Diese Website speichert Cookies auf Ihrem Computer. Diese Cookies werden verwendet, um Ihre Website zu optimieren und Ihnen einen persönlich auf Sie zugeschnittenen Service bereitstellen zu können, sowohl auf dieser Website als auch auf anderen Medienkanälen. Mehr erfahren über die von uns eingesetzten Cookies finden Sie in unserer Datenschutzrichtlinie

Buchkritik

Michel Ruge: „Große Freiheit Mitte“

So spannend der Titel „Große Freiheit Mitte“ klingt – im Grunde nutzt Michel Ruge seine realitätsnahe Erzählung über das Berliner Nachtleben der Nachwendezeit zu sehr als Selbstinszenierung; wenn es auch eine Autobiografie ist, die interessante Einblicke in die Club-, Film- oder Schauspielszene des damaligen Berlin gibt.

Michel Ruge: „Große Freiheit Mitte“

Wie er nach seiner Schauspielausbildung in Hamburg nach Berlin aufbrach, erzählt Ruge, wie sein Stolz ihn dort scheitern ließ, er durch Zufall als Türsteher Karriere machte und die „große Freiheit“ von Berlin Mitte entdeckte.

Schreiben kann der Kampfsportler: Atmosphärisch und von rhetorischer Tiefe sind die Passagen, in denen Ruge wunderbar den bebenden Kosmos der Berliner Techno-Szene einfängt, wie sie ihn aufnimmt und nicht mehr loslässt. Und er wählt markante Metaphern wie den „Geburtskanal“, den Eingang in diese Parallelwelt der Suchenden.

Berliner Charaktere

Die Berliner Charaktere, vor allem die der Berliner Frauen, die Ruge offenbar stark beeindruckten, analysiert er genaustens: als körperliche, distanzlose Idealisten von „stoischer Gelassenheit“, die nicht erwachsen werden wollen. Auch seiner eigenen Charakterzüge ist sich Ruge bewusst: Er reflektiert situativ sein Verhalten und seine Gefühle.

Mit welcher Beharrlichkeit Ruge jedoch versucht, sich von den feiernden Massen zu distanzieren, um seine Grundsätze des „gewaltlosen Anarchismus“ und des Verzichts auf Drogen zu wahren, wirkt wie eine zwanghafte Rechtfertigung. Auch stellt er direkt klar, dass er ein Faible für Ausschweifungen hat. Ohne diese Bekenntnisse würden die schlichten Szenen in übertriebener Theatralik noch lächerlicher wirken.

Schwachstellen

Wenn Ruge prahlerisch an seine harte Schule „auf der Straße“ im Kiez erinnert oder seine Frauengeschichten und Machorivalitäten weit ausschmückt, hat das sonst solide Mitte-Porträt Schwachstellen. Die kurzen Kapitel, oft mit starken Eingangssätzen, variieren in ihrem literarischen Wert. Schade, dass sie sich als Abgesang auf die schöne alte Zeit des Idealismus‘ lesen, der schon damals Macken zu haben schien.

Michel Ruge: Große Freiheit Mitte. Mein wilder Trip durchs Berliner Nachtleben, Droemer Knaur, 12,99 Euro, ISBN 978-3-426-78926-1.

Anzeige
Anzeige