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Ob Angst vor Fahrverbot oder Umtauschprämie: Autos im Topzustand landen auf dem Schrott

mlzDieselskandal

Die Dieselaffäre und Angst vor Fahrverboten erreichen das westliche Münsterland. Branche und Autofahrer machen ein Geschäft mit der Umweltprämie – manche ein besseres, andere ein schlechtes.

von Alex Piccin

Legden, Heek

, 07.02.2019 / Lesedauer: 5 min

Fahrer und Halter eines Autos mit Dieselmotor sind seit einigen Monaten unsicher, was in naher Zukunft auf sie zukommt. Besonders Eigentümer eines Volkswagens mussten hart im Nehmen sein. Im Zuge des sogenannten Dieselskandals sehen sich Dieselbesitzer durch Wertverlust und mögliche Fahrverbote benachteiligt und suchen nach Lösungen. Die Diskussion hat nach der Kritik einer Gruppe von Lungen-Fachärzten wieder Fahrt aufgenommen.

In Heek und Legden beobachten Autofahrer die Situation offenbar gelassen. Zumindest deuten die Aussagen hiesiger Rechtsanwälte und Autohändler darauf hin, die nur von wenigen Klagen gegen Volkswagen berichten oder keinen Run auf Neufahrzeuge registriert haben. Andererseits stehen die Höfe der Autoverwerter voll mit Autos der VW-Gruppe.

Gründe für die Abgabe des alten Diesels

Gründe, seinen alten Diesel abzugeben, gibt es vorwiegend zwei: Zunächst ist da die wachsende Zahl an Fahrverboten in Großstädten. Hamburg hat im vergangenen Juni einige Straßenzüge für Dieselfahrzeuge der Abgas-Norm Euro 1/I bis 5/V gesperrt, Stuttgart tat dies zu Jahresbeginn. In den kommenden Monaten ziehen unter anderem Gelsenkirchen, Essen (auch ein Abschnitt der A40), Köln und Bonn nach.

Die gute Nachricht vorweg: Fahrverbote sind im Westmünsterland unwahrscheinlich. Die Hauptadern des Transitverkehrs A31 und B70 kämen am ehesten für eine Überschreitung der Stickoxid-Grenzwerts in Frage. „Durch die ländliche Struktur und offene Bebauung verteilen und verdünnen sich die Schadstoffe in der Luft“, erklärt Birgit Kaiser de Garcia, Pressesprecherin des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV). Das Amt ist verantwortlich für die Messungen. Es führt in Absprache mit den Kommunen zunächst ein sogenanntes „Screening“ durch, um nach verdächtigen Stellen zu suchen. Im Westmünsterland wurden keine Überschreitungen festgestellt.

Umweltprämie

Die Automobilkonzerne haben zusätzlich finanzielle Anreize für einen Fahrzeugtausch geschaffen: die sogenannte Umweltprämie. Diese galt zunächst bis Ende 2018, einige Hersteller haben die Frist aber verlängert. Nach Angaben des ADAC bieten sie je nach Modell ein Entgegenkommen zwischen 1000 und 11.500 Euro beim Kauf eines Neuwagens oder „jungen Gebrauchten“ an, wenn der Kunde seinen alten Diesel verschrotten lässt. Manche Hersteller bieten auch eine Inzahlungnahme an. Fahrer eines Volkswagen-Fabrikats haben die Möglichkeit, auf einen Neu- oder Jahreswagen umzusteigen, sofern er per Dieselmotor betrieben wird. Jene, die aus den sogenannten Intensivstädten – unter anderem Bochum, Düsseldorf und Köln – kommen, können alle Antriebsarten wählen.

Ob Angst vor Fahrverbot oder Umtauschprämie: Autos im Topzustand landen auf dem Schrott

Viele, viele VW-Autos stehen auf den Autohöfen. © Markus Gehring

Die Umweltprämie ist für die Hersteller eine gute Gelegenheit, neue Fahrzeuge an den Kunden zu bringen. Beim Legdener Autohaus und Volkswagen-Vertragspartner Marpert ist nach Auskunft Stefan Assings die Prämie allerdings kein Thema, da es keine Neuwagen vermittelt: „Wir hatten dazu vielleicht eine Handvoll Kunden, die daran interessiert waren.“ Einen Trend „weg vom Diesel“ beobachtet Alfons Rösner pauschal nicht. Er ist allerdings kein VW-Händler, sondern Geschäftsführer des gleichnamigen Ford-Autohauses in Heek: „Neue Kleinwagen sind aus Kostengründen eher Benziner, Viel- und Langstreckenfahrer hingegen bleiben beim Diesel.“ Obwohl auch Ford eine Umweltprämie anbietet, habe sich kein Kunde diesbezüglich an ihn gewandt.

Was machen jene Autofahrer, die ihr Fahrzeug nicht eintauschen möchten oder sich dies nicht leisten können? Theoretisch gäbe es die Möglichkeit einer Nachrüstung, gerade für die relativ häufig im Straßenverkehr zu findenden und teils noch jungen Euro-5-Diesel. Doch diese Hardware von Drittanbietern ist noch in der Entwicklungsphase und noch nicht ausgiebig im Dauerbetrieb getestet worden. Zudem bemängelt der ADAC die schwache Unterstützung seitens der Autobauer: „VW etwa rät seinen Kunden ausdrücklich vom nachträglichen Einbau eines Nachrüst-Systems von einem Fremdanbieter ab.“

Schadenersatz vom Hersteller

Der Halter eines betroffenen Diesels besitzt also, wenn es schlecht läuft, ein im Wert gemindertes Fahrzeug. Um einen Schadenersatz geltend zu machen, ist eine Klagewelle auf Volkswagen zugerollt. Die Legdener Rechtsanwälte Buxot und Rensing haben allerdings kaum Fälle registriert, die gegen VW klagen wollten. Drei oder vier Mandanten habe es gegeben, die sich informiert haben. Sie wurden an die Verbraucherzentrale weitergeleitet, um sich der Musterfeststellungsklage gegen den Hersteller anzuschließen.

Wer an dieser Klage teilnehmen konnte, hat die Verbraucherzentrale online zusammengefasst. Diesen Weg zu gehen, steht Verbrauchern offen, nicht aber Unternehmern oder Selbstständigen. Bis Jahresende hätte ein potenziell Geschädigter sich dort eintragen lassen können, um einer möglichen Verjährung der Schadenersatzansprüche entgegenzuwirken. Rund 300.000 Fahrzeughalter haben dies getan. Eine Eintragung in das Klageregister ist aber noch möglich.

Ob Angst vor Fahrverbot oder Umtauschprämie: Autos im Topzustand landen auf dem Schrott

Rechtsanwältin Lena Bäumer und Rechtsanwalt Georg Tervooren © Privat

Einfacher und risikoloser Weg

Eine diese Klägerinnen ist die gebürtige Ahauserin Lena Bäumer, Rechtsanwältin von der Rosendahler und Heeker Anwaltskanzlei Bäumer und Kollegen: „Ich habe das gemacht, um die Verjährungsfrist zu umgehen und weil es ein einfacher Weg ist. Zudem besteht im Gegensatz zu einer Einzelklage kein Kostenrisiko.“

Ihr Kollege und Rechtsanwalt Georg Tervooren weiß, dass die Dieselaffäre auch in der Umgebung Thema ist: „Für jene, die keine Rechtsschutzversicherung haben, macht die Teilnahme an der Musterfeststellungsklage wirtschaftlich Sinn, da es die Risiken sehr hoch sind und jeder Punkt streitig ist.“ Der Fachanwalt für Verkehrsrecht erklärt, dass bei dieser Klage der Anspruch dem Grunde nach geklärt wird. Wird ihr stattgegeben, habe der Geschädigte in eigenen Klagen die Schadenshöhe zu ermitteln. Wie lange sich diese Prozedur hinzieht, ist offen. Im schlechtesten Fall können bis zur Urteilsfindung Jahre vergehen.

Volle Schrottplätze

In der Zwischenzeit, oder zumindest solange, bis die Hersteller die Umweltprämie anbieten, ist auf den Schrottplätzen eine Menge los. 90 bis 95 Prozent Dieselautos stehen auf den Höfen der Autoverwerter Spahn aus Heek und K+S in Legden – hauptsächlich VW. Auch die absolute Anzahl an Fahrzeugen sei seit gut einem Jahr deutlich gestiegen. In der Regel kaufen sie die zu verschrottenden Pkw von Händlern in der Umgebung und kümmern sich um die zertifizierte Entsorgung.

„20 Prozent der Fälle sind aber Privatkunden, die ihr Auto abgeben und von uns den Nachweis bekommen. Einer ist sogar einige hundert Kilometer gefahren, um sein Auto bei uns abzugeben“, schildert Reinhard Kölker von K+S. Die Angst vor einem Fahrverbot treibe die Besitzer an, ihren alten Diesel zu entsorgen, vermutet er. Dass es im Westmünsterland so weit kommt, hält er für unwahrscheinlich.

Ob Angst vor Fahrverbot oder Umtauschprämie: Autos im Topzustand landen auf dem Schrott

Reinhard Kölker im großen Verwertungslager © Markus Gehring

Wirtschaftliches Risiko

Die zu verschrottenden Autos dürfen weltweit im Straßenverkehr nicht mehr zugelassen werden. Die Autoverwerter schlachten die Fahrzeuge aus und verkaufen dann die Ersatzteile. Doch der Markt ist mittlerweile überschwemmt, die Preise fallen und die Lagerkapazitäten sind begrenzt. „Wenn kein Platz mehr ist, kommen auch die Teile weg“, erklärt Ludger Spahn zähneknirschend. Oder sie werden nicht mehr benötigt, da durch die Verschrottung die Anzahl der zum Ersatzteil passenden Fahrzeuge deutlich abnimmt. „Man weiß nicht, was kommt“, sagt Reinhard Kölker. „Ich habe aber das Gefühl, dass bald eine neue Prämie kommt. Das wäre schlecht für uns.“

Auf seinem Hof tummeln sich Autos, die ihren letzten Kilometer eigentlich noch längst nicht gefahren haben müssten. Zum Beispiel ein Skoda Octavia von 2009, 88.000 Kilometer gelaufen. Reinhard Kölker seufzt: „Der ist top gepflegt und im tadellosen Zustand.“ Die Sportvariante eines Audi A4 oder ein Mercedes CLS, beide elf Jahre alt, zu verschrotten, tun ihm in der Seele weh. Es sei aber nicht zu ändern.

Rechentipps bei der Anschaffung eines Neuwagens

  • Es empfiehlt sich bei derAnschaffung eines Neuwagens, den Listenpreis abzüglich der Umweltprämie mit möglichen Hausrabatten des Händlers gegenzurechnen.
  • Je nach Modell des alten und neuen Fahrzeugs kann beim konventionellen Autokauf ein niedrigerer Preis zustandekommen als durch die Anwendung der Prämie.
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