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Kriminalität sinkt, Unsicherheit steigt

Schlossgespräch

Die gefühlte Kriminalitätsrate unterscheidet sich in Deutschland von der tatsächlichen. Der Kriminologe Prof. Dr. Christian Pfeiffer ging diesem Thema beim Schlossgespräch auf den Grund.

Ahaus

, 07.11.2018
Kriminalität sinkt, Unsicherheit steigt

Bürgermeisterin Karola Voß (v.l.) und der Vorsitzende der Bewährungshilfe Ahaus, Andreas H. Groten, bedankten sich bei Prof. Dr. Christian Pfeiffer für den Vortrag zur Kriminalität in Deutschland. © Raphael Kampshoff

Das 50-jährige Bestehen der Bewährungshilfe Ahaus-Gronau war der Anlass für eine kleine Feier im Rahmen der Schlossgespräche im Fürstensaal des Schlosses am Dienstagabend.

Rund 100 Zuhörer, darunter Helmut Wilp, eines der zwölf Gründungsmitglieder im Jahr 1968, kamen, um dem Vortrag „Kriminalität sinkt, Unsicherheit steigt. Gefühlte Kriminalitätstemperatur versus Faktencheck“ beizuwohnen. Gehalten wurde der abwechslungsreiche Vortrag von Prof. Dr. Christian Pfeiffer. Er ist Kriminologe und ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Von 2000 bis 2003 war er zudem Niedersächsischer Justizminister.

Als Christian Pfeiffer die Anfrage zum Vortrag bekam, hat er ohne Zögern zugesagt. Er selbst hat schon eine lange Verbindung zum Thema Bewährungshilfe. In seiner Studentenzeit lebte er in einer Wohngemeinschaft, in der von acht Zimmern immer eines für in Bewährung befindliche Personen frei war.

Im Rahmen seiner Tätigkeiten am Kriminologischen Institut stellte er 2004 erstmals fest, dass der Unterschied zwischen der gefühlten Kriminalität und der tatsächlichen riesig ist. Insgesamt wiederholte Christian Pfeiffer seine Untersuchungen in der Zwischenzeit viermal und kam immer zum gleichen Ergebnis. So ging die Anzahl der Sexualmorde in den vergangenen 30 Jahren um 90 Prozent von 55 auf 5 zurück. Bei Befragungen glaubten die Personen, dass diese dramatisch angestiegen seien. Auch die Zahl der Morde insgesamt ging um über 30 Prozent zurück. Trotzdem fühlen sich die Menschen in Deutschland immer unsicherer.

Medienkonsum

Einfluss auf die gefühlte Kriminalität haben neben dem Alter und der Region, in der die Befragten leben, vor allem die Auswahl der Medien, die sie konsumieren. Die gefühlte Kriminalitätstemperatur ist demnach bei Personen, die private Fernsehsender bevorzugen, deutlich höher als bei Menschen, welche die öffentlich-rechtlichen Medien konsumieren. Ebenso verhält es sich bei Boulevardzeitungslesern gegenüber Lesern von regionalen Zeitungen. Am besten, so Pfeiffer, schnitten Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) ab.

Den Hauptgrund der sinkenden Kriminalität sieht Christian Pfeiffer in einer Rede von Astrid Lindgren bei einer Preisverleihung der Buchmesse 1978. Laut Pfeiffer habe Lindgren damals die Abschaffung von Gewalt an Kindern gefordert. Seitdem dies auch von der Bundesregierung unter Strafe gestellt worden sei, seien Gewalttaten an Kindern stark zurückgegangen, so Pfeiffer.

Rate leicht erhöht

Eine leichte Zunahme erlebte sie mit der Flüchtlingswelle. Dies sei, erklärte Pfeiffer, aber vor allem damit zu erklären, dass hauptsächlich Männer zwischen 18 und 30 Jahren eingewandert seien, die auch unter Deutschen die größte Gruppe an Kriminellen darstellen würden. Aber auch hier werde wieder ein Rückgang erwartet, der mit vernnünftiger Integration noch deutlich schneller vorangehen würde, sagte Pfeiffer.

Nach dem Vortrag durften die Gäste Christian Pfeiffer Fragen stellen. Diese beantwortete er sachlich und ausführlich. Lediglich als versucht wurde, ihn in eine bestimmte politische Richtung zu drängen, wurde es kurzfristig etwas emotionaler.

Am Ende des offiziellen Teils bedankte sich der Vorsitzende der Bewährungshilfe Ahaus, Andreas H. Groten, bei Christian Pfeiffer mit einem Schlossstollen. Bürgermeisterin Karola Voß überreichte der Bewährungshilfe eine Spende in Höhe von 500 Euro und dankte für die Arbeit des Vereins. Er besteht zurzeit aus 50 Mitgliedern und ist weiterhin auf der Suche nach Mitstreitern. Ein Mitgliedsbeitrag wird nicht erhoben und es müssen auch keine Aufgaben übernommen werden, so Andreas H. Groten. „Für uns ist es wichtig ein großes Netzwerk zu haben, sodass man immer weiß, wen man ansprechen kann, wenn man ein Problem hat.“

Nach der Veranstaltung lud der Verein noch auf einen gemütlichen Smalltalk bei Getränken ein. Die Zuhörer nutzen dieses Angebot, um sich intensiv über das Gehörte auszutauschen und auch um weitere Fragen an Christian Pfeiffer zu stellen. Unter den Gästen war auch der pensionierte Lehrer Werner Oonk aus Gronau. „Ich habe die Beispiele des Herrn Pfeiffer in meinen 40 Jahren als Lehrer mit den unterschiedlichen Nationalitäten genauso erlebt. Mich hat der Vortrag begeistert und ich werde auch sein Buch kaufen, sobald dies heraus kommt.“

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