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25 Jahre Flying Steps: „Eigentlich gibt es keine Grenzen“

Berlin. In jedem Menschen steckt ein Talent, daran glaubt die Breakdance-Legende Vartan Bassil fest. Er hat mit seinen Flying Steps die Szene maßgeblich geprägt. Zum 25. Jubiläum will die Gruppe vier Wochen lang ein großes Berliner Theater füllen.

Der Star steuert das Auto durch den Stadtverkehr. Neben ihm sitzt ein Mädchen und singt. Er, das ist Vartan Bassil, 42, Gründer der Tanzgruppe Flying Steps. Eine Breakdance-Legende, schwärmen die Fans. Sie, der Teenager auf dem Beifahrersitz, ist seine Tochter. Und ein Fan.

„Ich nenn' ihn Vater, du nennst ihn Boss“, rappt Noel zur Musik aus den Lautsprechern, dreht den Kopf zur Seite und strahlt. „Diesen Mann und seine Moves muss man einfach lieben.“ Die Auto-Szene ist eine der Schlusseinstellungen eines Dokumentarfilms über den Berliner und seine Breakdance-Welt.

„Flying Revolution“ heißt der Kinofilm, der schon auf mehreren Festivals lief. Er erzählt die Geschichte der Fliegenden Schritte, der Flying Steps: Wie aus einer Clique hip-hopbegeisterter Jungs ein Kulturunternehmen wurde, das Shows mit Millionenetats um die Welt schickt. 2018 feiert die Truppe 25. Geburtstag. Und versucht - nach vielen Aufs und Abs - wieder einmal, sich neu zu erfinden.

Der Film huldigt zugleich einer Tanz-Szene, die manche Leute noch immer für ein Randgruppen-Phänomen halten. Für etwas, das in den 80er und 90er Jahren hip war. Etwas, das mit Jugendlichen zu tun hat. Mit - mehrheitlich - Männern, die auf dem Kopf oder einer Hand stehend in Fußgängerzonen ihre Körper rotieren lassen. Andere stufen Breakdance rund fünf Jahrzehnte nach seinen Anfängen in den USA längst als Teil unserer Breitenkultur ein.

Im kommenden Oktober bei den Olympischen Jugendspielen in Buenos Aires jedenfalls wird Breaking - dieses Wort wählen Tänzer oft - erstmals Teil der Wettbewerbe sein.

„Durch die vielen Tanzshows, ob im Fernsehen, im Theater, in Konzerthäusern oder bei Wettkämpfen - man merkt, dass das Können der Tänzer extrem ist“, sagt Vartan Bassil. „Genau das versuchen wir, den Leuten näher zu bringen: Auf welch' hohem künstlerischen Level sich der Tanz befindet.“ Mehr Kunst als Sport, so sieht er es.

Bassil, geboren im Libanon und als Siebenjähriger mit der Familie nach Berlin geflüchtet, legt die Latte hoch. Für sich. Und für die Profi-Tanz-Crews. Er ist jemand, der den B-Boys genannten Könnern wiederholt den Weg geebnet hat: aus Jugendclubs auf die Theaterbühne. Vom Freizeitspaß zum bezahlten Beruf. Aus der flippigen Hip-Hop-Ecke in die Höhen der klassischen Musik. Und der dabei keine Skrupel zeigte, erst Reisekosten-Hilfen und ab 2010 ganz offizielle Sponsorengelder vom Energy-Drink-Riesen Red Bull mitzunehmen.

Urban Dance, noch so ein Begriff, den der kreative Kopf der Flying Steps gerne wählt. Seine Augen leuchten. Wenn Bassil von seinem Aufstieg und neuen Zielen erzählt, sprudeln die Worte. Manchmal fängt er den nächsten Satz schon an, bevor der erste zu Ende ist. Er sitzt mit Basecap, Turnschuhen und Vollbart am Besprechungstisch seiner Tanzschule, der Flying Steps Academy. Englische Ausdrücke, sie gehören dazu. Hinter ihm hängen Siegerurkunden von Breakdance-Wettbewerben - den Battles.

Die Tanzschule mit ihren mehr als 30 Lehrern und über 1000 Schülern liegt im Berliner Stadtteil Kreuzberg, im Innenhof der ehemaligen Aqua-Butzke-Werke. Türkische Frauen mit Kopftuch und Hipster auf dem Fahrrad, in der Gegend der quirligen Oranienstraße treffen Welten aufeinander. Wer von dort auf dem Weg zum Hauptquartier der Steps in die Lobeckstraße einbiegt, muss vorbei an einer Tankstelle und einer Autowerkstatt. Die Schulgebäude sind eingerüstet. Weiße Planen flattern, Baustelle.

Am Nachmittag schieben Jugendliche, die zu Kursen wollen, ihre Fahrräder in den Hof. Mütter, und einige wenige Väter, bringen Kinder zum Unterricht.

Die Räume - rund 2000 Quadratmeter - sind hell und zum Teil nagelneu ausgebaut. Im Foyer mit Café sitzen auf Lounge-Sofas und Sesseln Eltern, die etwas trinken. Hinter Glaswänden übt der Nachwuchs Moves - so heißen die athletischen Tanzbewegungen. In einem anderen Raum machen sich Profitänzer warm. Sie perfektionieren Choreographien, die schon bei Tourneen in Dresden und Kempten ebenso gezeigt wurden wie in Brasilien, den USA und dem Libanon.

„Ich kannte die Flying Steps schon aus meiner Jugend“, erzählt Biriz Bali. „Und ich fand sie gut.“ Jetzt schickt die 44-Jährige ihre Kinder Boran (8) und Ela (10) zum Tanztraining. Weil es Spaß macht. Und weil es mit Kunst zu tun hat, sagt sie. Und vielleicht auch, weil reichlich Alt-Stars hier durch die Gänge laufen - wie Bassil, der Macher, Michael „Mikel“ Rosemann aus Berlin und Lil Ceng, richtiger Name Gengis Ademoski, geboren in Mazedonien, aufgewachsen in Saarbrücken. Sie sind Vorbilder für Kinder und Eltern zugleich.

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