Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige

500.000 Deutsche haben kein Girokonto

NRW Mindestens 500.000 Deutsche müssen ihr Leben ohne Girokonto meistern, weil Banken ihnen die Einrichtung oder Unterhaltung verweigern. Experten fürchten ihre gesellschaftliche Vereinsamung.

Anzeige
/
Ohne EC-Karte geht nichts.

Üblich: Bargeldlos bezahlen.

Kein Auszug ohne Konto.

Allein in NRW gebe es bis zu 150.000 Menschen, die kein Konto haben, sagt Marius Stark, Koordinator der Caritas-Schuldnerberatung. Die Folgen für die Betroffenen sind massiv: Sie können keine Überweisungen tätigen, keine empfangen, haben Schwierigkeiten bei der Arbeits- und Wohnungssuche. „Ihnen fehlt ein soziokulturelles Existenzminimum“, so Bernd Jaquemoth von der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung.

Den Verbaucherschützern zufolge kündigen Banken Konten oder weigern sich, welche zu eröffnen, wenn Kunden überschuldet sind oder Konten gepfändet. „Kontopfändungen sind für Banken sehr arbeitsaufwändig“, so Birgit Höltgen von der Verbraucherschutzzentrale NRW. Ihr Kollege vom Bundesverband, Manfred Westphal, weist auf eine andere Ursache hin: „Wer wenig Geld hat, ist für Banken uninteressant, mit ihm ist kein Geschäft zu machen.“

Kontoverweigerung

Dies darf aber kein Grund sein, ein Konto zu verweigern: Bereits 1995 haben sich Privat-Banken verpflichtet, jedem ein Girokonto ohne Dispo einzuräumen. In NRW ist zudem in der Sparkassenordnung geregelt, dass es grundsätzlich Konten für jeden geben muss.

Die Banken weisen die Kritik daher zurück. „Die Selbstverpflichtung funktioniert“, sagt Kerstin Altendorf, Pressesprecherin vom Bankenverband. Auch gebe es ausreichende Beschwerdemöglichkeiten. Beim Sparkassen- und Giroverband heißt es: „Dass jemand kein Konto erhält, kommt nur in Einzelfällen vor. Dem widerspricht die Bundesregierung. In einem Bericht zur Problematik Kontoloser aus dem Jahr 2006 bemängelt sie: Bei der Umsetzung der Selbstverpflichtung bestünden „Defizite“.

.„Kein Konto zu haben, das ist ein Stigma“, sagt Birgit Höltgen. „Arbeitgeber lassen sich auf Bewerber ohne Kontoverbindung gar nicht ein“, weiß die Juristin bei der Verbraucherzentrale NRW. Auch wird das Leben für die Verbraucherschützern zufolge 500 000 Kontolosen in Deutschland teuer: Alle Rechnungen müssen bar bezahlt werden – und dafür nehmen die Banken Gebühren.

In finanziellen Schwierigkeiten

Für einen durchschnittlichen Haushalt liegen die im Monat zwischen 40 und 80 Euro, wie die Verbraucherzentrale Hamburg 2004 errechnet hat. „Viel Geld“, weiß Höltgen. Denn: Wer kein Konto hat, steckt in der Regel ohnehin in finanziellen Schwierigkeiten. „Es trifft alle Schichten: vom Sozialhilfeempfänger bis zum ehemals Selbstständigen, der mit seiner Firma in die Insolvenz gegangen ist“, erklärt Bernd Jaquemoth von der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung.

Dass ein Konto nicht genutzt werden kann, weil es gepfändet ist, sei der Hauptgrund der Banken, Konten zu kündigen oder keine weiteren zu eröffnen, sagt Marius Stark. Der Koordinator der Caritas-Schuldnerberatung hat in der Praxis erfahren: „Jeder Zweite, der zur Beratung kommt, hat Kontoprobleme“.

Vorwürfe zurückgewiesen

Banken weisen die Vorwürfe zurück. „Die freiwillige Selbstverpflichtung der Banken, jedem ein Konto einzurichten, ist ein gutes Instrument, sicherzustellen, dass alle am bargeldlosen Zahlungsverkehr teilhaben“, sagt Michaela Roth vom Zentralen Kreditausschuss. In diesem sind Spitzenverbände der Kreditwirtschaft zusammengeschlossen. „Dass 500.000 Deutsche kein Konto haben, ist nicht nachvollziehbar“, kritisiert auch Kerstin Altendorf vom Bankenverband. Schließlich hätten sich 2006 bei den Privatbanken nur gut 400 Kunden beschwert, weil ihnen ein Konto verweigert wurde.

Für Verbraucherschützer und Schuldnerberater ist dies kein Argument: Die meisten Betroffenen schämten sich, zur Beratung zu kommen und seien allein nicht in der Lage, die Beschwerdeformulare auszufüllen. „Manche müssen dringendere Probleme lösen wie die nächste Miete sichern“, sagt Stark. Viele nutzten notgedrungen Konten von Freuden oder Partnern – teils jahrelang, so Höltgen.

Das Problem im Streit um die Zahl Kontoloser: Die Banken veröffentlichen keine Statistiken darüber, wie oft Konten abgelehnt werden. Verbraucherschützer stützen sich auf Angaben der Bundesagentur für Arbeit, die erfasst, wie viele Empfänger von Sozialleistungen diese nicht überwiesen bekommen können, weil sie kein Konto haben. Diese Zahlen werden hochgerechnet – für die Banken eine nicht valide Methode.

Dass zu viele ohne Konto sind, kritisiert aber auch die Regierung. Regelmäßig prüft sie, wie gut sich Banken an ihre Selbstverpflichtung halten – und kommt 2006 zu einem Negativ-Urteil. Bei den Kontolosen handele es sich nicht um „vernachlässigbare Einzelfälle“. Sie fordert: Die Bankenverpflichtung soll rechtlich bindend sein.

/
Ohne EC-Karte geht nichts.

Üblich: Bargeldlos bezahlen.

Kein Auszug ohne Konto.

Anzeige
Anzeige