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Ausstellung auf Haus Opherdicke

So schön kann der Alltag sein

HOLZWICKEDE Viele Stillleben sind zum Erbarmen langweilig. Die Kunstgeschichte kennt unzählige barocke Gemälde aus dem 17. Jahrhundert mit an den Füßen aufgehängter Jagdbeute oder geschälten Zitronen auf Silbertellern. Die Ausstellung „Der Blick nach Innen“ auf Haus Opherdicke zeigt dagegen Stillleben der Klassischen Moderne. Und die sind zauberhaft – vielleicht, weil sie die Schönheit des Alltags so unangestrengt einfangen.

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Felix Nussbaum malte dieses "Stillleben mit weißer Schale und Äpfeln" 1936.

Das "Stillleben mit Äpfeln und Elefantenohr-Pflanze" malte Erich Lindenau 1939.

110 Werke – davon allein 30 aus der Privatsammlung Frank Brabant – haben die Kuratoren Sigrid Zielke-Hengstenberg und Arne Reimann in den schönen historischen Räumen des Herrenhauses aufgehängt. Vor allem ein herrlicher Raum mit Blumenstillleben des westfälischen Expressionisten Peter August Böckstiegel mit pinkfarbenen „Hortensien“ von 1932 und den „Sonnenblumen“ von 1947 dürfte Kunstfreunde anziehen wie der Honig die Bienen. Ebenfalls ein Hingucker ist das „Stilleben mit Tisch und darunter liegendem Kürbis“ von Otto Freytag, weil die Tischdecke so lässig verwurschtelt ist. Das Lieblingsbild von Sigrid Zielke-Hengstenberg stammt aus der Privatsammlung Bauer und ist noch nie öffentlich gezeigt worden: Paul Kleinschmidt malte 1930 den „Geburtstagstisch“ mit einem braunen Kuchen.

Nagel im Nussbaum-Bild

Doch die Schau weitet auch den Blick, zeigt Interieurs (Innenräume) voller Anmut und einer Stille, in der die sprichwörtliche Kraft liegt. Auf der Grenze zwischen Stillleben und Interieur liegen die Küchenbilder des jüdischen Künstlers Felix Nussbaum und seiner Frau Felka Platek von 1943. Während sie sich auf die Gefäße konzentrierte, malte er die Requisiten zusammengedrängt in einer Ecke – so wie sich das Paar in der Nazi-Zeit gefühlt haben mag. Ein gemalter Nagel deutet ihr Martyrium an. Tatsächlich wurden beide Künstler in Auschwitz ermordet. Ein Großteil der Schau widmet sich der „verschollenen Generation“, also jenen Künstlern, die von den Nazis verfemt wurden. Das ist typisch für Haus Opherdicke und zieht die Besucher stets in Scharen an. Aber es gibt auch Neuerungen: Zum ersten Mal präsentiert das Haus Leihgaben aus dem Museum Pablo Picasso in Münster. Es sind acht Lithografien von Pablo Picasso und sechs von Georges Braque, dazu ein Keramikteller, den Braque mit einer Mandoline bemalt hat.

Moderne Kunst ist ganz schön groß

Während sich diese kleinformatigen Meisterwerke perfekt in das Konzept einfügen, dürfte eine Idee des neuen Kurators Arne Reimann für Diskussionen sorgen. So empfangen den Betrachter über zwei Meter hohe, ganz moderne Arbeiten. Die faszinierenden Gemälde von David Czupryn, der seltsame Plastikformen in digital wirkenden Räumen wuchern lässt, schreiben die Geschichte des Stilllebens furios in die Gegenwart fort. Aber die Arbeiten sind auch sehr groß für die kleinen Räume. „Ich wollte, dass der Betrachter im Bild steht“, sagt Reimann. Das funktioniert. Nur Abstand zu den Bildern kann man auf diese Weise nicht gewinnen.

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Felix Nussbaum malte dieses "Stillleben mit weißer Schale und Äpfeln" 1936.

Das "Stillleben mit Äpfeln und Elefantenohr-Pflanze" malte Erich Lindenau 1939.

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