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Adel vernichtet

HERTEN Zwischen 150 und 200 Millionen Euro öffentliche Gelder hat der Ruhrgebiets-eigene Entsorger AGR durch den rechtswidrigen Kauf und naiven Verkauf des Nürnberger Bauunternehmens Brochier vernichtet – jetzt beginnt die teilweise strafrechtliche Aufarbeitung.

Die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth hat gestern Anklage gegen die britischen Staatsbürger Rhodri Philipps und Derek Ashley erhoben. Sie wirft den Geschäftsmännern gemeinschaftliche Untreue vor.

Philipps, der Spross einer britischen Adelsfamilie mit jahrhundertealter Tradition, hatte Brochier am 1. Januar 2005 über internationale Briefkastenfirmen für einen Euro gekauft und Ashley als „Director“ eingesetzt. Nicht einmal drei Wochen später, am 19. Januar 2005, transferierten die Briten elf Millionen Euro von einem Brochier-Konto nach London. Dadurch trieben sie die Baufirma in die Insolvenz und dutzende Mitarbeit in die Arbeitslosigkeit.

Elf-Millionen-Euro-Kredit

Das mutmaßlich veruntreute Geld stammte aus einem Elf-Millionen-Euro-Kredit, für den die AGR gebürgt hatte, als sie Brochier an Phillips verkaufte. Der Entsorger AGR gehört dem Regionalverband Ruhr und damit allen Städten und Kreisen des Ruhrgebiets. Anschubfinanzierung.

Die Summe war als Anschubfinanzierung der AGR für Brochier gedacht. Die Ermittler gehen jedoch davon aus, dass Philipps und seine internationalen Geschäftspartner mit der Summe eine Frankfurter Chemiefirma gekauft und den Rest für private Zwecke verwendet haben.

Aufforderung zur Überweisung

Bereits im vergangenen März hatte unsere Zeitung exklusiv über die fragliche elf-Millionen-Transaktion berichtet. Mit einem lapidaren Fax war die Dresdner Bank in Dortmund am 19. Januar 2005 aufgefordert worden, die Millionensumme auf ein Konto bei der Barclays Bank in London zu überweisen. Die Transaktionsunterlagen, Kontodaten, Kreditkartenauszüge und der vertrauliche Schriftverkehr zwischen Philipps und Ashley liegen unserer Zeitung vor.

Nach Justizangaben wurden beim Transfer unbesicherte Darlehensverträge zwischen der Brochier GmbH & Co. KG und einer Gesellschaft nach britischem Recht geschlossen. Diese Britische Limited soll aber nur haftendes Kapital von 1000 Britischen Pfund gehabt haben und daher nicht in der Lage gewesen sein, die vereinbarten Zinsen zu bezahlen. Deshalb hätten sich Philipps und seine Geschäftspartner der Untreue schuldig gemacht.

Reisen und teure Uhren

Zusätzlich wirft die Staatsanwaltschaft Philipps Untreue in 22 Fällen vor. Er soll persönliche Aufwendungen in Höhe von mehr als 27000 Euro aus Brochier-Mitteln bestritten haben – Luxusreisen, teure Uhren und Reitausrüstungen. Schließlich machen die Ermittler dem Briten auch zum Vorwurf, er habe nicht rechtzeitig einen Insolvenzantrag für die Firma gestellt.

Phillips sitzt seit März in Nürnberg in Untersuchungshaft. Derek Ashley wurde Ende Juni unter Auflagen aus der Untersuchungshaft entlassen. Der Verteidiger von Phillips, der Nürnberger Anwalt Sven Oberhof, sagte gestern, er sehe einige Punkte anders als die Staatsanwaltschaft. Es sei ein „schmaler Grat zwischen unternehmerischer Entscheidung und strafrechtlicher Relevanz“.

Der Kauf von Brochier durch die AGR Ende der 90-er Jahre ist bisher nicht Gegenstand strafrechtlicher Ermittlungen. Der Regionalverband Ruhr hat jedoch ein juristisches Gutachten zur Frage der Verantwortung in Auftrag gegeben.

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