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Acht Genies, Handyverbot und ein Edelfan: Schach im Kühlhaus

Berlin. In Kreuzberg sind die Abende dieser Tage lang. Denn eine Schachpartie kann schon mal sechs Stunden dauern. Im Kühlhaus kämpfen derzeit acht Weltklasse-Spieler um das Recht, Weltmeister Magnus Carlsen herausfordern zu dürfen. Nicht immer sind die Fans hautnah dabei.

Ein Foto mit Edelfan Felix Magath und Autogramme von den acht besten Schachspielern der Welt - da ist der Abend für die vier jüngsten Zuschauer im Berliner Kühlhaus gelaufen.

Jarne und seine drei Freunde vom Schachverein Glückauf Rüdersdorf haben ihr eigenes Brett dabei, zum Klappen und aus Kunststoff, besonders praktisch. „Nee, nee, Papa, du bist matt!“, ruft Jarne, gerade mal acht Jahre alt, seinem Vater zu und räumt stolz die letzten Figuren ab. Seine Kumpels freuen sich diebisch, Verlierer Mathias Ruddat grinst und nickt.

Plötzlich Gewusel auf Etage vier des ehemaligen Lager- und Kühlhauses in Kreuzberg: Pressekonferenz, Ruhe bitte - alle Handys aus! Die erste von vier Partien des Abends beim Kandidatenturnier für die Schach-Weltmeisterschaft ist beendet. Der Sieger nach 14 Partien darf im November in London Weltmeister Magnus Carlsen herausfordern; der Norweger ist nach wie vor die Nummer eins der Schachwelt.

Auf Ebene vier treffen sich Fans, neugierige Zuschauer, Journalisten. Gefachsimpelt wird dort, Experten kommentieren jeden Zug, hier hat jeder, von Kategorie Weiß bis Gold, Zutritt. „Spaßzone“ nennt der Veranstalter diese Etage, Tickets gibt's an diesem Abend schon für 17 Euro. Gold kostet am 14. und letzten Spieltag (27. März) bis zu 302 Euro. Ein edles Brett mit Figuren ist am Verkaufsstand für 420 Euro zu haben - dann doch lieber die Gold-Karte für den letzten Abend?

Drei Stockwerke tiefer herrscht Friedhofsstille. Genies sind empfindlich. Das gedimmte Licht, die schwarzen Trennwände und die gedeckten Anzüge der acht Protagonisten passen ins Bild. „Ruhe“ und „Keine Mobiltelefone“ steht als Warnung am Eingang, höchstens mal ein „psssst“ hört man auf der Etage der Geistesriesen. Die Zuschauer können die Spieler und Bretter von den oberen Rängen mehr schlecht als recht sehen - viele schauen deshalb lieber auf die kleinen Bildschirme, die in fast jeder Ecke stehen. Hier entgeht den Fans kein Zug.

Fußballtrainer Magath ist derzeit arbeitslos, viele wünschen sich den ehemaligen Profi und Trainer des HSV zurück nach Hamburg. Doch dazu sagt der 64-Jährige an diesem Abend nichts. Der Hobby-Schachspieler darf bei der Spitzenpartie zwischen dem Amerikaner Fabiano Caruana und Schachrijar Mamedscharow aus Aserbaidschan den symbolischen ersten Zug machen. Dann geht auch Magath in die Spaßzone.

Hauptschiedsrichter Klaus Deventer ist zufrieden mit dem bisherigen Turnierverlauf - und mit den Fans. „Es läuft alles ganz normal, ein störendes Geräusch lässt sich manchmal einfach nicht vermeiden“, sagt Deventer am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. „Wenn wir jeden verhaften würden, der ein Handy bei sich trägt, dann wäre das Kühlhaus bald leer“, meint der Vizepräsident im Deutschen Schachbund.

Nur der 59-Jährige, im Hauptberuf Vorsitzender Richter am Landesarbeitsgericht Hamm, darf die acht Spieler auch „verfolgen“, wenn sie zwischen den Zügen das Brett verlassen. Sogar in die Raucherzone - im ungemütlichen Treppenhaus. Dort ziehen Alexander Grischuk oder Wladimir Kramnik schon mal eine durch: Die beiden Russen sind die einzigen Raucher im Feld.

Davon bekommt Claus nichts mit, denn die Spielerzone ist tabu, und der routinierte Schachspieler schaut auch lieber bei den Partien zu. Dass er diesmal nicht neben den Brettern stehen darf, stört den Fan nicht. „Ich habe beim Turnier auf der Isle of Man beim Frühstück schon neben Caruana gesessen“, berichtet er stolz. Das WM-Duell im Herbst in London reizt den Claus überhaupt nicht. „Das Kandidatenturnier in Berlin ist für mich doch viermal attraktiver.“

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