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Netrebko bricht alle Herzen

HALLE/WESTFALEN Es war eine rauschende Gala am Mittwoch in Halle: ausverkaufte Ränge, Roberto Blanco in der ersten Reihe, die ostwestfälische Gesellschaft beim Sekt. Und dennoch war dieser Abend viel mehr als ein glamouröses Event – er war ein echtes musikalisches Ereignis, weil die Netrebko einfach sensationell sang.

Netrebko bricht alle Herzen

Bezaubernd: Anna Netrebko winkte zum Schluss dem Publikum mit einem Blumenstrauß zu.

Noch vor wenigen Tagen stand Anna Netrebko in den Schlagzeilen, weil sie in Salzburg wegen einer Kehlkopfentzündung abgesagt hatte. Keine Spur davon war zu hören. Überhaupt hat die Stimme der 35-Jährigen nicht einen Makel: Das dunkle, fast mezzosopranhafte Timbre wird von keinem Vibrato geschüttelt, die Mittellage ist kräftig, die Höhe völlig unangestrengt. Wenn die Sopranistin lange, sanfte, ausdrucksvolle Phrasen spinnen kann, ist sie unschlagbar.

Die hübsche Arie der Magda aus Puccinis „La Rondine“, Mimìs berühmte Arie aus „La Bohème“ und – absoluter Höhepunkt – das melancholische „Ebben ne andrò lontana“ aus Alfredo Catalanis „La Wally“ zerrissen den Hörern das Herz. Nur ein Stück führte die Sängerin an eine technische Grenze: Die große Auftrittsarie „Casta diva“ aus Bellinis „Norma“, deren schwierige Läufe eher angedeutet als ausgesungen klangen – aber auch das machte sie durch Schönheit des Klangs und Persönlichkeit wett.

Schauspielkunst vergleichbar mit Maria Callas

Persönlichkeit: Die erreicht die Netrebko auch durch ihre erstaunliche Schauspielkunst. Sie ist oft als „die neue Maria Callas“ gepriesen worden. Stimmlich ist das Unsinn, aber ein paar Gesten der großen Griechin scheint sie schon studiert zu haben. Das erregte Spiel der Hände und die oft blitzschnell wechselnde Mimik, die seismografisch jeder Note folgte, hielten das Publikum in Atem.

Was blieb für Tenor José Cura zu tun, der den erkrankten Rolando Villazón vertrat? Nicht viel. In der ersten Hälfte wirkte Cura ein wenig verspannt. Aber je näher das Finale rückte, desto mehr sang der Tenor sich frei. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Marco Armiliato begleitete alles aufmerksam.

Warum Netrebko früher nervös war und Cura es jetzt ist

Zwei Stunden lang hatten sich die kostbaren Stimmen von Anna Netrebko und José Cura in himmlische Höhen geschraubt, hatten das 12 000-Plätze-Rund des Gerry-Weber-Stadions mühelos überflutet. Doch dann hörte Cura auf zu singen und begann fast verlegen zu flüstern.

Vor einigen Jahren trat ich mit Anna auf und fragte sie: Warum bist du denn so nervös?“, erzählte der argentinische Tenor. „Und sie antwortete: Weil ich mit dir singen darf. Heute stehe ich vor Ihnen und bin nervös, weil ich mit so einem großen Star singen darf.“ Das Publikum tobte und die Primadonna fiel dem Tenor um den Hals.

In Gold und Violett

Noch etwas vergessen? Ja: Anna Netrebkos Kleider. Dem Getuschel im Publikum nach waren sie das Thema Nummer eins. Also: In der ersten Hälfte trug sie ein dunkelviolettes Schlauchkleid, in der zweiten ein goldenes mit Rauscherock. In beiden sah sie hinreißend aus. Oper kann so schön sein.

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