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Haftstrafe für Todesfahrer von Alstätte

Südlohner nach Unfall angeklagt

Der Verursacher eines tödlichen Verkehrsunfalls in Alstätte wurde wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. An Sekundenschlaf glaubte die Richterin nicht.

Ahaus/Südlohn

, 05.03.2018
Haftstrafe für Todesfahrer von Alstätte

Für die Fahrerin dieses Opels endete der Unfall auf der B70 tödlich. Feuerwehr Alstätte

Wieso fährt jemand mit extremer Geschwindigkeit über eine rote Ampel? Dieser Frage ging am Montag das Amtsgericht Ahaus nach, denn die Raserei eines 24-jährigen Südlohners hatte schwerwiegende Folgen. Auf der B70 bei Alstätte war er im Juli 2016 in den Wagen einer 63-jährigen Niederländerin gekracht, die noch an der Unfallstelle verstarb.

Zur Beantwortung der Frage konnte der Angeklagte wenig beisteuern. Er habe keine Erinnerung an jene Nacht, in der er auf dem Weg zu seiner Arbeit als Kraftfahrer war. „Da ist nichts“, sagte er über seine Erinnerung an die Fahrt. Er wisse lediglich, dass er vorher schlecht geschlafen habe. Erst als er im Krankenhaus aufwachte, setze seine Erinnerung wieder ein. Die Strecke und die Ampel kenne er aber sehr gut. „Die Ampel wird nicht rechtzeitig grün, wenn man über 70 fährt.“

Fatalen Zusammenprall gesehen

Ein 66-jähriger Niederländer dagegen erinnert sich. Denn er fuhr in einem zweiten Auto hinter seiner Frau und musste den fatalen Zusammenprall live mit ansehen. Die Eheleute waren gegen ein Uhr nachts auf dem Heimweg in die Niederlande, nachdem sie ihre Tochter in Ahaus besucht hatten. Als sie sich auf der L560 der Kreuzung mit der B70 näherten, sei die Ampel auf Grün gesprungen, berichtete der Zeuge und Nebenkläger. „Meine Frau fuhr langsam rüber, da habe ich plötzlich das Auto von links gesehen. Der kam wie eine Rakete angeschossen.“ Am Unfallort habe er seine Frau dann leblos aufgefunden.

Mindestens 125 km/h

Eine Zeugin aus Graes berichtete, dass sie Minuten vor dem Unfall auf Höhe des Antonius-Heims bei Vreden von dem Südlohner überholt worden sei. Im Überholverbot und mit extremer Geschwindigkeit. „Wir sind selbst 90 gefahren und der war noch viel schneller“. Später war sie eine der ersten Helfer am Unfallort. Dort habe der Angeklagte von einem möglichen Sekundenschlaf gesprochen.

Grund zum Zweifel an dieser Erklärung lieferte der Gerichtsgutachter. Der rechnete vor, dass der Mann mindestens 125 Stundenkilometer gefahren war. Sein Golf hatte sich in die Fahrerseite des Opels der Niederländerin gebohrt und diesen nach dem Aufprall noch mehr als 55 Meter mitgeschleift. Ausgehend von dieser Berechnung wies er nach, dass der Südlohner für mindestens acht Sekunden und hunderte von Metern bei freier Sicht auf die rote Ampel zugerast sein muss. Für einen Sekundenschlaf sei dies zu lang und Schlaf erkläre auch nicht das Tempo, so der Gutachter.

„Wie ist das dann erklärbar?“, fragte der Strafverteidiger. „Ich hätte eine Erklärung in der Anklage stehen: vorsätzliche Verkehrsgefährdung“, entgegnete der Staatsanwalt. „Sie waren nichts anderes als ein sinnloser Raser“, führte er aus und forderte ein Jahr und drei Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Richterin glaubt an Vorsatz

Damit gab sich die Richterin nicht zufrieden: „Ich bin überzeugt, dass Sie grob fahrlässig und rücksichtslos gehandelt haben. Das Überholen vorher passt dazu.“ Der Sekundenschlaf sei eine Schutzbehauptung, so die Richterin. „Warum Sie die rote Ampel missachtet haben, haben Sie selbst beantwortet. Sie springt eh nicht auf Grün, haben sie gedacht.“ Wegen fahrlässiger Tötung verurteilte sie den Angeklagten zu einem Jahr und sechs Monaten Freiheitsstrafe. Ohne Bewährung. Dies begründete sie mit dem Vertrauen der Bevölkerung in den Rechtsstaat. „Der wäre erschüttert, wenn das nicht vollstreckt würde.“63-jährige Niederländerin bei Unfall tödlich verletzt

Seit dem Unfall fuhr der Angeklagte noch fast zwei Jahre weiter – als Berufskraftfahrer für Viehtransporte. Nun ordnete die Richterin den Entzug der Fahrerlaubnis an. „Mir ist klar, dass das für Sie die Arbeitslosigkeit bedeutet, aber angesichts der Freiheitsstrafe werden Sie Ihren Beruf sowieso nicht ausüben können.“

Witwer gibt Angeklagtem die Hand

Lebenslänglich wird der Angeklagte mit der Schuld leben müssen. Bis zur Begegnung im Gerichtssaal hatte er sich nicht bei den Angehörigen gemeldet. Einen Brief habe er geschrieben, aber nie abgeschickt, sagte er. „Ich hatte nicht den Mumm.“

Im Gerichtssaal bat er den Niederländer und seine Tochter mit zitternder Stimme um Entschuldigung. „Die Entschuldigung nehme ich an, aber vergessen werde ich es nie“, antwortete der Witwer. Er gab dem Angeklagten die Hand und wünschte ihm „alles Gute für den weiteren Lebensweg“.

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