geschäft

<p>Neidisch: Cornelius Schwalm (l.) und Marc Oliver Schulze spielen zwei Künstler, die ihre verletzte Kollegin skrupellos ausnutzen wollen. Foto Hupfeld</p>

Das Theater unter Tage (TuT) in Bochum ist von subversivem Charme. Hier ist es duster und ein wenig klapprig, die Grenzlinien zwischen Schauspielern und Publikum sind aufgehoben, alles passiert unmittelbar, unabwendbar. Das Bühnenbild (Rebecca Schley) zielt darauf ab. Wir blicken in einen riesigen Trichter, der die Zuschauer in die Bühne saugt. Auf dem Boden wimmelt es von Kabeln, die wie Gedärme wirken.

Kunst ist ein blutiges Geschäft

Wenn ein Gruppenmitglied erfolgreicher ist als alle anderen, dann ist es mit Solidarität nicht weit her. Die viel beschworene Dynamik gerät in eine Schieflage - das Individuum schlägt das Kollektiv. So geschieht es auch mit Ravenhills Bande von Performance-Künstlern. Eine hat sich abgesetzt, macht ihr eigenes Ding und wird berühmt. Sie ist es, die bei einem sentimentalen Wiedersehen in den leeren Pool springt und schwer verletzt im Krankenhaus landet. Die anderen wittern ihre Chance und machen die geschundene Kollegin zum Objekt ihrer künstlerischen Perversion. Sie dokumentieren das Sterben der Kollegin in einer Foto-Story - auch Kunst ist ein blutiges Geschäft. Doch die Todgeweihte wird gesund und übernimmt die Kontrolle über das Projekt. Damit hat keiner gerechnet.

Spannend ist die Perspektive, aus der die Story präsentiert wird. Die Künstlergruppe (Marc Oliver Schulze, Cornelius Schwalm, Janko Kahle und Agnes Riegel) lamentiert über das Geschehene, tut sich leid und schimpft, was das Zeug hält. Diejenige, über die gesprochen wird, tritt aber gar nicht auf, sie ist vielmehr virtueller Mittelpunkt der Handlung.

Kraft des Wortes, Autorität des Neids

Drehers Inszenierung gelingt, weil er sich auf einen Trick Ravenhills einlässt und den Vorfall im Kopf des Publikums ablaufen lässt. Was wir wahrnehmen, ist die Innensicht der Personen. Auch das Schockierende erlebt man nicht wie in "Shoppen und Ficken" - Ravenhills großem Erfolg - durch Gewalt- und Sexszenen auf der Bühne, sondern durch die unverhüllte Kraft des Wortes und die peinliche Autorität des Neids.