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Woyzeck in der rohen Welt

ESSEN Was berührt uns an Woyzeck? Diesem jämmerlichen Menschen, der sich am Ende durch einen Mord ins Unglück stürzt, nachdem es für ihn von allen Seiten knüppeldick kam. Der junge Regie-Star David Bösch zeigt Büchners Drama in Essen als tragischen Bilderbogen.

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Kein Ausweg, nur Kälte: Naja Robiné als Marie und Sierk Radzei als Woyzeck.

Der Tambourmajor (Nicola Mastroberardino) greift nach Marie.

Bösch entschied sich dafür, Büchners Figur als Anti- Helden einer Welt zu zeigen, wie sie brutaler, kälter, roher selten so plastisch auf der Bühne zu sehen ist. Zur Aufführung kam ein schockierender, eher textarmer Bilderbogen, den das Premierenpublikum mit langem, einhelligem Beifall quittierte.

Die Bühne ein Loch

Die Bühne (Patrick Bannwart) zeigt ein feindselig graues, staubig-steiniges Stück Boden, ein Loch, in das Woyzeck geworfen wurde wie in ein Laborglas. Durch den offenen Deckel sieht man oben den Sternenhimmel - Tod ist der einzige Ausweg.

Der verrückte Doktor

Im Anfangsbild steht Woyzeck bei seinem zynischen Arzt (Siegfried Gressl), der Menschenversuche an ihm vornimmt, einen Helm auf dem Kopf mit zwei Kabeln, die zur Bühnendecke reichen. Woyzeck, das Opfer, der Gelenkte, und der verrückte Doktor - ein starkes Bild wie aus einem Science Fiction-Film der 60er Jahre.

   Woyzeck (Sierk Radzei) ist leicht untersetzt mit jammernd-schwacher Stimme, seine Marie (Nadja Robiné) ein zärtliches Mädchen in gelbem Kleid. Alle anderen Figuren sind durch extravagante Kostüme und ins comic-hafte übertriebenes Spiel Karikaturen ihrer selbst. Der Tambourmajor etwa, Maries Verführer, hat in Böschs Inszenierung keinen Text. Nicola Mastroberardino spielt ihn als glatzköpfigen Skinhead-Rocker, der sich Marie ohne Vorwarnung packt und küsst. Der Hauptmann (Holger Kunkel) sitzt mit blutigem Armstumpf und künstlichem Blasenausgang im Rollstuhl.

Regisseur sortiert die Szenen neu

Bösch behandelt das Stück als Fragment, das es ist; sortiert Szenen und Figuren neu und macht etwa aus dem Marktschreiers einen Zeremonienmeister, der am Ende das Licht ausbläst.

Wie immer setzt der junge Regisseur auf Musik als Gefühlsverstärker. Das martialisch gekleidete "Untergrund-Orchester" um den Bochumer Musiker Karsten Riedel taucht ab und zu auf und bildet die Heavy-Metal-Boygroup für den Tambourmajor.

Quälende Szenen

Wenn der Tambourmajor Woyzeck mit Flaschen und Tritten zusammenschlägt, wenn Marie mit zwei Stichen in den Bauch am Ende stirbt, sind das brutale, quälend lang inszenierte Szenen, die funktionieren. Bösch zeigt eine Horror-Welt als Erklärung für Woyzecks Tat. Eine Psychologie der Figuren muss dabei auf der Strecke bleiben. 

Termine: 18.10., 28.10., 11.11., 24.11. Karten unter Tel. (0201) 8122-200.

  

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Kein Ausweg, nur Kälte: Naja Robiné als Marie und Sierk Radzei als Woyzeck.

Der Tambourmajor (Nicola Mastroberardino) greift nach Marie.

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