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Neuer Dortmunder Opern-Chef will Publikum zurückerobern

Interview

DORTMUND Am Donnerstag unterschreibt Jens-Daniel Herzog den Fünf-Jahres-Vertrag als Intendant der Dortmunder Oper. Am 1.8.2011 tritt er sein Amt als Nachfolger von Christine Mielitz an. Julia Gaß sprach mit dem 46-Jährigen.

von Von Julia Gaß

, 14.04.2010
Neuer Dortmunder Opern-Chef will Publikum zurückerobern

Jens-Daniel Herzog wird neuer Opern-Intendant in Dortmund.

Ich möchte erst ein Gefühl für das Haus, das Publikum und die Stadt entwickeln. Mit dem Spielplan für die Saison 2010/11 habe ich noch nichts zu tun. Mein Spielplan wird sichtbare Linien über Jahre hinweg haben, er wird kein Potpourri der beliebtesten Stücke sein. Ich will alle Komponisten und alle Epochen abdecken, mit einigen Schwerpunkten. Ich möchte Neugierde wecken, auch auf die Komponisten der Nach-Wagner-Zeit. Schreker zum Beispiel hat so süffige Musik komponiert, die geht derart zu Herzen. Ich möchte mit dem Publikum zusammen Neues, aber auch Bekanntes neu entdecken: Mozart zum Beispiel gehört in jedes Repertoire. Seine Opern sind Musiktheater in reinster Form. Mozart und Rossini sind die beste Schule für das Ensemble. Auch über Belcanto denken wir nach.

Ich mag Barockmusik und auch Musik des 20. Jahrhunderts. Neue Dinge zu entdecken, empfinde ich als edelste Aufgabe. Bei Barockmusik bin ich verwöhnt und sehe es mit Freude, dass sich das Dortmunder Orchester in letzter Zeit mit dieser Musik vertraut gemacht hat. Händel zum Beispiel hat Oratorien geschrieben, die eigentlich Opern sind.

Ich bin jetzt erst mal hier, um zuzuhören, zu schauen und zu reden. Es wäre spannend, eine Talentschmiede zu entwickeln und große Stimmen früh zu erkennen. Mein Musiktheater braucht Sänger, die spielen können, da hat sich in den letzten Jahren viel getan in der Oper. Ich möchte für Dortmund Sänger entdecken und sie groß machen. Das ist mein Ehrgeiz.

Ich werde sicher zu Wettbewerben fahren und mit Agenturen zusammen arbeiten. Und ich habe ein dickes Notizbuch. Es gibt viele gute Sänger an den Opernstudios, der Markt für junge Sänger ist zurzeit stark in Bewegung. Man kann auch mit guten Gästen oder Sängern in Teilzeitverträgen arbeiten. Wir müssen ein Ensemble formen, mit dem sich die Dortmunder identifizieren. Das ist ihr Stadttheater, da sollen sie gerne hingehen.

Bis zum Ende der nächsten Spielzeit. Mein Vertrag beginnt am 1.8.2011, am 1.1.2011 beginne ich mit der Vorbereitung meiner ersten Saison. Sie haben als Regisseur mit Stars gearbeitet wie Jonas Kaufmann. Wäre es denkbar, dass die hier mal als Gast singen?

Bei der Haushaltslage wohl eher nicht. Aber vielleicht gelingen uns Überraschungen, wenn wir mehr auf Sponsoren zugehen. Und zwar so, dass sie sich gemocht fühlen und die Oper für sie attraktiv wird. Wie viele Opern werden Sie selbst inszenieren? Herzog: Zwei Produktionen im Jahr am Anfang, vielleicht im ersten Jahr eine mehr, das wird man sehen. Die Auslastungszahlen in der Oper sind schlecht. Wie wollen Sie die wieder ankurbeln? Herzog: Ich will einen Startschuss geben, Neugierde aufs Theater wecken und auf alle Publikumsschichten zugehen. Die Zeiten, in denen man die Abonnenten als aussterbende Art angesehen hat, sind vorbei. Für mich sind sie besondere Kunden, treu und kompetent. Deshalb plane ich besondere Abonnenten-Veranstaltungen. Ich will Musiktheater für alle Altersstufen von neun bis 99 machen, Theater für alle. Die Menschen sollen wieder Lust haben, zu uns zu kommen. Lust auf Oper, das ist ein schönes Motto, für das Publikum und für uns Theatermacher. Wir müssen alle in der Stadt für uns gewinnen.

Indem ich offen in einen Dialog trete mit dem Publikum. Aber auch, indem ich es ernst nehme und nicht unterschätze. Ich muss keine biederen Aufführungen zeigen. Die Oper kann eine entschiedene Sprache und entschiedene Handschrift haben, die Widerspruch erzeugen kann. Aber im Dialog.

Ich habe mich nicht beworben, aber ich habe gesagt, dass ich gerne komme, wenn man um mich wirbt. Als freier Regisseur war ich Unternehmer meiner eigenen Marke. Mich reizt, in einem Zusammenhang zu arbeiten, Verantwortung für Mitarbeiter und ein Haus zu haben. Und das Opernhaus ist ein großartiges Bauwerk.

Das weiß ich noch nicht. Ich werde das genau analysieren. Wenn einmal ein Faden gerissen ist zwischen Stadt und Theater, ist es schwer, ihn wieder zu knüpfen. Wir können nur hoffen, dass es uns gelingt, eine Aufbruchsstimmung zu schaffen und die Menschen neugierig zu machen. Als ich als Schauspieldirektor nach Mannheim kam, war die Lage ähnlich. Da hat es drei Jahre gebraucht, dann kippte die Stimmung. Ich hoffe, dass es in Dortmund schneller geht. Mit der Beschleunigung durch Musik.

Was meinen Sie denn?

Bin ich auch. Wir sitzen alle in einem Boot. Ohne die Technik und Gewerke sind wir Künstler verloren. Theaterglück wird uns nur gelingen, wenn wir an einem Strang ziehen. Das Leben der Mitarbeiter hängt am Theater. Als Regisseur komme ich mit meinen Leuten immer gut klar. Ich fordere ihnen etwas ab, aber sie wissen, dass am Ende etwas herauskommt, worauf wir gemeinsam stolz sein können.

Ja. Denn in meiner Arbeit geht es nie um Provokation, sondern um Entdeckungen, die wir machen, weil wir genau hinschauen und lange nachdenken. Außerdem liebe ich gute Show und bin mir nicht zu schade, Tanz oder musicalartige Elemente einzubauen, um ein Publikum zu begeistern. Wenn es zum Stück passt. Ich will witzige, traurige, berührende Geschichten erzählen auf der Bühne.

Ja. Frau Mielitz‘ Kind wird weiter aufgezogen und groß werden. Man muss die Kinder früh abholen und für diese fantastische und sehr seltsame Kulturleistung Oper sozialisieren. Mein Wunsch ist, dass jedes Kind in Dortmund innerhalb von fünf Jahren zehn Mal bei uns im Opernhaus war, in den Werkstätten und in Vorstellungen.